«Bern gehts besser als vor 100 Jahren»

In Schüpfen führte der Bauer und spätere Bundesrat Minger Rüedu den Pflug. Hier feiert die bernische Volkspartei ihr 100-jähriges Bestehen – und nimmt sich die politischen Gegner in Form von Drinks zur Brust.

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Das Bett steht nicht im Kornfeld, sondern beim Eingang der Schüpfener Sporthalle. Hier können sich Gäste der SVP-Sause zum 100-Jahr-Jubiläum mit der Parteiprominenz ablichten lassen, oder zumindest mit Fotos von ihnen. Auf der Bettkante mit Blocher, Maurer und Parmelin? Das Bett ist ein Preis der heutigen Tombola, es liess sich kein anderer Platz finden, um es zwischenzulagern, bevor es der Gewinner mitnimmt. Als Lösliverkäufer hat sich – auf Anregung von Alt-SVP-Bundesrat Dölf Ogi – Philippe Müller einspannen lassen, freisinniger Regierungsratskandidat. Verkauft er Nieten und SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus streicht das Geld ein? Nein. Das Duo will damit demonstrieren, dass die Bürgerlichen diesmal gemeinsam in den Wahlkampf steigen. Früher taten sie dies manchmal nicht – und bereuten es bitter.

An ihrem 100. Geburtstag ist die Partei sonst weitgehend unter sich. Es haben sich keine auswärtigen Gratulanten angesagt. Im Saal verteilt sich die eigene Prominenz aus dem Grossen Rat, dem Nationalrat und dem Bundesrat. Und natürlich die Basis. Einige entsprechen dem Bild, das sich viele von SVP-Mitgliedern machen: Tracht, bäuerliche Herkunft, ländliche Robustheit. Doch es gibt auch Frauen mit violett gefärbten Haaren, urbane Mitglieder, Kinder, junge Leute. Den politischen Gegner trifft man einzig an der Minger-Bar in einer Ecke der Halle an. Ihn nehmen sich die Geburtstagsgäste buchstäblich zur Brust – in Form von Drinks: «Funiciello-Shot» (Vieille Prune), «K. O. Tropfen» (mit Zuger Kirsch) oder den «Sommaruga-Drink».

Quelle: sda

Am Ehrentisch sitzt die Parteiprominenz: amtierende und Alt-Bundesräte, Regierungsräte und Nachkommen von Minger Rüedu. Rudolf Minger – nachmaliger Verteidigungsminister von 1929 bis 1940 – legte in der Bierhübeli-Rede vom November 1917 dar, dass die Bauernsame nicht länger dem Freisinn folgen, sondern eine eigene politische Kraft werden soll, zur Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB («Bund» vom Samstag). Auch Kantonalpräsident Werner Salzmann ist mit dem Urahn verwandt. Seine Mutter Dora erinnert sich, dass sie als Kind für Grossonkel Ruedi Besorgungen im Dorfladen machte und dafür einen Batzen bekam, bevor sich Rüedu und ihr Grossvater zu einem Jass in die Beiz verabschiedeten. Werner Salzmann ist unschwer eine gewisse Nervosität anzumerken, denn die grosse Kiste mit prominenter Besetzung soll pannenfrei verlaufen. Manchmal hebt Salzmanns Vater kurz die Hand und signalisiert dem Filius, dass wieder jemand eingetroffen sei, den er begrüssen sollte.

Nicht nur die SVP ist ein Jahrhundert alt, auch Parteimitglied Otto Weber ist es beinahe. Der hochbetagte Mann – er erhebt sich kurz am Tisch – habe schon 79-mal den Parteibeitrag entrichtet, sagen die Moderatoren, und Weber erhält einen Applaus. Vor der Halle führt der Stadtberner SVP-Politiker Erich Hess auf seinem Handy den Kurzfilm vor, in dem er die Rolle Mingers verkörpert – und gestikulierend vor dem Bundeshaus steht. Stefan Theiler («Dr. Strangelove»), Aussenseiter-Anwärter auf ein Regierungsratsamt, schnorrt bei Hess eine Zigarette, «dann trete ich in eure Partei ein». Hess antwortet: «Ich gebe dir eine Zigarette, wenn du nicht eintrittst.»

An Geburstagsfesten wollen die Gäste meist essen und reden, weniger zuhören. Der zweisprachige Bieler Moderator, Grossrat Mathias Müller, und Petra Kunz aus Schüpfen bitten jeweils um mehr Ruhe, wenn die SVP-Magistraten das Wort ergreifen – oder wenn der Komiker Andreas Thiel mit der schrillen Irokesen-Regenbogen-Frisur humorige Einlagen gibt. Kunz hat Erfahrung mit solchen Anlässen. Im November 2007 organisierte sie am historischen Ort im Berner Bierhübeli praktisch im Alleingang eine Gedenkveranstaltung zur Bierhübelirede. Christoph Blocher war damals Bundesrat, Ueli Maurer Parteipräsident – und Samuel Schmid wenigstens ein «halber Bundesrat», wovon aber an jenem Anlass keine Rede war. Kunz gab Blocher damals ein Glückssäuli, «doch es kam nicht gut heraus», wie die Moderatorin sagt: Blocher wurde kurz darauf abgewählt, daraus folgte die Abspaltung der BDP. Deshalb gibt es heute Schäfchen als Geschenk, aber keine schwarzen.

Auf die Bühne tritt nun ein Mann, der laut Affiche «eingeschlagen hat wie eine Bombe», Pierre Alain Schnegg. Der Bernjurassier sagt französisch und deutlich, dass er Bern unternehmerischer führen wolle. Es sei kein Naturgesetz, dass Bern immer mehr Geld verschlinge und Empfänger von Ausgleichszahlungen bleibe. «Bern muss wieder zur Lokomotive werden.» Eine Lokomotive müsse nicht alle 25 Kantons-Wagen ziehen. Sie könne auch schieben, «Hauptsache, sie ist stark». Manche Historiker behaupten, Berns Sonderweg mit der agrarischen Regierungspartei habe die Entwicklung gebremst. Fraktionspräsidentin Madeleine Amstutz sieht das anders. Sie ruft in den Saal: «Gehts Bern besser als vor 100 Jahren? Ja, das darf man sagen.» (Der Bund)

Erstellt: 11.03.2018, 17:50 Uhr

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