Ein Geschenk für Frau Hildegard

Vor 1000 Jahren schenkte König Rudolf III. einer adligen Dame die «Oeden zu Mulinberc». Heute ist die Gemeinde vor allem als Standort eines Atomkraftwerks bekannt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Obwohl selten jemand hingeht, kennen alle Mühleberg. Dort steht nämlich das drittälteste Atomkraftwerk der Schweiz. Doch Mühleberg ist mehr als der Standort eines in die Jahre gekommenen Reaktors. Es blickt auf 1000 Jahre Geschichte seit der ersten schriftlichen Erwähnung zurück. Um das Jahr 1016 schenkten der Burgunderkönig Rudolf III. und Königin Irmingard das Gebiet von «Mulinberc» einer Dame namens Hildegard und ihren zwei Söhnen. Eine Kopie der Schenkungsurkunde befindet sich heute im Walliser Kloster St. Maurice. Dies allerdings ist längst nicht der Beginn der Mühleberger Geschichte. Der älteste Hinweis auf Menschen in der Gegend ist ein Beil aus der Jungsteinzeit.

Wasser ist ein Privileg

«Mühleberg war immer privilegiert», sagt Arthur Burkhalter. «Es hat viel Wasser, und die Hauptverkehrsachse zwischen Bern und der Westschweiz führt über das Gemeindegebiet.» Burkhalter ist Autor der Festschrift «1000 Jahre Mühleberg» und hat die Geschichte der Gemeinde leserfreundlich aufgearbeitet. Burkhalter ist pensionierter Chemiker und hat sein Leben lang in der Gemeinde gelebt.

Heute umfasst Mühleberg 15 Dörfer und Weiler, in denen zusammen rund 2800 Menschen auf einem Gebiet von 26 Quadratkilometern wohnen. Etwa ein Drittel des Gebiets ist Wald und gut die Hälfte ist landwirtschaftliche Nutzfläche. Die Autobahn von Bern nach Murten führt durch die Gemeinde und auch die Bahnlinie nach Neuenburg.

Die Bewohner des Gebiets wissen die Vorteile der Bäche und Flüsse schon lange zu nutzen. Zwar werden die ersten Mühlen erst Ende des 13 Jahrhunderts schriftlich erwähnt. Doch dürfte der Name in der Ersterwähnung auf eine Mühle hinweisen. «Mulin» ist das althochdeutsche Wort für Mühle. Ende des 18. Jahrhunderts wurden im Amtsbezirk Laupen ganze 28 mit Wasser betriebene Werke gezählt. Es waren vor allem Getreidemühlen, Ölpressen und Sägewerke. Noch heute gibt es die Flühlenmühle, eine aktive alte Mühle, die von einer Stiftung betrieben wird.

Sowohl die Aare als auch die Saane fliessen über das heutige Gemeindegebiet. In Gümmenen führte eine wichtige Brücke über die Saane: die Gümmenenbrücke. Deshalb war das heutige Dorf eine kleine Stadt mit einer Reichsburg. Heute zeugt nur noch der Vestihubel davon.

Bundesräte auf dem Elektrosee

Schliesslich entdeckten die 1898 gegründeten Bernischen Kraftwerke (BKW) das Gebiet für sich und kauften nach dem Ersten Weltkrieg ein grosses Stück Land. 1917 erhielt die BKW trotz Einspruch der Stadt Bern die Konzession für den Bau des Wasserkraftwerks in Mühleberg. Bern hätte die Aare gerne selbst gestaut, um ihre Energie gewinnbringend zu nutzen. Nur drei Jahre später stiegen die sieben Bundesräte in Hinterkappelen ins Motorboot, um das Kraftwerk und den neuen See feierlich einzuweihen. Noch hatte der neue See keinen Namen. Zur Diskussion standen «Elektro-» und «Kraftsee».

Mitte der 1960er-Jahre plante die BKW den Bau des Atomkraftwerks und begann bald darauf zu bauen. Die Bauzeit betrug vier Jahre. Kurz nachdem der Reaktor 1971 zu Testzwecken hochgefahren wurde, brannte das Maschinenhaus. Die starken Vibrationen hatten eine Schraube gelöst, Öl floss aus und ein Feuer brach aus. Der Brand konnte zwar gelöscht werden, verzögerte aber die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks um ein Jahr.

Neues Kapitel: AKW-Abbau

2019 beginnt das letzte Kapitel des Atomkraftwerks. Die BKW will es abschalten und zurückbauen. Mühleberg wird mit seinem AKW einmal mehr in die Geschichte eingehen. Dort wird das erste stillgelegte Kernkraftwerk der Schweiz stehen.

Am Samstag beginnt das Mühleberger Jubiläumsjahr mit zahlreichen Feierlichkeiten.

Festschrift: Arthur Burkhalter: 1000 Jahre Mühleberg 1016–2016. Eine Zeitreise durch die Geschichte der Gemeinde Mühleberg. Druckerei Paul Weber, Neuenegg. 157 Seiten. (Der Bund)

Erstellt: 09.01.2016, 09:42 Uhr

Mühleberg nach dem AKW

Die Ortschaft Mühleberg ist stark mit dem Standort des AKW verbunden. Gemeindepräsident René Maire (SVP) freut sich auf die Zeit nach dessen Abschaltung.

«Wir werden vor allem als Standort des Kernkraftwerks wahrgenommen», sagt René Maire (SVP), Gemeindepräsident von Mühleberg und Betriebsleiter der Käserei in Rosshäusern. Doch betreffe dieses nur eine sehr kurze Episode der über tausendjährigen Geschichte (vgl. Haupttext). «Irgendwann wird es weg sein und etwas anderes wird entstehen», sagt er.

Für die Identität der Gemeinde bedeute dies, dass sie wieder eine ländliche Gemeinde werde. «Bis in die 50er-Jahre dominierte die Landwirtschaft.» Das hat sich in den Jahren danach stark verändert. Heute gebe es nur noch 70 Bauernbetriebe in der Gemeinde. «Aber diese bewirtschaften viel grössere Flächen als ein durchschnittlicher Betrieb damals», sagt Maire.

Die Einwohnerzahl sei in den letzten 150 Jahren lediglich um 300 Personen gewachsen, und in der Planung der Regionalkonferenz sei Mühleberg «ein weisses Blatt», also kein Entwicklungsschwerpunkt.

Der Atomkritiker Rainer Burki lebt seit 2011 in Mühleberg. «Zwei Monate nach dem Reaktorunfall in Fukushima sind wir eingezogen», erzählt er. In der Gemeinde werde oft über das Atomkraftwerk Mühleberg gesprochen. «In diesem Sinne ist es ständig da, obwohl man es nicht sieht.»

Zimmervermietung als Zustupf
Es sei schwierig abzuschätzen, wie viele Einwohner der Gemeinde das Atomkraftwerk befürworteten. «Vermutlich ist etwa die Hälfte der Einwohner kritisch eingestellt», sagt Burki. Gleichzeitig profitiere ein Teil der Einwohner wirtschaftlich davon. Rund fünfzig Personen der Gemeinde arbeiten im AKW. Doch zahlreiche Familien beherbergen während der jährlichen Revision ausländische Fachkräfte. «Zimmervermietung an AKW-Arbeiter ist zu einem kleinen Wirtschaftszweig in der Gemeinde geworden», sagt Burki. Auch der Steuerfuss der Gemeinde liege dank dem AKW etwas tiefer als in vergleichbaren schweizer Gemeinden.

«Anspannung wird nachlassen»
Burki rechnet nicht damit, dass das Abstellen des AKW die Gemeinde wesentlich verändern wird. «Schon heute gibt es in Mühleberg nur wenig Infrastruktur: einen Bäcker, einen Lebensmittelladen und zwei Restaurants.» Insofern sei Mühleberg eine Berner Agglomerationsgemeinde. Was aber sicher nachlassen werde, wenn das AKW abgestellt sei, sei die stete unterschwellige Furcht vor einem Reaktorunfall. «Etwa ein Jahr nach dem Abstellen, wenn die Brennstäbe entfernt sind, werde ich mich innerlich zurücklehnen», sagt Burki.

Artikel zum Thema

Mühleberg-Anwohner suchen ihre Tabletten

Die neue Informationskampagne zum Verhalten bei einem AKW-Unfall stösst in den Leserbrief- und Kommentarspalten auf wenig Gegenliebe. Bei den Behörden melden sich indes vorwiegend Leute, die ihre Jodtabletten nicht mehr finden. Mehr...

Mahnungen zur Endrunde von Mühleberg

Die Nuklearsicherheitsbehörde ENSI stellt fünf Forderungen für den Betrieb des AKW-Mühleberg. Mehr...

Erdbebengefahr für AKW bleibt im Dunkeln

Das Ensi hat endlich die Erdbebenwerte für die AKW, darunter Mühleberg, festgelegt – doch bevor es die Werte bekannt gibt, will die Behörde zuerst die Betreiber anhören. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...