Bergbahnen Gstaad: Jetzt wird abgespeckt

Zu Boden gewirtschaftet, ineffizient und von Subventionen abhängig: Bei den Bergbahnen Gstaad zeigt sich, was es heisst, wenn die fetten Jahre im Wintersport vorüber sind.

Wegen des geplanten Abrisses der Rellerli-Bahn sieht Matthias Kurt dunkle Wolken über seinem Gastrobetrieb aufziehen.

Wegen des geplanten Abrisses der Rellerli-Bahn sieht Matthias Kurt dunkle Wolken über seinem Gastrobetrieb aufziehen. Bild: Adrian Moser

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Vom einstigen Berghotel Sparenmoos ist nur eine Buvette übrig geblieben. Und auch sie ist heute fast leer. Lediglich ein älterer Gast sitzt in der Ecke des schlicht eingerichteten Gasthauses.

Der riesige Parkplatz draussen ist leer. Dabei wären die Verhältnisse an diesem sonnigen Nachmittag Ende März ideal: Die Langlaufloipen sind präpariert, die Hochmoorlandschaft auf 1630 Metern über Meer ist atemberaubend. Hier ist das Reich von Matthias Kurt und seiner Buvette.

Der parteilose Ex-Grossrat ist ein Querkopf mit unerschöpflichem Ideenreichtum. «Lebenskünstler, gebürtiger Simmentaler und ewiger Student ohne Abschluss» nennt er sich selbst. Die Region mit seinen Bergen ist das Zuhause des 58-Jährigen. Und er bangt um deren Zukunft.

Denn seine Heimat ist im Wandel begriffen. Wohin dieser führt, ist ungewiss. Die Bergbahnen kämpfen gegen rote Zahlen – wie fast in allen Schweizer Wintersportdestinationen.

Ein Berg wird privatisiert

In der Region Gstaad ist nun eine erste Bahn dem ausbleibenden Schnee und dem starken Franken zum Opfer gefallen. Ein «Bauernopfer» nennt es Kurt. Die Gondelbahn aufs Rellerli wurde letzten Oktober an den Wahlsaaner und Multimilliardär Ernesto Bertarelli verkauft.

Für viele Einheimische ist es der Ausverkauf der Heimat par excellence. Bereits wird über das «Bertarellerli» gespottet. 2019 plant Bertarelli, die Bahn abzureissen und das Berghaus in eine Luxuslodge umzubauen. Ein «herber Verlust», sagt Kurt. «Es ist Unsinn, die Gondelbahn auf den schönsten Sommerberg in der Region abzureissen.»

Für das Sparenmoos ist die Lage ernst. Das Rellerli sei «überlebenswichtig», sagt Kurt: «Im Sommer ist es der wichtigste Gästelieferant.» 50 bis 100 Leute kämen an schönen Tagen über den Höhenwanderweg ins Sparenmoos. Kurt wehrt sich gegen den Abriss.

Auch Bruno Schwenter, der seit 35 Jahren beim Rellerli arbeitet, fürchtet, dass der Region in Zukunft das «beste Sommerangebot fehlt». Er ist überzeugt, damit wohl für die gesamte Belegschaft und grosse Teile der einheimischen Bevölkerung und Stammgäste zu sprechen.

Es soll wieder aufwärtsgehen

Den Verkauf des Rellerlis hat die neue Leitung der Bergbahnen Destination Gstaad (BDG) trotz dem Rumoren in der Bevölkerung über die Bühne gebracht. Damit konnte der Konkurs in letzter Minute abgewendet und potente Privatinvestoren wie Bertarelli mit Gegengeschäften ins Boot geholt werden.

Die neue BDG-Spitze, Verwaltungsratspräsident Heinz Brand und Geschäftsleiter Matthias In-Albon, wollen damit die BDG aus der Misswirtschaft der letzten Jahren herausführen. Denn seit der Gründung 2003 stand die BDG unter Dauerkritik: Das Unternehmen schrieb notorisch Verluste in Millionenhöhe.

Die Steuerzahler wurden in der Folge zur Kasse gebeten, um die sanierungsbedürftigen Bahnen vor dem Bankrott zu retten. Die Gemeinden konnten es sich dank der florierenden Bauwirtschaft leisten. «Damit hat man das Problem aber nur hinausgeschoben und nicht gelöst», sagt Kurt. Wie ein Schneepflug, der den Schnee vor sich herschiebe, seien die Probleme aufgetürmt worden.

Hört man sich im Tal um, wird oft Kritik an der «nachlässigen Führung» geübt, die es nicht schaffte, aus den ehemals dreizehn Bergbahnunternehmen eine Einheit zu bilden. Zwar habe man sich nach der Fusion gegen aussen als BDG verkauft.

Im Innern aber hätten alte Rivalitäten weitergetobt, man habe sich das Leben gegenseitig schwer gemacht, so tönt es unisono. Die ineffizienten Verwaltungsstrukturen waren ein weiterer Kritikpunkt. 2014 mussten sechs von acht Verwaltungsräten aufgrund der öffentlichen Kritik zurücktreten.

Mit einem Schuldenschnitt, frischem Kapital von privaten Investoren und einem neuen Unternehmenskonzept wollen die beiden Neuen an der BDG-Spitze jetzt einen Wandel herbeiführen. Das bedeutet konkret auch einen Stellenabbau. Matthias In-Albon sagt: «Wir müssen schlanker werden.»

Man komme nicht umhin, auch unpopuläre Massnahmen zu ergreifen. «Im nächsten Winter werden wir weniger Saisonniers anstellen.» Die Auswirkungen auf die Festangestellten sei indes nicht so stark. Konkreter könne er sich aber nicht äussern, so In-Albon.

Auch bei der Führung werde es Änderungen geben. Denn: «Je straffer geführt wird, desto effizienter kann das Unternehmen werden», so In-Albon.

Neue Skigebiete im Osten

Die Vorgänge, die sich in Gstaad bei der BDG abspielen, sind exemplarisch für den Wandel in vielen mittelgrossen Wintersportdestinationen. «Die Schneesicherheit um 1800 Meter nimmt ab, der Skimarkt ist rückläufig und das wirtschaftliche Umfeld schwierig.»

Therese Lehmann ist Tourismusforscherin an der Universität Bern. Sie bringt es auf den Punkt: «Es gibt zu viel Kapazität in einem schrumpfenden Skimarkt.» Neue Skigebiete, die in Osteuropa bis hin nach Aserbeidschan und China aus dem Boden gestampft würden, weitetet diese zudem weiter aus.

In den Jahren 2001 bis 2013 sind weltweit in Russland am meisten neue Bergbahnen gebaut worden. China steht an fünfter Stelle, Tschechien, Aserbeidschan, Serbien folgen. Lehmann sagt, in der Schweiz müsse man in grösseren Regionen denken: «Das gesamte Berner Oberland müsste sich überlegen, wo überhaupt noch Skigebiete infrage kämen und wo auf Alternativen umgestellt werden sollte.»

Aus der Sicht der Wissenschaft sei dies natürlich einfach zu sagen. «In der Praxis stehen dem historisch gewachsene Strukturen entgegen.» Aber welche Alternativen gibt es für Gstaad, für die Schweizer Destinationen? «Die Alternativen im wertschöpfungsstarken Skitourismus sind rar.

Ein entsprechender Wandel benötigt Zeit.» Lehmann spricht von «Erlebnisbergen und wiederkehrenden Events». Aber auch die Umstellung auf reinen Sommerbetrieb sei eine Option – ebenso die Verlängerung der Sommersaison. Die Stockhornbahn habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht. In Zukunft müssen gemäss Lehmann wohl auch einige Bahnen ihren Betrieb einstellen.

In der Buvette im Sparenmoos sinniert auch Matthias Kurt über die Herausforderungen seiner Region. Und für ihn ist klar: «Die Zukunft gehört den Kreativen.» Erfolgreich werde sein, wer Neues wage und das Risiko in Kauf nehme, auch mal zu scheitern.

Ernesto Bertarelli wollte sich gegenüber dieser Zeitung nicht zum Thema äussern. Er sei auf Reisen, liess ein PR-Berater ausrichten. (Der Bund)

Erstellt: 29.03.2016, 06:42 Uhr

Zur Sache

«Wir stellen weniger Saisonmitarbeiter an»

Matthias In-Albon, wie gedenken Sie die marode Bergbahnen Destination Gstaad (BDG) aus der Misere zu führen?
Wir restrukturieren das Unternehmen, indem wir einerseits den Aufwand reduzieren und andererseits den Ertrag erhöhen.

Wird dies einen Stellenabbau zur Folge haben?
Wir werden nächste Saison weniger Saisonmitarbeiter beschäftigen können. Die Zahl der Festangestellten wird sich indes nicht stark verändern.

Der Stellenabbau allein reicht aber nicht aus. Werden neben dem Rellerli weitere Bahnen geschlossen?
Ein weiterer Rückbau von grossen Anlagen ist derzeit kein Thema. Bei den Skiliften sieht es anders aus. Doch muss ich diesen Bereich erst noch genauer anschauen.

Wie sieht die Restrukturierung also konkret aus?
Wir sind daran, eine Reihe weiterer Massnahmen in die Wege zu leiten. Es wird Anpassungen bei den Ticket-Preisen geben, wir werden die BDG mit flacher Hierarchie führen, und wir werden mehr Eigenverantwortung von den Mitarbeitenden verlangen und ihre Kreativität fördern. Und wir investieren in zwei neue Bahnprojekte.

Das wirkt wie eine verkehrte Welt. Die Zahlen im Wintersport sind rückläufig, die Schneesicherheit nimmt ab, und der starke Franken hält die ausländischen Gäste von der Schweiz fern. Und Sie investieren in neue Bahnen?
Die Bergbahnen sind der Motor für die Region Gstaad. Wenn Bergbahnen einer Destination schliessen, schmilzt der Immobilienwert im Schnitt um 30 Prozent. Das zeigen Studien.

Die Tourismusforschung zeigt aber: Mittelgrosse Wintersportdestinationen wie Gstaad müssen sich künftig auch nach Alternativen umsehen, um zu überleben. Was planen Sie?
Wir entwerfen zurzeit eine Destinationsstrategie zusammen mit Saanenlandtourismus.

Wie wird diese Strategie aussehen?
Wir möchten – Stand heute – hohe Exklusivität zu einem erschwinglichen Preis für alle bieten. Die alpine Echtheit der Gstaader Berglandschaft soll hervorgehoben werden.

Warum musste das Rellerli über die Klinge springen?
Damit eine Bergbahn erfolgreich sein kann, muss sie im Winter und im Sommer betrieben werden können. Das Rellerli ist im Winter wegen der Sonnenhanglage und wegen der fehlenden Beschneiungsanlagen kein sicherer Skiberg.

Der 31-jährige Walliser Matthias In-Albon ist Geschäftsführer der BDG.

Tieflohnbranche

Illegale Arbeitsbedingungen bei den Gstaader Bergbahnen?

Vorwürfe wurden laut, die Belegschaft habe illegale Arbeitsverträge unterschreiben müssen. Nun krebst die Gewerkschaft zurück. Die Probleme bleiben.

In Gstaad, wo Reichsein zum Ortsbild gehört und die Edel-Geländewagen zu breit sind für die Strassen, arbeiten die Angestellten der Bergbahnen bis zu 13 Stunden am Tag zu Tiefstlöhnen und mit drei Ruhetagen pro Monat. Die Zuschläge für Nachtarbeit: seit Dezember gestrichen. So sieht der neue Arbeitsvertrag aus, den die Angestellten der Gstaader Bergbahnen (BDG) Ende Jahr unterzeichnen mussten. Weil ein BDG-Arbeiter im Vorstand der Gewerkschaft SEV sitzt, wurde die Angelegenheit publik, der «Blick» berichtete.

Der SEV taxierte mehrere Punkte in dem Arbeitsvertrag als illegal. Nach einem medialen Hin und Her trafen sich BDG- und SEV-Spitze kürzlich zu einem Gespräch hinter verschlossenen Türen. BDG-Geschäftsführer Matthias In-Albon ist zufrieden mit dem Verlauf: «Die Gewerkschaft hat sich entschuldigt, dass das Thema medial so hochgepusht worden ist.» Wegen «Versäumnissen in der Vergangenheit» habe man sich Ende Jahr gezwungen gesehen, zu handeln und den Angestellten den Zusatzvertrag vorzulegen.

Die BDG sei in der Vergangenheit bereits betreffend Arbeitsgesetz abgemahnt worden, so In-Albon. «Wir mussten einfach handeln.» Für nächsten Winter stellt er Verbesserungen in Aussicht. Und betont: «Bei uns stehen die Mitarbeitenden im Zentrum.» Kürzlich habe man zum Beispiel eine eigene Mitarbeiterzeitschrift lanciert.

2?200 Franken brutto

Zum Gespräch sagt der Verantwortliche der Gewerkschaft, Peter Peyer: «Leider konnten beim Gespräch keine konkreten Anpassungen erzielt werden. Ich bezweifle, dass alle gesetzlichen Arbeitszeitenregelungen schon im grünen Bereich sind.» Man wolle der BDG aber nicht in den Rücken fallen und werde mit ihnen im Mai die Situation nochmals genau analysieren.

Prekäre Arbeitsbedingungen sind bei den Schweizer Bergbahnen indes ein latentes Problem. Peyer sagt: «Die Bergbahnen sind eine Tieflohnbranche.» Dass sich daran in Zukunft etwas ändere, sei unwahrscheinlich. Die Unternehmen seien unter Druck und versuchten, mit einem Minimum an Personal ein Maximum an Leistung herauszuholen. Die Auswirkung seien in den letzten Jahren grösser geworden, so Peyer. Der Klassiker seien die Überschreitung der Höchstarbeitszeit und die Nichteinhaltung der minimalen Ruhezeiten.

Würde man hier bei allen Bergbahnen genau hinschauen, fände sich diesbezüglich ein «sehr grosser Graubereich». Immer wieder für Diskussionen sorgen auch die tiefen Löhne. Peyer nennt ein Beispiel eines mittelgrossen Skigebiets aus dem Kanton Graubünden. Ein Mitarbeiter beim Pisten-Rettungsdienst mit einer anspruchsvollen Arbeit verdiene bei einem 100-Prozent-Pensum 2?200 Franken. «Brutto, versteht sich.»

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