Die historische Brienz-Rothorn-Bahn kämpft ums Überleben

Der Unterhalt der über 120-jährigen Dampfbahn in Brienz ist teuer. Der Einbruch der Besucherfrequenz ist deshalb verheerend.

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Anita Bachmann@anita_bachmann

In Brienz ist zaghaft der Frühling eingekehrt, am Quai flanieren vereinzelte Gäste. Ein Blick zum Rothorn zeigt aber, wie nahe der Schnee noch liegt. Die Talstation, ein Gebäude, das an die goldenen Tourismusjahre erinnert, ist noch geschlossen. Die Schalter werden erst am 1. Juni öffnen. Trotzdem steigen etwas oberhalb schon Dampfwolken in den Himmel. Denn die Werkstatt der Brienz-Rothorn-Bahn ist das ganze Jahr in Betrieb, über Winter werden dort von zehn Mitarbeitern Lokomotiven in Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt. Bei schönem Wetter werden die Lokomotiven nach draussen gebracht, um etwa die Überdruckventile der Dampfkessel zu testen.

Es sei nicht selbstverständlich, dass man mit einer Bahn aus dem Jahr 1892 noch fahren könne, sagt Peter Flück, Verwaltungsratspräsident der Brienz-Rothorn-Bahn. Dafür wurden in der Vergangenheit an der Infrastruktur immer wieder grössere Investitionen nötig.

«Es hat immer am Geld gelegen»

Bevor die Dampflokomotiven schnaufend wieder Touristen auf den Rothorn Kulm transportieren, muss das Trassee vom Schnee geräumt und die Gleise instand gestellt werden. Ein Erdrutsch im untersten Teil hat diesen Frühling einen ausserordentliche Schaden von 80 000 Franken verursacht. «Die Einnahmen decken den laufenden Betrieb, für Investitionen waren wir immer auf Gelder der öffentlichen Hand angewiesen», sagt Flück. Sein Vorgänger Kurt Schild bestätigt: «Es hat immer am Geld gelegen.» Die Bahn müsse in fünf Monaten Geld für ein ganzes Jahr einbringen, sagt er.

Verschärft hat sich die Situation, weil in den letzten Jahren die Besucherfrequenzen massiv zurückgegangen sind. Während Jahren fuhren weit über 200 000 Personen mit der Dampfbahn auf das Brienzer Rothorn, in den letzten Jahren sanken die Zahlen auf 129 000 Fahrgäste im letzten Sommer, und das Unternehmen schlitterte in die roten Zahlen. Mit den schlechten Frequenzen sei man in guter Gesellschaft mit anderen Bahnunternehmen, sagt Flück. Das Wetter und der schwache Euro seien wesentliche Gründe dafür.

«Das Brienzer Rothorn ist für Reisegruppen nicht interessant», sagt Schild. Asiatische Reisegruppen hätten keine Zeit mehr und übernachteten im Raum Zürich, um am Folgetag einen Ausflug zu machen. Zudem gebe es einen Trend zum Städtetourismus, sagt Martin Casagrande, Präsident Brienz Tourismus. Er bedauert, dass es keine Möglichkeit gebe, die Autos von der Autobahn auf die «romantische Strasse» entlang des rechten Brienzerseeufers zu bringen.

Misstöne von Tourismus Brienz

Die Brienz-Rothorn-Bahn AG gibt pro Jahr 250 000 Franken für Marketing aus, im letzten Jahr wurde damit erstmals ein Fernsehwerbespot realisiert. Nicht optimal läuft das Marketing über die Tourismusorganisationen. «Ein einheitlicher Auftritt bringen wir hier im Oberland nicht hin», sagt Schild. Immerhin verspricht er sich durch die Verdichtung der Destinationen auf Druck des Kantons Verbesserung. Zuerst gehörte Brienz der Destination Haslital an, stieg dort jedoch aus, um sich unter das Dach von Tourismus Interlaken zu begeben. «Interlaken arbeitet eng mit den Jungfraubahnen zusammen», sagt Casagrande. Aber auch die Zusammenarbeit von Brienz Tourismus mit den Angeboten in Brienz scheint nicht gut zu funktionieren. «Es gibt Missstimmungen auf persönlicher Ebene, Tourismus Brienz muss sich auch mit anderen Anbietern erst noch finden», sagt die Brienzer Gemeindepräsidentin Annelise Zimmermann.

Casagrande seinerseits kritisiert das Management der Rothorn-Bahn. «Es ist unvorstellbar, dass das Unternehmen so weiterdampft», sagt er. Unverständlich ist für ihn, dass die Bahn zum Beispiel für das ganze Jahr einen Direktor beschäftigt, obwohl die Bahn nur das halbe Jahr fährt oder dass das defizitäre Berghaus Rothorn Kulm nicht einfach in Pacht gegeben wird. Zukunft sieht er für die Rothorn Bahn in einer Fusion mit einem anderen Bahnunternehmen.

«Zitrone ausgepresst»

Flück sagt hingegen, die Zitrone sei ausgepresst, im Unternehmen seien keine weiteren Sparmassnahmen mehr umzusetzen. Aber dem Berghaus – das die Bahn jahrelang finanziell unterstützte – habe man nun Auflagen gemacht. Auch habe man früher einmal daran gedacht, sich in den «Schoss» der Jungfraubahnen zu begeben, aber eine Anfrage sei damals negativ beantwortet worden. Die weit verstreuten Aktionäre würden gerne operativ mitwirken, und auch die Identifikation des Vereins Freunde des Dampfbetriebs mit 30 000 Gönnern sei gross, was gegen eine Fusion spreche. Deshalb sei es wahrscheinlicher, dass sich die Bahn mit anderen Mitteln über die Runden helfe. Für nächstes Jahr sei eine Aktienkapitalerhöhung angedacht, sagt Flück. Mit dem Kanton und der Gemeinde Brienz sei man für finanzielle Unterstützung im Gespräch. Und zu guter Letzt bleibe die Hoffnung auf eine gute Saison. 150 000 Fahrgäste würden der Bahn etwas Luft verschaffen.

Der Bund

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