Die ausgeflippten Golfer auf dem Industrieareal

Der Bernapark in Stettlen steht am Wochenende im Zeichen des Urban Golf. Die Sportart soll die Jungen für das Golfspiel begeistern.

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Golfspieler sind reich, elitär und versnobt. So lautet ein gängiges Vorurteil gegenüber dem Sport. Dagegen stemmt sich Christoph Kummer, der seit zehn Jahren Golflehrer ist im Golf- und Countryclub Blumisberg in Wünnewil-Flamatt. «Golfen ist nicht teurer als Skifahren, Töfffahren oder Schiessen», sagt er.

Auch wenn Kummer zum Vergleich teure Freizeitbeschäftigungen herbeizieht, müsse beachtet werden, dass die Schweizer eine Bereitschaft zeigen würden, ihre Freizeit etwas kosten zu lassen. «Auch versnobt sind wir nicht.»

So hat Kummer beispielsweise dieses Jahr an der Urban Golf Schweizermeisterschaft teilgenommen. «Die Urban Golfer sind mit ihrer bunten Erscheinung und ihrem Snowboard-Style das pure Gegenteil von versnobt.»

Weniger Mitglieder in Golfclubs

Zwar musste Kummer lachen, als er zum ersten Mal von dieser Szene hörte, deren Angehörige in Kiesgruben, Industriezonen und – wie der Name verrät – mitten in Städten Golf spielen. Dann kam er aber mit Didi Keller in Kontakt, der mit «The Royal Urban Golf Club» im Jahr 2000 den ersten Urban Golf Club der Schweiz gegründete (siehe Text rechts).

Er überzeugte Kummer, an der Schweizermeisterschaft teilzunehmen. «Ich hatte selten so viel Spass gehabt wie an diesem Turnier», resümiert Kummer. Etwas besorgt beobachtet Keller die seit fünf Jahren abnehmenden Mitgliederzahlen in den Golfclubs, so auch in seinem eigenen. Ihm kam die Idee, einen Urban Golf Event in Bern zu organisieren.

«Diese Golfart scheint mir geeignet, um den Golfsport den Jungen näherzubringen.» Als Austragungsort hielt er den Bernapark in Stettlen für ideal. Nicht nur, weil aufgrund der Umbauplanung ein grosser Teil des Areals unbenutzt ist, sondern auch, weil Keller seit Jahren den Besitzer des Bernaparks, Hans-Ulrich Müller, kennt. Müller ist ebenfalls Mitglied des Golfclubs Blumisberg.

Als sich dieser dazu bereit erklärte, holte Kummer den Urban Golfer Keller ins Boot. So entstand der Event Urban Golf meets Bernapark, der dieses Wochenende stattfindet. Wie beim klassischen Golf auf Rasen wird es im Bernapark einen 18-Loch-Parcours geben. Die Spieler schlagen auch mit normalen Golfschlägern ab. Damit enden aber die Gemeinsamkeiten.

Der Ball zum Beispiel ist ein Almost-Golfball. Er sieht zwar aus wie ein normaler Golfball, hat jedoch nur ein Drittel von dessen Gewicht. Weil er dadurch drei Mal weniger weit fliegt, sind die Spielbahnen mit 10 bis 100 Metern auch wesentlich kürzer als beim klassischen Golf. Mit diesen Bällen lassen sich in der Stadt Hausmauern und andere Objekte ins Spiel miteinbeziehen, ohne dass diese beschädigt werden.

Das Loch fehlt

Im Urban Golf fehlt auch das Loch am Ende der Spielbahn. «Ziel ist immer, ein Objekt zu treffen, wie zum Beispiel einen Einkaufswagen, ein Fass, einen offenen Kofferraum oder die Schaufel eines Baggers», sagt Kummer. Wenn der Spieler den Ball im Objekt versenke, werde ihm ein Schlag abgezogen. Der Parcours beinhaltet Bahnen inner- und ausserhalb der Industriehallen sowie auf dem angrenzenden Feld.

«Wichtig ist, dass wir das bestehende Gelände ins Spiel einbeziehen und möglichst wenig Veränderungen vornehmen.» Während im Bernapark am Samstag nur Sponsoren golfen dürfen, ist der Sonntag für die Öffentlichkeit geöffnet. Am Morgen wird ein 9-Loch-Parcours für Junioren und Familien zur Verfügung stehen.

Am Nachmittag wird eine Meisterschaft über 18 Löcher stattfinden, wofür sich 65 Golfer angemeldet haben. «Es ist eine bunte Truppe aus Urban Golfer, Freizeit- und professionellen Golfern», sagt Kummer.

Für das Programm am Sonntag nimmt Christoph Kummer noch Anmeldungen entgegen unter der Telefonnummer 079 767 14 76. Die Teilnahme am Sonntagmorgen kostet für eine 3-köpfige Familie 90 Franken. Die Teilnahme an der Meisterschaft am Sonntagnachmittag kostet 125 Franken. Die Preise beinhalten Verpflegung. (Der Bund)

Erstellt: 21.10.2016, 09:52 Uhr

Der Pionier des Urban Golf

Er ist sozusagen das Schweizer Urgestein der Urban-Golf-Szene: Didi Keller hat zusammen mit einem Kollegen im Jahr 2000 den ersten Urban Golf Club gegründet. Aus Interesse am Golf suchten sie einen Golfclub auf. Aber sie passten nicht so recht dazu. «Ich trug Dreadlocks und mein Kollege war beinahe von unten bis oben tätowiert», sagt Keller. Neben dem Polohemd-Zwang ist dem Thurgauer auch anderes fremd.

«Auch wenn ich für die Mitgliedschaft bezahlt habe, kann der Platz bereits besetzt sein, wenn ich spielen möchte.» Für Keller ist zu viel Aufwand nötig, bis er endlich zum Spielen kommt. Während sein Kollege nach dieser Golfclub-Erfahrung am Computer Golfabschläge übte, fing Keller mit einem Brocki-Schläger an, auf dem Acker eines befreundeten Bauers Bälle abzuschlagen. Irgendwann landete der Ball in einer Kiesgrube. «Das Spielen in dieser Grube hat noch mehr Spass gemacht.»

Logisch wurden danach weitere Untersätze ausprobiert, mitunter die Stadt. Immer mehr Personen schlossen sich Kummer an, die beim normalen Golf das Ausgeflippte vermissten. Irgendwann kam dann die Idee auf, einen Verein zu gründen. Kellers Verein «The Royal Urban Golf Club» zählt im Moment dreissig Mitglieder. In der ganzen Schweiz gibt es fünf Vereine, die alle im Raum Zürich und der Ostschweiz angesiedelt sind. Auch in Bern gibt es eine Szene. «Aber eine Vereinsgründung ist in Bern mal Thema, dann wieder nicht.»

Dass mit Christoph Kummer nun klassische Golfspieler auf die Urban Golfer zukommen, findet Keller gut. So werde sein Vorurteil widerlegt, dass es keine coolen Rasen-Golfer gebe. «Und womöglich bin auch ich mit zunehmendem Alter auf dem Rasen zum Golfspielen anzutreffen.» Aber im Moment macht ihm das Urban Golf noch zu grossen Spass, um damit aufzuhören. Erst vor kurzem hat er die GmbH Golfsession gegründet, die Urban Golf für Mitarbeiteranlässe von Firmen anbietet. Das Hobby zum Beruf zu machen, das sei schon immer sein Traum gewesen.

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