Deutlich mehr Landeanflüge in der Nacht in Bern-Belp

In den letzten Monaten sind auf dem Belpmoos Dutzende Linienflüge nach Betriebsschluss um 23 Uhr gelandet. Das Nachtflugverbot werde ausgehöhlt, monieren Kritiker.

Die Pistenbeleuchtung des Belpmoos brennt oft länger als geplant: In den letzten Monaten landeten Dutzende Linienflugzeuge nach 23 Uhr.

Die Pistenbeleuchtung des Belpmoos brennt oft länger als geplant: In den letzten Monaten landeten Dutzende Linienflugzeuge nach 23 Uhr.

(Bild: Adrian Moser)

Adrian Müller@mueller_adrian

Über 20 Minuten nach Betriebsschluss donnerte am 12. Juni eine Dornier-Maschine von Skywork über die Berner Altstadt: «Die Flüge landen immer später. Ich habe vermehrt Probleme mit dem Einschlafen», sagt ein Anwohner, der in der Anflugschneise wohnt.

In der Tat: Auf dem Flughafen Bern sind in den letzten Monaten Dutzende Linienflüge während des Nachtflugverbots gelandet. Dieses gilt grundsätzlich von 23 bis 6 Uhr. Allein im Mai erteilte der Flughafen laut «Bund»-Recherchen 16 Sonderbewilligungen für kommerzielle Flüge während der Nachtsperre.

Im Vorjahresvergleich haben sich die Verletzungen des Nachtflugverbots versiebenfacht: 2016 hat der Flughafen bislang 50 Landungen während der Nachtflugsperre genehmigt. 2015 waren es im selben Zeitraum gerade einmal 7 Flugbewegungen. Nicht einbezogen sind Starts und Landungen der Rega und der Luftwaffe.

Was auffällt: Die allermeisten Late-Night-Landungen sind Skywork-Flüge aus London-City. Der Berner Homecarrier fliegt von der Themsestadt via Basel nach Bern. Geplante Ankunftszeit ist 22.50 Uhr. Ob schlechtes Wetter, eine Überlastung des Luftraums oder ein überzähliger Koffer: Es braucht nur eine kleine Verzögerung, dann verschiebt sich die Landezeit in die Nachtflugsperre.

Nicht alle verspäteten Flieger erhalten aber eine Landegenehmigung. «Die Sonderbewilligungen werden umsichtig erteilt», erklärt der Berner Flughafendirektor Mathias Gantenbein. Laut Angaben von Skywork hat der Flughafen seit April sechsmal eine verspätete Landung verweigert.

«Nachtflugsperre ausgehöhlt»

Bei der Vereinigung gegen Fluglärm (VgF) sind in den letzten Wochen zahlreiche Lärmklagen wegen der späten Landungen eingegangen. «Die Nachtflugsperre wird offenbar aus betrieblichen und wirtschaftlichen Interessen der Airlines ausgehöhlt. Das ist inakzeptabel», sagt VgF-Geschäftsführer Guido Frey. Die späten Landungen von «planbaren» Linienflügen seien ganz klar ein Verstoss gegen die Konzession des Flughafens.

Der massive Anstieg von Landungen während des Nachtflugverbots beschäftigt darum auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). Laut Bazl-Sprecher Urs Holderegger ist für Anfang Juli ein Treffen mit den Flughafenbetreibern vereinbart worden. An der Sitzung werde man die «geltende Norm und die künftige Praxis» von verspäteten Anflügen besprechen. «Es ist sicher nicht vorgesehen, die Betriebszeiten des Flughafens zu verlängern», betont Holderegger.

Der Flughafen Bern darf Ausnahmebewilligungen laut der Verordnung Infrastruktur Luftfahrt (VIL) «bei unvorhergesehenen ausserordentlichen Ereignissen» selber erteilen. Er muss diese Flüge bloss dem Bazl melden. «Die Regelung ist sehr schwammig. Der Flughafen macht, was er will. Es braucht eine rechtliche Klärung», sagt Frey.

Flughafendirektor Gantenbein weist die Vorwürfe zurück. Die Praxis orientiere sich an jener der anderen Flughäfen. Das Bazl hat die Möglichkeit, den Flughafen Bern mit Bussen zu belegen, wenn dieser unrechtmässig Sonderbewilligungen erteilt. Laut dem Bazl-Sprecher ist dies kein Thema, da man «keine entsprechenden Hinweise» gefunden habe.

Skywork gelobt Besserung

Die vielen Verspätungen sind auch für Skywork ein Problem. Seit April kam es zwölfmal vor, dass die Skywork-Flieger nicht mehr in Bern landen konnten und stattdessen in Basel «übernachten» mussten. Dies ist nicht nur für die Passagiere ein grosses Ärgernis.

Weshalb die vielen Verzögerungen? Laut Skywork-Sprecher Max Ungricht ist oft eine «kausale Verkettung» verschiedener Ursachen für die Verspätungen verantwortlich. In London sei etwa ein neues Anflugverfahren eingeführt worden, welches derzeit weniger Kapazitäten aufweise.

Weiter werde in London-City der Terminal umgebaut, was die Standzeiten verlängere. Zudem seien die Flugzeiten nach London für den Saab 2000 ausgelegt, der schneller sei als die Dornier-Flugzeuge. Die 50-plätzigen Saab-Maschinen sollten eigentlich seit Ende April für Skywork fliegen, die Auslieferung steht immer noch aus.

Nun reagiert Skywork auf die vielen Verspätungen: «Wir haben für den Winterflugplan in London frühere Abflugzeiten beantragt», so Ungricht.

Der Bund

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