Der Weg von der Fabrik zum neuen Quartier

Sechs Jahre ist es bereits her, seit die Kartonfabrik Deisswil in Stettlen von einem Tag auf den anderen geschlossen wurde. Ein Rückblick.

Mit der Schliessung der Kartonfabrik Deisswil ging eine Ära zu Ende – eine neue hat bereits begonnen.

Mit der Schliessung der Kartonfabrik Deisswil ging eine Ära zu Ende – eine neue hat bereits begonnen. Bild: Franziska Scheidegger

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Die Nachricht kam aus heiterem Himmel: Am 8. April 2010 teilte die österreichische Mayr-Melnhof AG mit, die 134-jährige Kartonfabrik Deisswil in der Gemeinde Stettlen per sofort zu schliessen.

Es war der letzte Tag der Betriebsferien, die meisten der 253 Fabrikangestellten erfuhren aus den Medien, dass die Maschinen am nächsten Tag nicht mehr heraufgefahren würden. Jene Maschinen, die bis zu 500 Tonnen Karton pro Tag produzierten, sieben Tage pro Woche.

Als Grund für die Schliessung gab die Besitzerin «den drastischen Anstieg der Schweizer Emissionssteuer» an. In eine Umstellung von Schweröl auf Erdgas, Holz und Biomasse wollte sie nicht investieren. Etliche Versuche, die Konzernleitung noch umzustimmen, scheiterten.

Am 12. Mai bekräftigte der Verwaltungsrat der Mayr-Melnhof AG seinen Entscheid und besiegelte damit die Entlassung der Angestellten. Die Region hatte einen wichtigen Arbeitgeber verloren, die Gemeinde Stettlen ihren besten Steuerzahler.

Hans-Ulrich Müller, der Visionär

In der Gemeinde war die Angst gross, dass die Fabrik an einen unbekannten Besitzer verkauft würde, der das Areal womöglich zur Industriebrache verkommen liesse. Die Angst war unbegründet.

Am 4. Juni wurde bekannt, dass der Berner Unternehmer Hans-Ulrich Müller die Fabrik übernimmt – mitsamt den Angestellten. Sein oberstes Ziel war es, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten. Wie genau, wusste er zu jenem Zeitpunkt auch noch nicht im Detail.

Er hatte vor, auf dem Areal in den nächsten paar Jahren eine Art Industriepark aufzubauen. Es sollten sich Betriebe aus verschiedenen Bereichen ansiedeln und so Arbeitsplätze schaffen. Dafür musste ein neuer Name her: Berner Industrie AG. Dieser wurde später zu Berna Industrie- und Dienstleistungspark AG, kurz Bernapark, abgeändert.

In den folgenden Monaten gelang es Müller, der in der Vergangenheit schon andere Firmen saniert hatte, verschiedene Unternehmen nach Deisswil zu holen, die auch einen Teil der Fabrikarbeiter beschäftigten.

Jenen, die noch keine Anschlusslösung gefunden hatten, zahlte Müller weiterhin den Lohn. Einen «mittleren zweistelligen Millionenbetrag» hat er gemäss eigenen Angaben in den letzten sechs Jahren in den Bernapark investiert.

Ein Teil davon lief in die Planung der langfristigen Zukunft. Müller schwebte vor, auf dem Gelände ein neues Quartier – ein Hochhaus inklusive – zu schaffen, in dem dereinst rund 2000 Personen leben und weitere 5000 arbeiten sollten.

Im Laufe der Zeit wurde Müllers Vision etwas kleiner; um die Pläne nicht zu gefährden, verzichtete er beispielsweise auf den Bau des Hochhauses. Im letzten Herbst wurde schliesslich entschieden, dass der Bernapark nicht als Ganzes vors Volk kommen soll, sondern in drei Etappen. Über die erste stimmen die Stettlerinnen und Stettler morgen Abend ab.

Die Zukunft kann beginnen

Mit einem Ja der Stettler Bevölkerung würde die Zukunft auf dem einstigen Fabrikareal definitiv beginnen. Dann wäre die rechtliche Grundlage klar, auf der die weitere Planung aufgebaut wird.

Diese sei bereits so weit fortgeschritten, dass der Bernapark bei einem positiven Entscheid schnell aktiv werden könnte, wie Geschäftsführer Ivo Sonderegger gegenüber dem «Bund» sagt.

Doch auch bei einem Nein werden die Bernapark-Verantwortlichen den Kopf nicht in den Sand stecken. Dann würden sie sich auf die Realisierung eines Industrie- und Gewerbeparks konzentrieren.

Dafür ist keine Anpassung des Zonenplans notwendig. Und dem Bernapark liegen viele Anfragen von Industriebetrieben vor, die sich auf dem Areal gerne einmieten würden. Eine Zukunft gibt es auf dem Areal also so oder so. (Der Bund)

Erstellt: 29.03.2016, 07:45 Uhr

Das Projekt

Umzonung des Bernapark-Areals

Auf dem Areal der einstigen Kartonfabrik Deisswil will der Berner Unternehmer Hans-Ulrich Müller ein neues Quartier realisieren. So sollen auf dem 70'000 Quadratmeter grossen Areal Wohnungen und Arbeitsplätze für mehrere Tausend Menschen geschaffen werden. Damit dies überhaupt möglich ist, bedarf es einer Anpassung des Zonenplans.

Diese soll in drei Etappen gemacht werden. Über die erste davon stimmen die Stettlerinnen und Stettler an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung von morgen Abend ab. Im Zentrum steht dabei der vordere Teil des Geländes, auf dem der von der Denkmalpflege als erhaltenswert eingestufte Gebäudekomplex mit der markanten Fassade steht.

Hier soll eine Wohn- und Gewerbezone entstehen, die eine Bruttogeschossfläche von 45'000 Quadratmetern aufweist. Davon soll maximal die Hälfte für das Wohnen genutzt werden, maximal 1000 Quadratmeter sind für Läden vorgesehen. Ein Grossverteiler wird indes kaum in den Bernapark einziehen, sind doch nur Läden zugelassen, die «keine verkehrsintensive, grossflächige Verkaufsnutzung» benötigen.

Im Vordergrund der ersten Etappe steht zudem die Realisierung einer Markthalle, eines Gesundheitszentrums sowie einer Kita. Für die erste Etappe will die Gemeinde der Bernapark AG die Mehrwertabschöpfung erlassen.

Zur Sache

«Wir dürfen uns glücklich schätzen»

Herr Hess, als die Kartonfabrik Deisswil vor sechs Jahren schloss, sprachen Sie von einem «schwarzen Tag für das Worblental».
Das ist so. Und zwar aus verschiedenen Gründen. Da waren in erster Linie all die Angestellten, die durch den Entscheid in Wien ihre Stelle verloren. Da war aber auch die Unsicherheit, wer das Gelände übernehmen würde. Wir hatten durchaus Grund zu befürchten, dass ein unbekannter Besitzer das Areal ­kaufen könnte.

Dazu kam es nicht. Mit Hans-Ulrich Müller hatte ein Berner die Fabrik übernommen. Muss man im Nachhinein die Schliessung gar als Chance für die Region bezeichnen?
So wie sich die Lage heute präsentiert, kann man das so sehen. Wir haben die einzigartige Möglichkeit erhalten, das Siedlungsgebiet moderat zu erweitern. Und das nicht auf der grünen Wiese, sondern auf einem voll arrondierten, schon bebauten Areal. So etwas gibt es in der Region sonst nirgends. Wenn man bedenkt, wie schwierig es vielerorts ist, auch nur kleinere Einzonungen durchzubringen, ist es für uns durchaus eine Chance.

Müllers Vision war es, ein Quartier zu schaffen, in dem 2000 Menschen leben und 5000 arbeiten. Das Projekt wurde stetig abgespeckt, nun wird in Etappen darüber abgestimmt. Sind Sie ernüchtert?
Nein, überhaupt nicht. Für mich ist der Bernapark ein sehr gutes Beispiel, wie in unserem System Prozesse laufen. Damit eine Idee umgesetzt werden kann, braucht es zuerst eine Vision und dann das Zusammenwirken aller Beteiligten. Das dauert. Aber so wird sichergestellt, dass das Projekt schliesslich überzeugt.

Sind Sie also zufrieden mit dem Projekt, über das abgestimmt wird?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben lange daran gearbeitet und das Projekt immer wieder angepasst. Dabei war uns auch wichtig, die Anliegen der Bevölkerung zu berücksichtigen. Der Aufwand war enorm. Aber er hat sich gelohnt. Das zeigt sich auch daran, dass aus der Bevölkerung kaum Widerstand gegen die Pläne kam.

Wollen Sie sich mit dem Bernapark ein Denkmal schaffen?
Nein, definitiv nicht. Ich glaube übrigens nicht, dass sich der Bernapark dafür eignet. Die heutige Situation ist aus einem Schock heraus entstanden. In erster Linie ging es darum, dafür zu sorgen, dass es irgendwie weitergeht. Nicht mehr und nicht weniger.

Trotzdem. Wird der Bernapark realisiert, dann wäre das doch ein guter Moment, um zurückzutreten.
Durchaus. Ich habe in meiner Amtszeit schon einiges erlebt. Eine Ortsplanungsrevision, die Realisierung des Alterszentrums, die Schliessung der Karton Deisswil, den Neubau des Gemeindehauses und nun möglicherweise die Umgestaltung des Bernaparks. Dass dieses Geschäft in meiner Verantwortung ist, war auch ein Grund, im letzten Jahr wieder zu kandidieren. In erster Linie fand sich aber niemand, der für das Präsidium antreten wollte. Wenn aber jemand Interesse anmeldet, dann bin ich der Erste, der für Gespräche bereit ist. (lsb)


Lorenz Hess ist Gemeindepräsident von Stettlen und sitzt für die BDP im Nationalrat.

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