Die Tragödie von Fanel

Ein Küstenseeschwalben-Paar hat erstmals in der Schweiz Junge ausgebrütet. Jörg Hassler beobachtete, wie die Sensation zur Tragödie wurde.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Man muss Geduld und Ausdauer haben», sagt Jörg Hassler und schaut durch das Fernrohr. Er war mal Bauleiter, mal Lagerist, mal Sicherheitsbeauftragter, jetzt ist er pensioniert. Ornithologe war er immer, und immer wieder kam er auf den Beobachtungsturm, auf dem er jetzt steht, und spähte auf die Lagune von Fanel. Seit über vierzig Jahren betreut er das Naturschutzgebiet in Cudrefin, an der Grenze der vier Kantone Bern, Waadt, Neuenburg und Freiburg. Heute sucht er die drei Brutinseln nach dem einzigen Küstenseeschwalben-Paar ab, das im Moment in der Schweiz lebt. Das Paar hat vor kurzem Junge zur Welt gebracht. Es sind die ersten jungen Küstenseeschwalben in der Schweiz. Das ist eine Sensation ­– und gleichzeitig ein weiterer Akt einer Tragödie.

Das Vogelpaar hat sich verirrt

Keine andere Vogelart reist weiter als die Küstenseeschwalbe. Es gibt Paare, die am Nordpol brüten und am Südpol überwintern. Die höchste gemessene Dis­tanz, die ein Paar auf dem Hin- und Rückweg geflogen ist, beträgt 70?000 Kilometer ­– also fast zweimal um die Erde. Die jährliche Reise führt im Extremfall über weite Umwege vom Nordpol über Europa, Amerika und Afrika bis zum Südpol und wieder zurück. Normalerweise ist das südlichste Brutgebiet der Küstenseeschwalbe die Nordsee. Dort brüten sie in Kolonien.

Letzten Sommer beobachtete Hassler jedoch auf einer Sandbank in Fanel ein balzendes Küstenseeschwalben-Paar. Hassler glaubt, dass die Vögel den Anschluss zu ihrer Kolonie verloren und sich dann verirrt haben.

Erste Brutversuche scheiterten

Küstenseeschwalben sind mit den hier häufig brütenden Flussseeschwalben verwandt. Optisch sind sie nur schwer zu unterscheiden. Beide Arten leben und brüten am Wasser und ernähren sich von kleinen Fischen. Die Folge ist Konkurrenzkampf zwischen den Arten. Dieser wurde dem Küstenseeschwalben-Paar zum Verhängnis. Nachdem das Weibchen zwei Eier gelegt hatte, griffen Flussseeschwalben die Eltern an. Diese mussten darauf das Nest verlassen, weshalb die Brut scheiterte. Auch der zweite Brutversuch blieb ohne Erfolg.

Das Paar verschob sich darauf um wenige Hundert Meter auf eines der Brutplateaus in der Lagune von Fanel. Die massiv unterzähligen Küstenseeschwalben hatten aber auch da keine Chance, ihre Brut zu verteidigen. Und so war das Paar irgendwann wieder weg.

Vom Bauleiter zum Lagerist

Vor fünfzehn Jahren hat Jörg Hassler seine Stelle als Bauleiter verloren. Er war da 52 Jahre alt, die Aussichten waren schlecht und die Pension in weiter Ferne. «Nach anderthalb Jahren konnte ich nicht mehr auf eine geeignete Stelle warten», sagt er. So fing er in der High­tech-Firma eines Freundes als Lagerist an. «Ich war Bauleiter gewesen, dann musste ich wieder ganz unten beginnen.» Als die Firma ein Jahr darauf eine neue Lagerhalle bauen wollte, witterte Hassler seine Chance, wieder aufzusteigen. Er bewarb sich als Projektleiter. Er solle Geduld haben, hiess es.

In dieser Zeit kam er oft ins Naturschutzgebiet, hörte den Vögeln zu und hing seinen Gedanken nach. «Die Ornithologie und das Naturschutzgebiet haben mir im Leben oft geholfen», sagt er und schaut über die Lagune. Der Wind ist heiss. Die Flussseeschwalben rufen und kreischen – es klingt wie ein lautvolles Grillenzirpen. Die Vögel landen mit fingerlangen Fischchen zwischen den Schnäbeln auf den Plateaus und halten Ausschau nach ihren Jungen. Sie müssen aufpassen, dass ihnen der Fisch nicht weggeschnappt wird, da auch innerhalb der Art Konkurrenz herrscht.

Ein Jahr nach seiner Bewerbung bekam er den Job. Er habe plötzlich lauter Arbeiten erledigen müssen, von denen er keine Ahnung gehabt habe. «Es hat einfach funktionieren müssen. Es war ein grosser Krampf, und ich war froh, als das Projekt abgeschlossen war.» Schliesslich wurde er von der Firma als Sicherheitsbeauftragter angestellt. Wenn er zurückdenke, sei er stolz auf sich. «Es gibt nicht viele, die mit 52 Jahren eine Tellerwäscherkarriere starten.»

Das Paar kam zurück

Diesen Frühling kam das Paar wieder zurück in die Schweiz. Anfang Juni begannen sie auf der Brutplattform in der Lagune ein Nest zu bauen und Eier zu legen, worauf Ende Juni die ersten zwei Schweizer Küstenseeschwalben schlüpften. Ornithologen aus dem ganzen Land reisten an, um die Vögel mit eigenen Augen zu sehen. Am 6. Juli stand Hassler, wie jetzt, auf dem Beobachtungsturm. Durch sein Fernrohr sah er die Jungen. Rundherum befanden sich lauter Flussseeschwalben. Er beobachtete, wie sie den Küstenseeschwalben den Zugang zu ihren Jungen versperrten und ihnen die Fischchen aus den Schnäbeln stahlen. «Dann sah ich, wie eine Flussseeschwalbe begann, eine junge Küstenseeschwalbe mit dem Schnabel zu verletzen.» Am nächsten Tag waren beide Jungen tot – verhungert oder von den Flussseeschwalben getötet. «Man konnte nichts dagegen tun», sagt Hassler. «So ist die Natur. Das Paar muss es halt wieder und wieder versuchen, dann wird es vielleicht einmal klappen.» Er nehme es so, wie es komme.

In drei Wochen werden alle Seeschwalben weg sein. Heute sind die Küstenseeschwalben nicht zu sehen. Vielleicht sind sie schon unterwegs, Richtung Süden. Vielleicht kommen sie wieder, und es gelingt ihnen, eine Brut aufzuziehen. Vielleicht wird so einmal eine kleine Kolonie in der Schweiz entstehen. Man muss Geduld haben. (Der Bund)

Erstellt: 22.07.2015, 10:59 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Möwen sind neu in der Stadt»

Urbane Tiere Bern ist ein kleines bisschen maritimer geworden: Derzeit kreisen Möwen über der Stadt. Biologe Michael Schaad erklärt, was sie hier zu suchen haben. Mehr...

Jede zweite Brutvogelart vom Aussterben bedroht

Rote Liste Verlust des Lebensraums und Klimawandel: Die Liste der gefährdeten Vögel in der Schweiz ist gross. Mit einer gezielte Artenförderung könnte den Tieren geholfen werden. Mehr...

Ausgebrochener Pelikan ist der Star im Marzili

Aus dem Dählhölzli abgehauen: Ein frecher Pelikan mischte am Dienstagmittag das Aarebad Marzili auf. Doch sein Urlaub dauerte nur kurz. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Sweet Home Ein Höhepunkt namens Sonntag

Tingler 5 Irrtümer der Küchentisch-Philosophie

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...