Die Agglomeration sucht ihre Identität

Vororte wie Ostermundigen haben Mühe, ihre Rolle zu finden.

Im Vergleich mit allen anderen Berner Gemeinden weist Ostermundigen das niedrigste Durchschnittseinkommen und die höchste Sozialhilfequote aus.

Im Vergleich mit allen anderen Berner Gemeinden weist Ostermundigen das niedrigste Durchschnittseinkommen und die höchste Sozialhilfequote aus.

(Bild: Adrian Moser)

In den 1990er-Jahren gab es die sogenannte A-Stadt. Das A stand für Alte, Arme, Auszubildende, Arbeitslose und Ausländer. Sie blieben in der Stadt, während die mittelständischen Familien ins Grüne abwanderten. Nun verläuft diese Entwicklung gerade umgekehrt. Auch dank einer gewollten Aufwertung ist die Stadt heute wieder beliebt. So beliebt, dass sich viele die steigenden Mieten nicht mehr leisten können und nun ihrerseits unfreiwillig in die Agglomeration abwandern.

Ein Teufelskreis

Vor allem Gemeinden, welche nicht mit einem lauschigen See, einer sonnigen Hanglage oder einem Schloss punkten können, stehen vor folgender Herausforderung: Der billige Wohnraum lockt vor allem Zuzüger an, welche nur wenig oder gar keine Steuern zahlen. Der Gemeinde wiederum fehlt es dadurch an Geld, um auch für Besserverdienende attraktive Bedingungen zu schaffen. Ein Teufelskreis.

Als Extrembeispiel gilt hier die Agglomerationsgemeinde Ostermundigen. Im Vergleich mit allen anderen Berner Gemeinden weist Ostermundigen das niedrigste Durchschnittseinkommen und die höchste Sozialhilfequote aus. Von den Steuerpflichtigen bezahlen 18 Prozent keine Steuern. Der Ausländeranteil beträgt 28 Prozent. Seit Jahren schreibt die Gemeinde rote Zahlen. Aber, und darin gleicht Ostermundigen wieder vielen anderen Vororten, hat die Gemeinde ein Imageproblem, welches sich dadurch äussert, erst mal gar kein Image zu haben.

Ein Image sei aber für eine Gemeinde wichtig, sagt Fritz Sager, Professor am Kompetenzzentrum für Public Management an der Universität Bern. Er ist überzeugt: «Viele Gemeinden müssen sich neu positionieren und erst noch ihre Rolle finden.» Ähnlich sieht das Reto Lindegger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbandes. «Es ist wichtig, dass sich eine Gemeinde überlegt: Wer sind wir überhaupt, und wo wollen wir hin?» Dabei sei es sinnvoll, die Bevölkerung schon früh in den Prozess einzubeziehen, sagt er. In vielen Gemeinden der Schweiz würden deshalb auch sogenannte Zukunftskonferenzen durchgeführt, um entsprechende Ideen zu entwickeln, so Lindegger.

Jumbo-Dorf oder Reibungsraum

Um der Bevölkerung auf den Zahn zu fühlen, tourten in Ostermundigen die Behörden mit einem roten Bus durch die Quartiere, boten der Bevölkerung ein Apéro an und luden sie ein, ihre Meinung zu äussern. Diese «Identitäts- und Perspektivenfindung» soll jetzt als Basis für die neue Ortsplanungsrevision dienen. Es zeigte sich: Der Charakter oder die Identität von Ostermundigen ist eine komplizierte Sache und lässt sich nicht auf einen einzigen Begriff eindampfen. «Wendeschlaufe von Bern», «Jumbo-Dorf», «Werkstatt» oder «Reibungsraum» werden ins Spiel gebracht.

Viele in Ostermundigen mögen dabei auch nach Köniz schauen. Diese Kleinstadt, welche es geschafft hat, sich weiterhin als Dorf zu verkaufen. Und mitten durch diese Selbstfindungsphase rollt nun das Tram. Mit dem Tram stehe Ostermundigen nun massiv besser da, sagt Sager. «Zusammen mit dem geplanten Bären-Hochhaus könnte dies für einen Neuanfang stehen.» Denn: Die Stadt Bern sei heute für viele zu teuer.

Wenn nun das Umfeld attraktiver wird, könnten künftig auch Besserverdienende nach Ostermundigen ziehen. Ob sich die künftigen Hochhausbewohner auch Gedanken machen über den Charakter von Ostermundigen? «Für die neu Zugezogenen sind die Gemeindegrenzen eher bedeutungslos», so Sager.

Der Bund

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