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«Die Sexy-Motherfucker-Tour ist noch lange nicht vorbei»

Seit 30 Jahren führt Pädu Anliker das Kulturlokal Mokka, nun wird er mit dem Thunpreis 2016 geehrt.

Er ist ein Urgestein und war das Enfant terrible der Thuner Kunstszene, nun wird er ausgezeichnet: Pädu Anliker.
Er ist ein Urgestein und war das Enfant terrible der Thuner Kunstszene, nun wird er ausgezeichnet: Pädu Anliker.
Franziska Rothenbühler
Seit 30 Jahren führt er das Kulturlokal Mokka in Thun.
Seit 30 Jahren führt er das Kulturlokal Mokka in Thun.
Valérie Chételat
Pädu Anliker will seinen Club weiterführen, solange er gesund ist.
Pädu Anliker will seinen Club weiterführen, solange er gesund ist.
Franziska Rothenbühler
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Er ist ein Urgestein und war das Enfant terrible der Thuner Kunstszene, nun wird er ausgezeichnet: Pädu Anliker, auch bekannt als MC Anliker. Im Umgang mit den Behörden eckte er immer wieder an: etwa weil er ohne Bewilligung nächtliche Open-Air-Veranstaltungen durchführte. Dann strich ihm die Stadt die Subventionen, weil er in seinem Programmheft über andere kulturelle Institutionen herzog, später wurde er gebüsst, weil er einem Polizisten den Stinkefinger zeigte.

«In Bern kannst du in die Ecke seichen, und es kommt trotzdem Publikum.»

Nun verleiht ihm der Gemeinderat am 1. November den 15. Thunpreis. Damit reiht sich Anliker ein in die Reihe von Preisträgern wie Jean Ziegler, der Olympionikin Tanja Frieden oder dem Thuner Kadettenkorps – mit der Auszeichnung würdigt der Gemeinderat Persönlichkeiten oder Organisationen, die sich in besonderem Mass für die Allgemeinheit engagieren. «Ich freue mich über den Preis», sagt Anliker. Es sei ein schöner Akt der Stadt, auch wenn der Preis undotiert sei.

Dass er von der Behörde ausgezeichnet wird, welche ihn jahrelang geärgert hat, stört ihn nicht: «Schau dir an, was der Typ heute macht, der mir damals die Subventionen gekürzt hat, der fährt in so einem ‹peino› Smart-Auto herum und hat das Napoleonsyndrom.»

Vom Maurer zum Veranstalter

«Ich bin in keinem Verein und keiner Partei, aber mich grüssen mehr Leute auf der Strasse als den Stapi», sagt Anliker. Jener Stadtpräsident weiss nur Gutes über Anliker zu berichten: «Es stimmt, er hat sich oft an der Stadt und den Behörden gerieben», sagt Raphael Lanz (SVP).

Es sei nicht so, dass die Behörden immer alles gut gefunden hätten, was Anliker gemacht habe, aber er habe es letztendlich immer in guter Absicht getan. «Sein Engagement möchten wir nun ehren. Es ist aussergewöhnlich, wie lange er sich schon mit unverändert viel Herzblut und erfolgreich für die Thuner Institution Mokka einsetzt.»

Seit genau dreissig Jahren führt Pädu Anliker das Mokka, den Musikklub mit Bar. Er organisiert, dekoriert, macht die Buchhaltung und kocht leidenschaftlich gerne, auch für die Musiker. Er habe immer in Thun gelebt, seine Biografie biete also wenig Stoff für einen Artikel, warnte er vor dem Besuch des «Bund».

Doch eines ist ihm wichtig: Eigentlich seien er und seine fünf Geschwister gar nicht in Thun aufgewachsen, sondern im Dürrenast, einem Thuner Wohnquartier. Nach seiner Ausbildung zum Maurer gründete er vor 30 Jahren mit anderen das Mokka und blieb ihm bis heute treu. Nie habe er in all den Jahren die Nase voll gehabt. «Es machte einfach immer Sinn, weil ja auch so viel zurückkommt, ich kann Leute glücklich machen, ich kann mich glücklich machen, ich gebe den Musikern ein Erlebnis», so der mit Ketten und Fingerringen geschmückte Anliker.

Und es sei auch wichtig, was er mache – etwa eine Band von den Färöern auftreten lassen. Ausser ihm wolle das sonst nämlich niemand tun. «Mich unterscheidet von all den anderen Kulturveranstaltern, dass ich hier eine Show für 350 Euro Gage machen kann.»

Aber Anliker, der sich gerne die Augen schminkt, hat auch dunkle Tage im Mokka gesehen. Etwa als im Jahr 2010 ein Gast brutal mit einer Flasche auf einen anderen einprügelte. Das Opfer wurde so schwer verletzt, dass es bis heute schwer behindert ist. Trotz dieses Vorfalls hat das Mokka keinen Sicherheitsdienst: Das bringe nichts, sagt Anliker. «Die Security ist selber ein Teil des Gewaltsystems und kostet sehr viel.»

Wiederholt sei er mit dem Tod bedroht worden. So ging er mehrmals bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde vorbei, um Gefährdungsmeldungen aufzugeben.

«Kein Hype» trotz «hippem Zeug»

Die Stadt verlässt Anliker kaum. Er fühlt sich in Thun wohl, hat sein Zuhause in einer Villa im Seefeld gefunden. Der Thunpreis zeige ihm, dass auch die Stadt seine Arbeit schätze. Zwar bekommt das Mokka jährlich 210'000 Franken an Subventionen. Doch der Preis schaffe eine grössere Aufmerksamkeit.

«Mich grüssen auf der Strasse mehr Leute als den Stapi.»

Das kulturelle Leben am Tor zum Oberland unterscheide sich von jenem in der Bundesstadt, sagt Anliker: «In Bern kannst du als Kulturveranstalter in die Ecke seichen, und es kommen trotzdem Leute, das ist verrückt.» In Thun könne er das «hipste Zeug» bringen, und es gebe trotzdem «keinen Hype».

Fremdgehen zum Dreissigsten

Seit 30 Jahren ist Anliker nun am Mokka-Steuer: Wann kommt die Zeit, wo er kürzer tritt? «Die Sexy-Motherfucker-Tour ist noch lange nicht vorbei», sagt er. Das sei auch sein Motto zum Jubiläum. Es sei nicht sein Plan, mit 65 in Rente zu gehen. Solange er gesund sei, mache er weiter.

In den letzten 30 Jahren war er drei Tage krank, einmal hat er sich selbst aus dem Spital entlassen, wo er wegen eines Magengeschwürs behandelt wurde. Eine Woche hätte er auf Empfehlung des Arztes bleiben sollen. Aber erste Alterserscheinungen zeigen sich dennoch: «Die Party-People ertrage ich schon nicht mehr so gut», sagt er und zieht eine Grimasse.

Es sei aber auch eine wirtschaftliche Frage, wie lange es mit dem Mokka überhaupt noch weitergehe: «Ich sorge mich ums Finanzielle», sagt Anliker, der täglich den Wirtschaftsteil verschiedener Zeitungen liest. Er wolle gar nicht wissen, wie viele Tickets für das Jubiläumskonzert von Element of Crime am 18. November verkauft worden seien. Zum Dreissigjährigen spielt die Band ausgerechnet im Kultur- und Kongresshaus Thun, einem viel grösseren Saal, als es ihn im Mokka selbst gibt: «Das war vielleicht eine blöde Idee», sagt Anliker.

Denn das Geschäft laufe nicht mehr so einfach: Die Konkurrenz im Nachtleben sei mit den Jahren gestiegen. Auch das Publikum habe sich verändert: «Ein Club ist heute nicht mehr nötig, der Generation Spotify ist es nicht mehr wichtig, Musik von jemandem mit Ahnung serviert zu bekommen», schimpft der 59-Jährige.

Aber wenn er mal gehe, könne er mit gutem Gewissens sagen, dass er alles gemacht habe, was er konnte. Und dafür – wo nötig – manchmal auch die Behörden hintergangen: «Was haben wir nicht alles für Konzerte organisiert, von denen die keinen Plan hatten», sagt er spitzbübisch.

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