Die vergessene Stadt der Helvetier

Vor über 2000 Jahren muss in Roggwil bei Langenthal eine grosse keltische Siedlung bestanden haben. Das belegen zahlreiche Funde wie zum Beispiel Münzen.

  • loading indicator
Simon Wälti

Im 1. Jahrhundert vor Christus hatten die keltischen Helvetier das heutige Mittelland besiedelt. Sie verwendeten die Schrift, sie prägten Münzen und siedelten in grossen, befestigten Anlagen. «Es ist eine faszinierende Geschichte», sagt der bernische Kantonsarchäologe Adriano Boschetti auf Anfrage. «Es handelt sich um eine versunkene Hochkultur, zu der es immer wieder überraschende Neuentdeckungen gibt.»

Julius Caesar bezeichnete die grossen Siedlungen in seinem Werk «De Bello Gallico» als Oppida. Ihre Zahl gab er mit zwölf an, dazu kämen vierhundert Dörfer. Zahlreiche Oppida sind heute bekannt und erforscht, aber nicht alle. Als eine der wichtigsten Siedlungen gilt das Oppidum auf der Engehalbinsel in Bern, wo ein Zinktäfelchen mit der Aufschrift «Brenodor» in griechischen Buchstaben gefunden wurde. Weitere Siedlungen gab es zum Beispiel auf dem Plateau des Mont Vully, wo eine Nachbildung der Befestigungsanlage zu sehen ist, auf dem Jäissberg bei Studen, in Windisch, in Sermuz bei Yverdon oder in Rheinau, das ähnlich wie Brenodor in einer Flussschlaufe lag. Bei letzterem ist jedoch nicht klar, ob es noch zum helvetischen Gebiet gehörte.

Eine «kleine Sensation»

Nun kommt ein weiteres Oppidum dazu, in Roggwil im Oberaargau, wo derzeit intensiv geforscht wird. In den letzten Jahren sind immer wieder Münzen und andere Gegenstände im Gebiet Fryburg gefunden worden, eine durch Abhänge und die beiden Flüsschen Langete und Rot begrenzte Anhöhe. Langete und Rot fliessen unweit der mutmasslichen keltischen Siedlung zusammen und bilden von dort an die Murg. Die Funde belegen ein «vergessenes Oppidum». Kantons-­archäologe Adrian Boschetti spricht von einer «kleinen Sensation». Es müsse sich um eine bedeutende Siedlung gehandelt haben. Belegt ist beispielsweise die Herstellung von Münzen. Es wurden zahlreiche Fragmente von Tüpfelplatten aus Ton gefunden, das sind Schmelzformen für Münzrohlinge, und weitere Bestandteile technischer Keramik. Diese wurden in die späte Latènezeit datiert.

Romano Agola und andere Prospektoren «grasen» die Felder im Auftrag des Kantons systematisch mit dem Metalldetektor ab. Sie finden dabei immer wieder Münzen aus keltischer Zeit, aber auch solche aus der anschliessenden gallo-römischen Epoche. Die Funde werden kartiert, registriert und dem Kanton übergeben. Damit wird verhindert, dass Schatzsucher in Roggwil auftauchen und sich illegal auf den Feldern zu schaffen machen.

Agola zeigt eine verwitterte Silbermünze, die er gefunden hat: Abgebildet ist auf der einen Seite ein Mann im Profil mit charakteristisch aufgestellter Haarmähne – von den Kelten wird berichtet, dass sie ihre Haare mit einer Kalkmischung steif und bleich gemacht haben – , auf der anderen Seite ist ein Tier, möglicherweise ein Eber, mit grossen Borsten auf dem Rücken zu sehen. Daneben findet Agola auf den Feldern in Roggwil auch immer wieder stark verrostete Eisenteile, alte Nägel, abgebrochene Pflugscharen und viele undefinierbare Metallteile. Jedes «Ginggelääri» nimmt er mit. Agola, der von den Vorfahren der heutigen Schweizer fasziniert ist, hofft aber immer auch auf einen Haupttreffer: «Einen Prägestempel zu finden, das ist ein Traum für mich.»

Suche nach «Puzzlesteinen»

Vermutungen sind schnell angestellt, schwieriger ist es, diese zu belegen. Die Situation in Roggwil ist alles andere als einfach: Durch Kiesgruben, landwirtschaftliche Nutzung und Bautätigkeit sind die Fundschichten zu einem grösseren Teil bereits abgetragen worden. Dabei dürften zahlreiche archäologische Befunde zerstört worden sein, wie Kantonsarchäologe Adriano Boschetti erklärt. Wälle und Gräben sind nur noch andeutungsweise zu erkennen.

Mit einem Forschungsprojekt der Universität Bern sollen die Erkenntnisse nun erweitert werden. Die Studierenden Maria Bütikofer, Johannes Wimmer und Andrea Lanzicher suchen nach den Resten eines Grabens, der auf einer freien Matte innerhalb des heutigen Siedlungsgebiets vermutet wird und zur Befestigungsanlage gehört haben könnte. «Das wäre ein weiterer Puzzlestein», sagt Lanzicher, «und damit ein Argument für eine grössere keltische Siedlung.» Am Dienstag hat die Sondierungsgrabung begonnen. Mit einem Bagger wird eine dreieinhalb Meter tiefe Grube ausgehoben. Bis Ende Oktober sollen die Untersuchungen abgeschlossen sein. Je nach Ergebnis der Sondierung ist ein Tag der offenen Grabung geplant.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt