Das alte Bauerndörfchen entschläft

Im Ried bei Niederwangen spriesst ein modernes Quartier für 2000 Menschen aus dem Boden. Die Bauern verschwinden aus dem geschützten Bauernweiler.

Ackerland wird zu Siedlungsboden: Bagger bereiten derzeit das Terrain für die Siedlung Papillon vor.

Ackerland wird zu Siedlungsboden: Bagger bereiten derzeit das Terrain für die Siedlung Papillon vor.

(Bild: Adrian Moser)

Marc Lettau

Papillon: So heisst die grosse Siedlung, die dereinst für rund 2000 Menschen ein Zuhause bieten wird. Die Wohnlage ist formidabel. Auf der einen Seite liegt mit dem Könizbergwald das Naherholungsgebiet praktisch vor der Haustür. Und der Blick nach Norden verspricht Weite, reicht er doch bis an den Chasseral.

Jetzt sind die ersten Bagger aufgefahren, ziehen Baupisten durchs Wies- und Ackerland. Die Baumaschinen türmen das Erdreich zu eindrücklichen Hügeln auf. Kurz: Auf Berns grösstem zusammenhängenden Baugebiet wird ab jetzt sichtbar, wozu die Könizer Stimmberechtigten 2012 mit grossem Mehr Ja gesagt hatten. Über zehn Jahre hinweg wird nun Häuserzeile um Häuserzeile gebaut.

Bauernweiler ohne Bauern

Die Landwirte, die bislang das ausgedehnte Plateau zwischen dem Bauernweiler Ried und dem Könizbergwald bewirtschaftet haben, blieben dem gestrigen Spatenstich fern. Sie sind nicht in Festlaune: Sie konstatieren, de facto werde der denkmalgeschützte Bauernweiler Ried jetzt zum Weiler ohne aktive Bauern.

Bereits die Konsequenzen gezogen hat Landwirt und Pächter Herbert Bucheli. Er bewirtschaftet inzwischen ein Gehöft im Rüschegg und kümmert sich von dort aus ums gepachtete Ackerland im Ried. Weil er – wegen Papillon – dieses Pachtland verliere, werde er über kurz oder lang zum «blossen Landschaftspfleger». Bucheli ist darob verärgert: «In Bern unten», sagt er, würden die Bauern stets aufgefordert, kostengünstig zu produzieren. Er aber erfahre eben gerade, dass er genau den Boden, auf dem sich kostengünstig produzieren lasse, ans Siedlungswachstum verliere, während er sich in voralpine Hügel­zonen zurückziehen müsse.

Aufgeben als einziger Ausweg

Bäuerin Barbara Guggisberg, die im Ried einen Nebenerwerbsbetrieb führt, verliert die gesamte von ihr bewirtschaftete Ackerfläche ans «urbane Wohnen» im Ried. Sie hat nur Pachtland. Jetzt will sie wegziehen. Sie wird den Ackerbau ganz aufgeben und sich auf ihren Job im Inforama Rütti beschränken.

Zwar verstehe sie, dass es sinnvoll sei, in unmittelbarer Stadtnähe Wohnraum zu schaffen. Das ändere aber nichts daran, «dass es wehtut, wenn so gutes Ackerland verschwindet und man von dem Ort verdrängt wird, mit dem man sich verbunden fühlt». Zudem empfindet auch sie – gleich wie Bucheli – die Orchestrierung des Baubeginns als «ungefreut»: Die Bagger fahren auf, obwohl der Pachtzins bis Ende Jahr bezahlt ist, noch nicht alle Kulturen geerntet und die Pachtverträge noch nicht gekündigt worden sind. Das allerdings ist ein Schicksal, das allen Bauern droht, deren Pachtland in der Bauzone liegt: Das bäuerliche Bodenrecht entfaltet hier keine Wirkung.

Druck auf die stadtnahen Bauern

Der Könizer Landwirt Niklaus Burri, der dritte Pächter, der im Ried Pachtland verliert, spricht von einer «typischen Situation» für Landwirte, die in unmittelbarer Nähe des urbanen Siedlungsgebiets wirtschafteten: «Es herrscht wirklich ein sehr grosser Druck auf Bauernland, das in der Bauzone liegt.»

Gleichzeitig weiss Burri auch nach dem gestrigen Spatenstich nicht, wie viel Ackerland er letztlich verlieren wird. Ist der – angekündigte – Verlust für ihn ebenfalls existenzbedrohend? «Vorläufig nicht», sagt Burri. Hoffen muss er letztlich auf den Strukturwandel: Die Zersiedelung lässt die Betriebe schrumpfen – und wachsen können sie praktisch nur, wenn andere Bauern ihren Beruf an den Nagel hängen und ihr Land anderen Bewirtschaftern überlassen.

Kein Interesse am Schafehüten

Den Planern von Papillon schwebt Wohnen im Grünen vor, in symbiotischer Nähe zur Landwirtschaft. In den Darstellungen des enormen Wohnbauprojekts weiden denn auch Schafe zwischen den Häuserzeilen. Das ist mehr als computergenerierter Dekor, sondern planerische Vision.

Eine Vision, die bei Bäuerin Barbara Guggisberg nur Kopfschütteln auslöst. Sie sei tatsächlich gefragt worden, ob sie sich denn nicht vorstellen könne, die Grünflächen zwischen den Häuserzeilen landwirtschaftlich zu bewirtschaften – im Sinne einer bäuerlich-urbanen Kultur etwa Kühe oder Schafe zu halten, Hochstammbäume zu pflegen und im Herbst fürs Quartier Süssmost zu pressen.

ür die Bäuerin ist die Vorstellung «absurd» und eine schier kränkende Aufforderung zur Ballenbergisierung: Wegen der laufenden Entwicklung höre der Weiler auf, ein Bauernweiler zu sein, «und gleichzeitig lädt man uns ein, einen Beitrag zur ländlich inspirierten Wohnform zu leisten». Ein solches Experiment ende spätestens, wenn die Schafe zwischen den Häuserzeilen blökten.

Auch Herbert Bucheli hat keine Lust, zum Greenkeeper eines Schöner-Wohnen-Projekts zu werden: «Das kann auf keinen Fall klappen.» Schon heute seien die Konflikte zahlreich: Immer wieder müsse gemähtes Gras entsorgt werden, weil derart viel Hundekot und Müll drin sei. Die Idee eines «Quartierbauern» müsse man «einfach sofort wieder vergessen».

Bauer Burri rät: In die Höhe bauen

Bauer Burri wiederum überlegt sich nicht, was sich zwischen den Häuserzeilen abspielen soll, sondern er kommentiert die Häuserzeilen an sich. Er findet sie aus raumplanerischer Sicht «gar nicht so vorbildlich»

Er könnte sich die Siedlung noch urbaner vorstellen: Gemessen am Umstand, dass Ackerland bester Qualität überbaut werde, frage er sich nämlich, «warum nicht mehr in die Höhe gebaut wird». Wenn schon Boden verloren gehe, sähe er lieber «mindestens sechs- bis siebengeschossige Bauten».

Der Bund

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