Ein Diktator, der die Musik liebte

Sein Lebensantrieb war es, Menschen mit Musik glücklich zu machen. Nun ist der lauteste Thuner Beat «Pädu» Anliker im Alter von 59 Jahren gestorben.

Ein seltener stiller Moment: MC Anliker im Mokka-Backstage.

Ein seltener stiller Moment: MC Anliker im Mokka-Backstage. Bild: Franziska Rothenbühler

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Wenn du manchmal nicht mehr über den Berg siehst, den Blues hast, dann musst du nur daran denken, wie viele Leute du hier in diesem Club schon glücklich gemacht hast. Und wie viele du künftig noch glücklich machen kannst. Beat «Pädu» Anliker (2011)

Man hört das Klagen immer öfter: Der Musikwelt ermangle es je länger, je mehr an Leidenschaft. Im beschaulichen Thun – genauer gesagt an der Allmendstrasse 14 – war diese Leidenschaft bis Dienstag noch zu Hause. In dem funkelnden, glitzernden Reich namens Café Mokka. Hier war die Musik weit mehr als das beiläufige Unterhaltungsprogramm einer nach Zerstreuung und Alkoholika dürstenden Jugend.

Und wenn sie dies an einem schlechten Abend dennoch zu werden drohte, dann war da dieser langhaarige, nachlässig geschminkte, aufwendig gewandete, resolute, raumgreifende Hausherr, der dieser Jugend – oder der Band, die ihre Sache nicht richtig ernst nahm – auch schon mal die Leviten las.

Beat «Pädu» Anliker hiess der Mann, der am Dienstagabend aufgehört hat zu funkeln. Der Mann, ohne den dieses Städtchen Thun nicht mehr dasselbe sein wird wie zuvor. Grauer irgendwie. Trauriger. Leiser.

Er war genau das, was sein Kampfname versprach: MC Anliker – der Master of Ceremony. Er selber sprach von einer «lustvollen Diktatur», die er in seinem europaweit hochgeschätzten Club über die Jahre etablierte. Es gab Schnittblumen auf der Herrentoilette, Kunst und Tand an den Wänden, Science-Fiction-Figuren standen neben Kunst von MS Bastian, Spielzeug neben Schnörkel-Lampen, überall blinkte etwas, und bekocht hat er die Bands, die bei ihm auftraten, mit aller Hingabe in Eigenregie.

Den Braten legte er teilweise schon zwei Tage vorher in die Marinade ein, Sättigungsbeilagen gab es bei ihm nicht, jede Komponente war liebevoll zubereitet, jedes Menü eine kleine Komposition. Die Musiker sollten sich bei ihm wohlfühlen, das würde sich auch positiv auf die Kunst auswirken, pflegte er gerne zu sagen. Eine Diktatur, die man gerne in Kauf nahm.

Und trotzdem: Wer im Mokka spielte, der reiste mit einer gesunden Ehrfurcht in Thun an. Manche Konzertagenturen pflegten ihre Musiker im Vorfeld zu warnen, dass es im Mokka ein bisschen anders zu- und hergehe als in anderen Kulturstätten Europas. Regel Nummer eins: Man solle stets anständig bleiben, der Rest werde sich ergeben. Und dann solle man es einfach geniessen.

Ein mächtiger Charismatiker

Anlikers Eifer für die Musik war ungezügelt – und zwar im Guten wie im Bösen. Ein schlechtes Konzert konnte ihn furchtbar erzürnen, wie ein gutes Konzert ihn zum glücklichsten Menschen auf Erden zu machen vermochte. Das Ungefähre war seine Sache nicht. Routine wurde in seinem Reich nicht geduldet. Und wenn sie sich einzuschleichen drohte, dann wurde sie von Pädu Anliker mit grösstem Vergnügen sabotiert. Er galt als unberechenbar, öfters auch unbeherrscht, doch als Person ist er stets unfassbar geblieben.

Dass in diesem mächtigen, lauten Charismatiker ein hochsensibles Wesen steckte, blieb vielen verborgen. In den seltenen stillen Momenten offenbarte sich ein nachdenklicher, sanfter, zu kindlicher Begeisterung fähiger Mensch. Gerne holte dieser zu lautstarken kulturpessimistischen Tiraden über die Unwägbarkeiten des Musik-Business aus – fünf Minuten später sass man mit ihm im Büro, wo er einem mit funkelnden Augen seine neuesten musikalischen Entdeckungen vorspielte. Es war dieser Entdeckergeist, der ihn jeden Tag antrieb und der dazu führte, dass die lustvolle Diktatur des Herrn Anliker im Mokka Thun dreissig Jahre andauern konnte.

In tagelanger Recherchearbeit klopfte er die immer unübersichtlicher werdende Musikszene nach Trouvaillen ab. Eine Erkenntnis, die ihm während einer solchen anstrengenden Findungsphase gekommen ist, hat er spornstreichs auf einen Aufkleber gedruckt, mit dem er in der Folge über Jahre seinen Club bewarb: «Musik ist scheisse», stand da drauf.

Und die Lebensaufgabe des Pädu Anliker bestand darin, aus diesem unwohl riechenden Haufen Musik die Schönheiten zu fischen. Darin war er gut. Weil er nicht in landläufiger Veranstalter-Logik dachte, weil er Risiken einging, weil sein Musikhorizont sich über die ganze Welt erstreckte, weil er lieber eine gute als eine erfolgreiche Band zu Gast hatte. Das Spektrum reichte von erlesener Weltmusik bis zur angriffigen Elektronika und vom deutschen Liedermachertum zum skandinavischen Indie-Rock.

Die hippsten Bands waren ebenso bei ihm zu Gast wie die kauzigsten Hippies, der moderne Jazz ebenso wie die lokale Heavy-Metal-Band. Doch beliebig war sein Programm nie. Es war ein bisschen wie mit dem Interieur des Lokals: In diesem Club wurde das Unvereinbare zu einer schillernden Einheit.

Vom Revoluzzer zum Mit-Thuner

Natürlich war das Mokka Thun kein reiner Musikclub. Es gibt kaum einen Thuner zwischen 18 und 45, der nicht in Papa Anlikers Nacht-Kita sozialisiert wurde, kaum einer, der hier nicht seinen ersten Alkoholrausch erlebte oder mit halblegalen Suchtmitteln herumexperimentierte. Gerne erzählte Anliker, wie auch die Söhne und Töchter jener konservativen Thuner Stadt-Politiker bei ihm verkehrten, die ihm und seinem Club den Garaus machen wollten. Es seien nicht die bravsten Besucher gewesen. Doch Namen nannte er nie. Auch wenn er sich gerne mit der Politik anlegte und sich leidenschaftlich einmischte, blieb er stets einigermassen anständig.

Nur einmal, da ging er wohl ein bisschen zu weit. Ende der Siebzigerjahre ist das gewesen. Auf dem Rathausplatz zu Thun hielt Bundesrat Willi Ritschard eine Rede, die von Beat Anliker und seinen Kollegen empfindlich gestört werden sollte.

Anliker wollte gegen die Atomkraft demonstrieren und hatte sich zu diesem Zweck aus Papiermaché ein Mini-Kernkraftwerk gebaut, welches die Bande auf den Platz karrte, um es dort mit einem leicht überdimensionierten Sprengsatz in die Luft zu sprengen. Willi Ritschard ergriff die Flucht, Chaos überall. Die anwesenden Thuner seien ob dieser Aktion dermassen aufgebracht gewesen, dass die Polizei die Revoluzzer in Schutzhaft nahm, um sie vor Repressalien der Bevölkerung zu bewahren.

Es war nicht das letzte Mal, dass sich Thun gegen Anliker auflehnte. Seinem Club sollte mehrmals der Geldhahn zugedreht werden, weil der «Chef» den Behörden «zu frech» wurde. Es wurden Subventionen aus disziplinarischen Gründen gekürzt, und Pädu Anliker wurden Bussen aufgebrummt wegen «unflätiger, ausfälliger Handzeichen» gegenüber Stadtpolizisten.

1997 wurde das Mokka sogar kurz geschlossen, weil eine ausgelassene Party den Nachbarn den Schlaf raubte. In den letzten Jahren sind die Scharmützel weitgehend ausgeblieben. Anliker wurde zum schrulligen, aber akzeptierten Mit-Thuner. Er selber beschrieb das Verhältnis einst so: «Die Leute haben bei mir im Mokka ihre wilden Jahre erlebt. Später, wenn sie schon längst SVP wählen und irgendeinen Big-American-Grill im Garten stehen haben, fährt eines Tages der Anliker auf dem Velo vorbei, und sie rufen ‹Heeey Anliker!›, während sie in irgendeiner doofen Hollywoodschaukel sitzen. Dann geht der Anliker hin und sagt Grüezi.»

Solche Szenen werden sich in Thun nicht mehr abspielen. Der Mann mit der grossen Klappe und dem noch grösseren Herzen ist nicht mehr. Das grosse Herz war schon länger lädiert. Am Dienstagabend hat es endgültig aufgehört zu schlagen. Seine Aufmüpfigkeit wird fehlen. Und seine Leidenschaft sowieso.

Grundsätzlich ist jeder Tag eine Einheit: an jedem Tag ein bisschen Liebe, an jedem Tag ein bisschen Hass, an jedem Tag ein bisschen Leiden, an jedem Tag ein bisschen Ferien. Die Bilanz ziehst du am Ende jedes Tages und dann noch eine am Ende des Lebens. Beat «Pädu» Anliker (2011) (Der Bund)

Erstellt: 26.10.2016, 23:05 Uhr

Lustvoll zelebrierter Kulturpessimismus vor dem Café Mokka. (Bild: Franziska Scheidegger)

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