Der Stein kommt ins Rollen

Bern könnte Ostermundigen aus der finanziellen Misere helfen und Ostermundigen wiederum den Wohnungsdruck der Stadt mindern. Doch bei Fusionen geht es um mehr als Zahlen.

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Grosse Sandsteinblöcke wurden einst aus Ostermundigen geliefert, damit in Bern Grosses gebaut werden konnte: Das Münster zum Beispiel oder das Rathaus. 600 Jahre später bringt das Ostermundiger Parlament einen Stein ins Rollen, der für Bern zum grossen Brocken werden könnte. Die Agglomerationsgemeinde will eine Fusion prüfen und hat dabei hauptsächlich die Bundesstadt im Fokus. Der Anlass dafür ist profan: Die finanzielle Lage treibt Ostermundigen in Berns Arme.

Es ist ein ungleiches Paar: Bern ist mehr als achtmal grösser als Ostermundigen. Mit 17000 Einwohnern entspricht die Gemeinde in etwa dem stadtbernischen Quartier Länggasse-Felsenau. Allerdings weist sie in einigen Gebieten einen weit urbaneren Charakter auf als etwa das städtische Kirchenfeldquartier. Am Ortseingang soll ein Hochhaus entstehen, und an der Bernstrasse trifft man auf ein Gewusel aus Verkehr, Menschen und kleinen Läden, die Lebensmittel aus allen Ecken der Welt feilbieten. Wer von Bern nach Ostermundigen fährt, merkt kaum, dass er eine Grenze überquert, bloss der Strassenname ändert: Aus der Ostermundigenstrasse wird die Bernstrasse.

Bei den Finanzen hingegen grenzen sie sich klar voneinander ab: Ostermundigen ist im Gegensatz zu Bern knapp bei Kasse, so knapp, dass die örtliche FDP in einem Vorstoss schrieb, die Gemeinde könne die Kosten für die ihr zugeschriebenen Aufgaben kaum mehr bewältigen. Die Steueranlage liegt mit 1,69 Einheiten deutlich höher als jene in Bern mit 1,54 Einheiten.

Ein 100-jähriger Film

«Eine Gemeinde ist in einer unvorteilhaften Lage und sucht bei einer grösseren Gemeinde nach Auswegen: Das ist die Momentaufnahme», sagt Alexandre Schmidt. Der ehemalige Berner FDP-Gemeinderat hat kürzlich gemeinsam mit dem Ostermundiger FDP-Gemeinderat Henrik Schoop im «Bund» für eine Annäherung der zwei Gemeinden plädiert. Denn für Schmidt gibt es nicht nur eine Momentaufnahme, sondern auch ein Drehbuch für einen Film: «Dieser Film handelt von den nächsten vielleicht 100 Jahren, in denen sich die beiden Gemeinden gemeinsam entwickeln.» Dank einer gewissen Grösse könne die fusionierte Gemeinde eine effiziente Verwaltung führen. Ostermundigen könne dank günstigerem Wohnraum den Wohnungsdruck der Stadt mindern. Schul- und Sportinfrastrukturen könnten geteilt werden.

Und Ostermundigen wäre dann nur noch ein Ortsteil von Bern? «Bümpliz ist nach der Fusion auch nicht von der Landkarte verschwunden», sagt Henrik Schoop. Man müsse eine angemessene Vertretung im Stadt- oder auch Gemeinderat aushandeln. Beim Steuerfuss könne Ostermundigen nur profitieren. Auf der anderen Seite befürchtet Schmidt – ehemaliger Finanzdirektor – nicht, dass Bern bei einer Fusion den Steuerfuss erhöhen müsste: «Die Stadt hat während der letzten zehn Jahre die Hausaufgaben gemacht.» Aufgrund der Grössenverhältnisse von Ostermundigen und Bern könne diese solide Basis nicht geschwächt werden.

Bis hin zur Vision

Und doch: Beiden Politikern ist der Respekt vor Bedenken aus der Bevölkerung anzumerken. Zusammenschlüsse hängen nicht allein von Zahlen oder Fakten ab. Bevor man an Fusion denke, müsse man sich kennen lernen und schrittweise näherkommen, sagt Schmidt, und sei dies nur, indem man Sportanlagen gemeinsam nutze oder den Winterdienst zusammen plane. Erste Gemeinsamkeiten gibt es bereits. Das Ostermundiger Gemeindepersonal hat sich vor kurzem der Pensionskasse der Stadt Bern angeschlossen. In knapp zehn Jahren soll ein Tram von Bern nach Ostermundigen fahren. Gleichwohl bremst auch Schoop: «Trotz dieser Anknüpfungspunkte und auch wenn einzelne Parteien in Ostermundigen schon länger Fusionsgedanken wälzen: Wir stehen erst am Anfang.»

An das Ende des Films denkt Schmidt aber schon jetzt. Möglich sei, dass auch die eine oder andere Gemeinde in die Handlung eingreife und es schliesslich gar eine Grossfusion gebe. Damit kommt man zu einer Vision, die der Verein «Bern neu gründen» vorantreiben will, weil «die Realität die bestehenden Gemeindegrenzen schon lange gesprengt» habe. Es gehe nicht darum, einfach Gemeinden zusammenzulegen, sagt Co-Präsidentin Regula Rytz. Vielmehr schweben dem Verein bürgernahe Strukturen und mehr Mitsprachemöglichkeiten vor.

Rytz erwähnt eine Studie, die von einer Stadtregion mit Wahl- und Verwaltungskreisen ausgeht, zwölf bisherige Gemeinden umfasst und die zweitgrösste Schweizer Stadt bildet. Am Anfang sei die Idee des Vereins belächelt worden, «aber langsam setzt sie sich in den Köpfen fest», so Rytz. «Wenn Ostermundigen und Bern nicht nur ein Fusions-, sondern auch ein Reformprojekt anpeilen, dann wäre es ein Schritt zur Umsetzung der Vision.» Doch bevor in Gedanken kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, sagt Schoop: «Im Moment geht es ganz real darum zu prüfen, was ein Zusammenschluss von Ostermundigen mit Bern bringt.»

(Der Bund)

Erstellt: 25.08.2018, 08:07 Uhr

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