Das grosse Verdichten

Am Thomasweg im Liebefeld wird in der Praxis durchgespielt, was Verdichten im grossen Stil bedeutet.

Frühlingssonne über dem Quartier Thomasweg: Sagt das Volk Ja, entsteht hier eine neue, dichte Siedlung.

Frühlingssonne über dem Quartier Thomasweg: Sagt das Volk Ja, entsteht hier eine neue, dichte Siedlung.

(Bild: Adrian Moser)

Marc Lettau

Die wohl wichtigste raumplanerische Frage lautet derzeit: Wie lässt sich die Zersiedelung – dieser sorglose Umgang mit dem endlichen Gut Boden – stoppen? Die Antwort klingt oft stereotyp und sehr abgegriffen: mit Verdichten!

Abgegriffen klingt die Antwort, weil inzwischen fast jedes Bauprojekt und fast jede Planung mit dem Prädikat «verdichtet» oder wenigstens mit dem Label «dichte Bauweise» geadelt wird, selbst dann, wenn nichts vorliegt, das verdichtet werden könnte: bei Projekten auf der grünen Wiese.

Verdichten im Bestand

Neu ist die unmittelbar daraus folgende Erkenntnis nicht: Konsequent zu Ende gedacht, lässt sich nur «im Bestand» nachhaltig verdichten, also nur über die innere Verdichtung von bereits überbautem Raum.

Genau dies will die Gemeinde Köniz jetzt durchexerzieren. Ziemlich im Schatten der raumplanerisch und regional bedeutenden Berner Viererfeld-Abstimmung erhofft sich nämlich die Könizer Behörde am 5. Juni ein Volks-Ja für ihr eigenes und ebenfalls raumplanerisch und regional bedeutendes Vorhaben.

Konkret soll das gesamte Wohnquartier zwischen Thomasweg, Stationsstrasse und Könizstrasse etappenweise abgebrochen werden und einer neuen Siedlung mit doppelt so grosser Wohnfläche weichen (siehe Karte und Text).

In ähnlich grossem Massstab ist «Verdichten im Bestand» in Stadt und Region Bern bislang nicht durchgespielt worden.

Das Kernstück der Vorlage

Auf den ersten Blick sind die Risiken solcher Vorhabens enorm: Eine Siedlung erst einzuebnen und dann neu und grösser zu bauen, kann gar zum Gegenteil von Verdichtung führen.

Etwa dann, wenn im Endeffekt gar keine zusätzlichen Wohnungen, sondern bloss grössere und teurere entstehen. Geschieht «Verdichtung» auf diese Weise, steigt bloss der Wohnflächenkonsum pro Person, steigt letztlich der Zersiedelungsdruck, statt dass er sinkt.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund das eigentliche Kernstück des Könizer Verdichtungsexperiments. Die Grundeigentümer erhalten zwar das Recht, ihren Boden wesentlich dichter zu nutzen, verpflichten sich aber im Gegenzug, in nennenswertem Mass zusätzliche Wohnungen zu bauen. 140 Wohnungen sind es heute.

Über 200 sollen es künftig sein. Und ein Drittel der neuen Wohnungen sollen einen einfacheren Ausbaustandard aufweisen und im unteren Preissegment liegen. Dieses Drittel soll den demografischen Umbruch im Quartier abdämpfen helfen.

0,5 bildet bloss die Realität ab

Wer in einem Neubau Wohnungen im unteren Preissegment einfordert, muss konsequenterweise die Grundeigentümer im Gegenzug von der Pflicht entbinden, unnötige, teure Infrastrukturbauten zu erstellen.

So werden am Thomasweg beispielsweise nur 0,5 Parkplätze pro Wohnung eingeplant. Ganz im Gegensatz zum Viererfeld führt die Parkplatzzahl im Liebefeld zu keiner ideologischen Debatte.

Aus lokaler Perspektive bildet der Wert ja lediglich die bereits bekannte Realität ab: In der Siedlung besitzt angesichts der perfekten Anbindung an den öffentlichen Verkehr bereits heute längst nicht mehr jede Familie einen Wagen.

Die Stimmberechtigten werden die Vorlage am 5. Juni wohl gutheissen. Weil sie das richtige Ziel verfolgt. Und weil keine echte Alternative existiert.

Bei einem Nein würde die in die Jahre gekommene Siedlung nämlich dennoch abgebrochen und ersetzt – durch eine Neubausiedlung von gleichen Dimensionen, aber ohne die Bedingung, den Wandel des Quartiers so sozialverträglich wie möglich auszugestalten.

Was den Stimmberechtigten vorgeschlagen wird, ist die weit bessere Wahl. Gleichwohl gilt es, die Verklärung des Vorhabens am Thomasweg zu vermeiden.

Verschwinden im Laufe weniger Jahre viele Wohnungen, die heute zum Teil weniger als 1000 Franken pro Monat kosten, dann verschwindet damit auch Lebensraum für Menschen, die bewusst das Familiäre, Einfache und Bescheidene suchen.

Trotz der Modellhaftigkeit der Planung, trotz aller Vorkehrungen, die Erneuerung des Quartiers abzufedern, wird das Areal Thomasweg durch den Eingriff gründlich umgekrempelt.

Bauen in diesem Stil prägt bis zu einem gewissen Punkt das Leben, das in diesem Quartier künftig möglich sein wird.

Detailhandel en gros

Schlussfrage: Verdient es das Experiment Thomasweg überhaupt, als «grosses» Verdichtungsprojekt bezeichnet zu werden? Die vorläufige Antwort lautet Ja, denn «Verdichten im Bestand» ist selten je grosses Bauen, sondern kleines Bauen: anbauen, ausbauen, zusammenbauen.

Oder um es mit den Worten von Architekturkritiker Benedikt Loderer zu sagen: «Verdichten ist Detailhandel.» Am Thomasweg versucht Köniz, die grösstmögliche Form von Detailhandel zu betreiben, quasi Detailhandel en gros.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...