Bergbahnen Saanen dank Bertarelli und Co. vorerst gerettet

Mit Privatkapital wollen sich die Bergbahnen von Gstaad aufrappeln. Der Handel beendet ein Stück lokale Skigeschichte und stellt die Weichen für mehr Luxustourismus.

Die Rettungsaktion für die Bergbahnen im Saanenland ist im Gang.

Die Rettungsaktion für die Bergbahnen im Saanenland ist im Gang.

(Bild: Keystone Edi Engeler)

Marcello Odermatt@cellmob

Nun soll es Ernesto Bertarelli also richten. Was die Gstaader Bergbahnen und die Gemeinde Saanen jahrelang nicht geschafft haben, liegt jetzt in den Händen einer privaten Investorengruppe um den milliardenschweren America’s-Cup-Gewinner: das Saanenland als Tourismusdestination und Skisportgebiet langfristig zu erhalten. Ob es klappt, ist offen. Klar ist aber seit Mittwoch: Unternehmer Bertarelli, ehemaliger Serono-Hauptaktionär, steigt definitiv bei den Bergbahnen Destination Gstaad AG (BDG) ein, gemeinsam mit anderen privaten Financiers, darunter André Hoffmann, Verwaltungsrat der Pharmafirma Roche.

Die Generalversammlung der BDG hat dem lange vorbereiteten Handel und der damit verbundenen Rekapitalisierung des Unternehmens am Mittwoch klar zugestimmt. Die Investorengruppe trägt nun mit 28 Millionen dazu bei, das Tourismusunternehmen zu sanieren – mit zwei Dritteln des Aktienkapitals, mit Investitionen in Anlagen und Gebäude sowie mit dem Kauf von Liegenschaften. Allerdings bleibt nach wie vor ein Grossteil der Kosten bei den beteiligten Gemeinden hängen. Alleine Saanen beschloss an der Gemeindeversammlung im September 32,8 Millionen Franken für die Rettung ihrer Bergbahnen.

Luxus-Lodge statt Stemmbogen

Während man im Saanenland ob des angekündigten Geldsegens der Privaten an eine der wichtigsten Wirtschaftszweige der Region frohlockte, sorgten Bertarellis künftige Pläne hingegen für Unmut. Denn mit dem Handel verbunden ist der Verkauf des Rellerlis, des Hausbergs in Schönried mit seiner Skianlage. Die Investoren planen dort eine Luxus-Lodge, ein Privatressort für Feriengäste.

Trotz Widerstand aus der Bevölkerung segnete die Gemeinde Saanen mit 389 gegen 200 Stimmen an der Gemeindeversammlung im September das Geschäft klar ab (siehe Kasten). Statt einheimischer Kinder, die ihre ersten Bögen stemmen, werden also dereinst wohlhabende Gäste aus dem Ausland auf dem Rellerli Cocktails schlürfen. Zumindest in Schönried endet damit im Jahre 2018, wenn die Konzession für die Rellerli-Bahnen definitiv ausläuft, ein Stück Skigeschichte.

Ob dies zugleich der Start einer neuen glamourösen Ära im Tourismus sein wird, ist hingegen offen. Nach dem Entscheid der Generalversammlung der BDG können zwar nach langjährigen, zähen Verhandlungen die maroden Bergbahnen rekapitalisiert werden. Ob sich das private Engagement langfristig lohnen wird, ist aber unklar.

In einem ähnlichen Prozess stecken etwa die Bergbahnen Brigels Waltensburg Andiast in Graubünden. Auch hier schiessen prominente Bergretter wie Pierin Vincenz, ehemaliger Chef der Raiffeisen-Gruppe, frisches Kapital ein. Bei solchen Privatpersonen handelt es sich gemäss Branchenkennern aber eher um Mäzene als um Investoren. Grosse Dividenden sind kaum zu erwarten. Die Investition der Privaten läuft in Gstaad denn auch unter dem Motto «Aus Liebe zum Saanenland», wie der Finanzchef der Bergbahnen Destination Gstaad, Jürg Brönnimann, kürzlich der NZZ sagte.

Am grundsätzlichen Problem der Branche ändert sich hingegen nichts: Bahnen wie jene in Gstaad sind nicht ausgelastet. Die Gründe: Sinkendes Interesse am Wintersport, schneearme Saisons, angespannte Wechselkurslage. Während grosse Skigebiete mithalten können, sind mittelgrosse Unternehmen unter Druck. Brancheninterne Schätzungen zufolge können zwei Drittel aller Bergbahnen in der Schweiz nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien nicht überleben. Es gibt zu viele Lifte, veraltete Bahnen und unrentable Berggasthäuser. Das Ziel der neuen BDG wird also sein müssen, nach der Schliessung des Rellerlis die übrigen Anlagen besser ausnützen zu können – mit oder ohne reiche Touristen in der Ferien-Lodge.

Inklusive Steuererhöhung

Mit der neuen Besitzerstruktur, bei der die öffentliche Hand nur noch Minderheitsaktionär ist, dürften sich zumindest die betriebswirtschaftlichen Entscheidungsprozesse vereinfachen. Der Grund für die zählebige Sanierung lag auch in den bisherigen Eigentümerverhältnissen mit mehreren Gemeinden in den zwei Kantonen Bern und Waadt.

Für die BDG bedeutet der Zustupf der Privaten indes eine Verschnaufpause. Vorläufig endet eine jahrzehntelange Leidensgeschichte. 2008 bereits wurde ein zehnjähriges Investitionsprojekt von über 160 Millionen lanciert, 2011 wieder gestoppt, weil es nicht funktioniert hatte. 2013 wurden eingeschränkte Betriebszeiten und die Schliessung von Skiliften angekündigt. Vor einem Jahr lehnte Saanen einen ersten Versuch zur Restrukturierung ab, musste dann aber trotzdem als Übergangslösung aushelfen und dafür die Steuern erhöhen. Der neuen Sanierungsvariante stimmten die an der BDG beteiligten Gemeinden Saanen, Zweisimmen und Rougemont (VD) im September schliesslich zu.

Der Bund

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