Das Dorf der Politikfans

Am 6. November wird in Bolligen gewählt – FDP und BDP fordern Amtsinhaber Rudolf Burger, der für eine dritte Legislatur antritt, heraus.

Attraktive Hanglage mit viel Grün: Doch die Bäume wuchsen in den letzten Jahren in Bolligen nicht in den Himmel.

Attraktive Hanglage mit viel Grün: Doch die Bäume wuchsen in den letzten Jahren in Bolligen nicht in den Himmel.

(Bild: Adrian Moser)

Simon Wälti

Wanderer und Landwirte schauen auf Bolligen hinunter – das ist nicht als Ausdruck von Geringschätzung zu verstehen, sondern schlicht und einfach geografisch gemeint. Die Wanderer und Spaziergänger steigen an schönen Tagen in Scharen auf den Bantiger oder ziehen über den Rücken des Grauholzes. Die Landwirte wiederum wohnen in den sogenannten oberen Dorfteilen wie Hab-stetten, Ferenberg oder Geristein. Von oben bieten sich malerische Ausblicke auf Bolligen, das sich vom Worblental den Hang hinaufzieht. Ältere und neuere Gebäude wechseln sich ab, im Zentrum stehen historische Gebäude, gruppiert um die Kirche.

Die Ausgangslage für den Wahltermin am 6. November ist offen. Rudolf Burger (Bolligen Parteilos) kann nach acht Jahren als Gemeindepräsident mit einem Bisherigenbonus rechnen. Andrerseits gibt es Stimmen, die sagen, es sei Zeit für einen Wechsel. Und Burger hat starke Konkurrenz erhalten. Bereits klar signalisiert hat die SVP, dass sie die FDP-Kandidatin Kathrin Zuber-Merki unterstützen wird. BDP-Kandidat Martin C. Kaufmann werden Aussenseiterchancen eingeräumt. Die SP hat sich noch nicht auf einen Kandidaten festgelegt. Weder SVP noch SP schicken einen eigenen Kandidaten ins Rennen um das Amt, das einen Beschäftigungsgrad von 50 Prozent vorsieht.

Starke politische Beteiligung

Auffallend gut besucht sind in Bolligen die Gemeindeversammlungen: Die Geschäfte werden nicht nur abgenickt. Wer sich zu Wort meldet, äussert nicht nur oder nicht primär seinen Unmut, sondern bringt oft fundierte Diskussionsbeiträge und durchdachte Anregungen ein. Ein Grund für die starke Beteiligung ist, dass in den letzten Jahren wichtige Geschäfte zu behandeln waren: etwa die Sanierung der Pensionskasse, das neue Schulhaus im Lutertal, Seniorenwohnungen, die Planung für eine Wohnüberbauung auf dem Areal des Schulhauses an der Flugbrunnenstrasse oder auch die Abgabe des Restaurants Linde im Baurecht. Doch das ist nur ein Teil der Erklärung: Die Bolligerinnen und Bolliger sind gut informiert und überdurchschnittlich an Politik interessiert. Die Gemeinde gehört jeweils bei kantonalen oder eidgenössischen Urnengängen zu den Spitzenreitern betreffend Stimmbeteiligung.

Viel Fläche, wenig Entwicklung

Bolligen hat mit knapp 17 Quadratkilometern eine deutlich grössere Fläche als die Nachbargemeinden Ostermundigen, Ittigen und Stettlen zusammen. Stark gewachsen ist die Bevölkerung vor allem zwischen 1965 und 1985, dann sackte die Einwohnerzahl ab. In den letzten Jahren ist sie wieder leicht angestiegen. Aktuell zählt Bolligen rund 6200 Einwohnerinnen und Einwohner. Dass es nicht mehr geworden sind, ist auch darauf zurückzuführen, dass die Gemeinde als eine der ersten in der Agglomeration Bern von der Wachstumsskepsis ergriffen wurde und geplante Neueinzonungen von Bauland ablehnte. 1300 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger waren an jener denkwürdigen Gemeindeversammlung im Jahr 2008 erschienen.

Bei den Nationalratswahlen 2015 war die SVP in Bolligen die stärkste Partei, bei den letzten Gemeindewahlen lag dagegen die SP vorne, knapp vor der FDP. Bei eidgenössischen und kantonalen Wahlen nimmt die lokale politische Gruppierung Bolligen Parteilos (BP), der Rudolf Burger angehört, nicht teil. Im Jahr 2000 gegründet, hatte Bolligen Parteilos ihre beste Zeit mit der Wahl von Burger ins Gemeindepräsidium und einem Wähleranteil von 20,6 Prozent. 2012 ging dieser auf 14,5 Prozent zurück. Burgers Hausmacht ist also geschrumpft. Bolligen Parteilos hat sich auf die Fahne geschrieben, «ohne ideologische Scheuklappen» zu politisieren. Ein zweiter Wahlgang – dieser fände am 27. November statt – ist nicht unwahrscheinlich. Das war schon 2008 so, als ebenfalls drei Personen antraten.

Lange konnte man einen eher tiefen Steuersatz halten, nun zieht der Gemeindefiskus mit 1,60 Einheiten mehr ein als die Stadt Bern mit 1,54. Steuererhöhungen sind zwar unpopulär, es wurde aber ohne viele Nebengeräusche ein Konsens gefunden: Lieber etwas mehr zahlen, als beim kulturellen Angebot und bei den Dienstleistungen der Gemeinde Abstriche machen. Die Lebensqualität soll nicht leiden. Die Finanzen bleiben in den nächsten Jahren ein wichtiges Thema, sind die Schulden doch wegen Investitionen und der Sanierung der Pensionskasse auf einem sehr hohen Stand. Sollte das Zinsniveau einmal wieder ansteigen, könnte Bolligen in die Bredouille kommen. Zudem hat sich mit Coca-Cola der beste juristische Steuerzahler verabschiedet.

Die Kandidaten

Rudolf Burger (Bolligen Parteilos): Der Journalist, der Politiker wurde

Dass Rudolf Burger vor acht Jahren den Sprung an die Spitze der Gemeinde geschafft hat, war eine grosse Überraschung. Schliesslich war die Amtsinhaberin, SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen, wieder angetreten. Burger hatte als damaliger Vize-Chefredaktor des «Bund» in erster Linie die Rolle des Beobachters und nicht die des politischen Akteurs inne.

Vor allem in der ersten Legislatur wurde seine Amtsführung von verschiedener Seite kritisiert, was darin gipfelte, dass er das Planungsressort abgeben musste. Ihm wurde vorgeworfen, wichtige Geschäfte zu wenig entschlossen vorangetrieben zu haben. Trotzdem gab es 2012 keine Kampfwahl um das Präsidium. In der zweiten Amtszeit blieb es vergleichsweise ruhig. Punkten konnte der 1950 geborene Burger mit seiner kommunikativen und umgänglichen Art. Burger sagt, er wolle sein Engagement für die Gemeinde fortsetzen. (wal)

Kathrin Zuber (FDP): Lehrerin mit Ambitionen

Die FDP meldete bereits früh ihren Anspruch auf das Gemeindepräsidium an. Kathrin Zuber-Merki ist Gemeinderätin und für das Ressort Soziales zuständig. Schon im Mai 2015 brachte sie sich als mögliche Nachfolgerin von Rudolf Burger ins Gespräch. Damals hatte der Amtsinhaber noch nicht entschieden, ob er für eine dritte Amtszeit kandidiert.

Die Lehrerin und Familienfrau mit Jahrgang 1959 unterrichtet am Oberstufenzentrum Eisengasse. Sie ist in Bolligen aufgewachsen. Seit 2012 ist sie im Gemeinderat, im November 2012 erzielte sie bei den Wahlen das beste Resultat. «Sie will anstehende Gemeindeprojekte mit mehr Mut und Engagement vorwärts treiben, als dies bisher geschehen ist», teilte die FDP mit. Zuber-Merki stand mit ihrem Ressort nur selten im Rampenlicht. Meistens ging es an den Gemeindeversammlungen um Planungsgeschäfte, Bauprojekte oder um die Finanzen. (wal)

Martin C. Kaufmann (BDP): Er war schon Präsident

Martin C. Kaufmann ist aktuell nicht im Bolliger Gemeinderat, den BDP-Sitz im Siebnergremium nimmt René Bergmann ein. 2012 war die BDP zum ersten Mal zu den Wahlen angetreten. Kaufmann ist Präsident der BDP-Sektion Bolligen-Ostermundigen. Er ist Kommunikationsfachmann mit einer eigenen Coaching- und Consultingfirma, die Beratung in Persönlichkeits- und Teamentwicklung anbietet.

Kaufmann, der Jahrgang 1956 hat, weist bereits Exekutiverfahrung auf, aber in einer anderen bernischen Gemeinde: Er war bis Ende 2007 Gemeinderatspräsident der kleinen Gemeinde Oberösch, die zwischen Ersigen und Koppigen liegt. Damals gehörte er noch der SVP an. In einem Beitrag in der «Bantiger Post» schreibt er, die Gemeinde wirke für ihn wie «eine grosse Familie». In Bolligen gebe es aber «heikle Themen und Projekte, die eine definierte Zielsetzung und klare Führung» erforderten. (wal)

Der Bund

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