Das Hochhaus als Entwicklungshelfer

Das Gebiet um den Ostermundiger Bahnhof gilt seit 20 Jahren als Entwicklungsschwerpunkt – doch passiert ist wenig. Nun soll es das Hochhaus richten

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Lisa Stalder

Thomas Iten braust mit seinem Elektrovelo auf das Perron 1 des Ostermundiger Bahnhofs. Er entschuldigt sich für die leichte Verspätung, sein Terminkalender sei derzeit etwas voll – «die Hochhaus-Abstimmung», sagt er und lacht. Während er sein Velo abschliesst, ist auf Perron 2 eine junge Frau dabei, den Kinderwagen samt Kind die Treppe hinaufzuhieven. Iten schaut eine Weile zu und schüttelt den Kopf. «Auch dieses Problem ist noch immer nicht gelöst.»

Doch der Gemeindepräsident, der den «Bund» auf einen Rundgang über das Bahnhofgelände begleitet, will vorerst nicht über Probleme sprechen. Mit einer ausladenden Handbewegung deutet er auf den Bären, den gut 100-jährigen Gasthof, der bald einem 100 Meter hohen Hochhaus weichen soll. Sofern die Stimmbevölkerung am 29. November Ja sagt zur Überbauungsordnung Bärenareal (Text unten rechts). Auf grossen Plakaten schauen Politikerinnen und Unternehmer in die Höhe und werben so für das 33-stöckige Gebäude.

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Gebiet hat sich kaum entwickelt

«Das Hochhaus ist enorm wichtig für uns», sagt Iten und wiederholt in der Folge Sätze, die er in den letzten Wochen in persönlichen Gesprächen, an Parlamentssitzungen, aber auch gegenüber den Medien immer wieder zum Besten gegeben hat. Das Hochhaus sei ein «Symbol für innere Verdichtung», es sei ein «Leuchtturmprojekt für die ganze Region», ein «Identitätsstifter». Mit dem Hochhaus bleibe die Gemeinde interessant für Investoren und Neuzuzüger, also für jene, die dabei helfen sollen, die gebeutelte Gemeindekasse zu füllen. Dank der geplanten gemischten Nutzung mit einem Hotel, Praxen und Läden würden neue Arbeitsplätze geschaffen, sagt Iten. Von rund 200 Stellen ist die Rede. Es seien dies solche, die in den letzten Jahren in anderen Bereichen verloren gegangen seien.

Während des Gesprächs wird deutlich: Bei der Abstimmung geht es um weit mehr als nur um das Hochhaus. Der Gemeinderat hofft, dass das Gebäude jene Entwicklung auslöst, die in den letzten Jahren immer wieder gebremst wurde. Das Hochhaus als Weg aus der Sackgasse. Vor knapp 20 Jahren wurde das Gebiet rund um den Ostermundiger Bahnhof als kantonaler Entwicklungsschwerpunkt ESP definiert. Doch passiert ist seither kaum etwas, wie auf dem Rundgang deutlich wird. Der fehlende behindertengerechte Zugang zu Perron 2 ist nur eine von vielen Baustellen.

Trostloses Bild

Gleich an verschiedenen Stellen säumen leere Industriebauten und heruntergekommene Liegenschaften die Gleise, im südlichen Teil dominieren Autos und Lastwagen das Bild. Auf diesem Teil des Geländes, das den SBB gehört, ist neben dem Park?&?Ride auch die Recyclingfirma Ziswiler angesiedelt. Sie muss sich bald mit weniger Platz begnügen, weil die SBB an dieser Stelle ein Unterhalts- und Interventionszentrum planen. Was mit der alten Güterschopf passiert, ist noch unklar. Dieser wird vom Denkmalschutz als erhaltenswert eingestuft. Iten würde es wohl nicht stören, wenn das Gebäude abgerissen würde. Der komplett versprayte Schopf, dessen Fenster mit Spanplatten abgedeckt wurden, dient Jugendlichen an Wochenenden als Treffpunkt. Leere Bierdosen und Glasflaschen zeugen von der letzten Feier.

Schön ist es auch bei der Unterführung nicht. Der enge, dunkle Durchgang sei ein regelrechter Unort, da ist man sich in Ostermundiger einig. Mit dem Tram Region Bern wäre dieser Teil komplett umgebaut worden, ein Lift hätte das Perron 2 zusätzlich erschlossen. Mit dem Nein zum Tram war das Projekt aber vorerst gestorben, die Planung musste wieder bei null beginnen.

Angst vor der Veränderung

Damit die Hochhauspläne nicht auch in der Schublade verschwinden, haben die Behörden und Investoren eine kostspielige Kampagne durchgeführt. Beim Geschäftsmann, der gerade aus der S-Bahn aussteigt, hat sie gewirkt. Er werde sicher Ja stimmen, sagt er gegenüber dem «Bund». Das Hochhaus sei gut für die ­Gemeinde, besonders aus finanzieller Sicht. Eine ältere Frau ist weniger überzeugt. Es sei zwar richtig, in die Höhe zu bauen. «Aber dieses Hochhaus macht mir Angst.» Es werde das Gesicht des Dorfes verändern, «ich weiss nicht, ob mir das gefällt», sagt sie und hält ein paar Sekunden inne. «Aber wissen Sie, laut darf man das ja nicht sagen.»

Der Bund

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