Der hartnäckige Sucher, der nie zufrieden war

Der Architekt Edwin Rausser ist wenige Tage vor seinem 91. Geburtstag gestorben.

Architekt Edwin Rausser ist 90-jährig gestorben.

Architekt Edwin Rausser ist 90-jährig gestorben.

(Bild: zvg)

Genau vor einem Jahr stellte die Kolumne «Baustelle» im «Bund» den epochemachenden Bau des Fleckviehzuchtverbandes in Zollikofen vor, entstanden 1968 bis 1970. Letzten Freitag ist dessen Architekt gestorben, wenige Tage vor seinem 91. Geburtstag. Edwin Rausser war weit davon entfernt, dem heute rasch verwendeten Schlagwort eines Stararchitekten zu entsprechen. Es ist nicht die kühne Geste, die auffallen sollende Inszenierung, die ihn charakterisiert. Rausser war ein hartnäckiger, seine Partner bis zur Ermüdung fordernder Sucher, der nie mit dem ersten Entwurf, dem bisher Erreichten, zufrieden war, sondern stets nach Verbesserung, Verfeinerung und Präzisierung strebte.

Er war aber auch der Architekt, der die Bauherrschaft für die moderne Architektur gewinnen konnte, so dass der bäuerlich geprägte Viehzuchtverband einen modernen, seine Auftraggeber bis heute begeisternden Betonbau erstellen liess. Ausgangspunkt für Raussers Schaffen war die mit Beton arbeitende klassische Moderne, wie sie im Werk von Auguste Perret, vermittelt durch Maurice Billeter in Neuenburg, und im Schaffen Le Corbusiers für ihn greifbar war. «Hier wurde ich süchtig auf die Poesie des kultivierten Betons», schrieb er vor einem Jahrzehnt. Er entwickelte aber eine eigene, unverwechselbare Architektursprache und einen untrüglichen Sinn für Lösungen, die der Situation, der Topografie und dem Bestand angemessen sind.

Ungewöhnliche Qualität

Wichtig war seine Fähigkeit, gute Teams zusammenzubinden, seien es Büropartner, Ingenieure oder Unternehmer. Seine Bauten zeichnen sich daher auch durch eine ungewöhnliche bautechnische Qualität aus, was für zeitgenössische Architektur keineswegs selbstverständlich ist. Aus seinem Atelier sind zudem eine ganze Reihe von guten, eigenständigen Architekten hervorgegangen.

Was bleibt, ist sein Werk. Ausser dem meisterhaften Bürobau in Zollikofen sind in erster Linie die Kirchen in Bichelsee und Urtenen, Schulhäuser in Urtenen und im Tscharnergut zu nennen, anspruchsvolle Wohnbauten in Münchwilen, Worb und Urtenen, der Umbau und die zeitgenössische Ergänzung der Schlösser Bümpliz und Sumiswald, die Neukonzeption der Anstalten in St. Johannsen, einem ehemaligen Benediktinerkloster. Ein profilierter Architekt, ein unermüdlicher, hartnäckiger Gesprächspartner ist verstummt.

Der Kunsthistoriker Jürg Schweizer lebt in Bern. 1990 bis 2009 war er Denkmalpfleger des Kantons Bern.

DerBund.ch/Newsnet

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