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«Beim Sport verbrauchen sie die überschüssige Energie»

Der pensionierte Lehrer Roland Glauser gibt Asylbewerbern in Moosseedorf Sportstunden – und denkt dabei oft ganz grundsätzlich über Migrationsprobleme nach.

«Die Leute kommen einfach, das ist eine Tatsache.»: Roland Glauser.
«Die Leute kommen einfach, das ist eine Tatsache.»: Roland Glauser.

Ein typischer Gutmensch ist Roland Glauser nicht. Zumindest stellt man sich diese anders vor: versonnener und etwas tüdelig. Glauser hingegen strahlt eine natürliche Autorität aus, wirkt besonnen und entschlossen.

Als im Herbst in Moosseedorf ein Orientierungsabend stattfand zu den Flüchtlingen, die in die Zivilschutzanlage unter dem Gemeindehaus einziehen würden, schlug der pensionierte Gibb-Informatiklehrer einen Pflock ein.

Er wusste, was an solchen Veranstaltungen häufig passiert: «Da haut einer auf die Pauke und gibt damit den Verlauf der weiteren Diskussion vor.» Das wollte der 65-Jährige verhindern. Darum meldete er sich zu Beginn und anerbot sich, etwas für die Flüchtlinge zu tun. Andere hätten sich ähnlich geäussert. «Jene, die vielleicht poltern wollten, hielten sich deshalb zurück.»

Er habe sich überlegt, dass die vielen jungen Männer aus der Unterkunft ihre überschüssige Energie loswerden sollten, sagt Glauser, diese schlanken Männer aus den Ländern Eritrea und Äthiopien, die bekannt sind für ihre ausdauernden Langstreckenläufer.

Sport dank Flexibilität

Doch abends sind Sportstätten ausgebucht, tagsüber sind sie ebenfalls gut belegt, doch es finden sich manchmal Lücken. Auf diese hat es Glauser abgesehen, denn er ist flexibel. «Ich habe als Pensionierter Zeit, die Flüchtlinge haben auch Zeit, das passt.»

Glauser ist kein diplomierter Sportlehrer, hat aber früher Zweitliga-Fussballer trainiert. Er ist gut «zwäg» und war es als Lehrer gewohnt, sich vor junge Leute hinzustellen und ihnen etwas beizubringen. «Im Sport muss man die Sprache nicht unbedingt können», sagt er, «man zeigt vor, was man machen will, und sie ahmen es nach.» Manchmal sei einer da, der aus dem Englischen in die Landessprache übersetze, dann gehe es noch leichter.

Keine Spur von Aggressionen

Die Männer seien mit Freude dabei. «Ich erwartete, dass sie vielleicht ihre Aggressionen im Sport ausleben, doch bis jetzt spürte ich davon nichts.» Sie gingen sorgsam miteinander um, seien anständig und hülfen am Schluss, das Material wieder wegzuräumen.

Die Migros stellte einen Posten einfacher Trainingsanzüge und Turnschuhe zur Verfügung, solche mit weissen Sohlen natürlich, denn kein Schulwart mag es, wenn Sportler den Turnhallenboden mit schwarzen Striemen verunstalten.

Glauser begibt sich mit dem «Bund» in die Zivilschutzanlage, um für ein Bild zu posieren. Die Flüchtlinge begrüssen ihn freundlich und beobachten interessiert, was die Besucher mit «ihrem» Trainer anstellen.

Aus der Küche riecht es nach gehackten Zwiebeln, Hackfleisch und Fladenbrot. An der Wand läuft ein Fernseher mit einer Sendung aus Eritrea. Draussen vor der Anlage sitzt eine dunkelhäutige Frau auf einem Bürostuhl, wegen der kühlen Morgenwitterung in eine Windjacke eingehüllt, und telefoniert mit der Heimat.

Die Nabelschnur in die Heimat

Das Gerät ist für viele Flüchtlinge wie eine Nabelschnur. Wo immer sie sich befinden und wann immer sie von einer Unterkunft in die nächste umziehen müssen: Die Verbindung mit den Lieben zu Hause reisst nicht ab.

Sportstunden mit unterbeschäftigten Flüchtlingen: Das ist nicht nichts. Dennoch ist Glauser nicht rundum zufrieden. Er überlegt sich, wie es mit den Leuten weitergehen soll, von denen viele eine lebensgefährliche Reise übers Meer hinter sich haben. Allein in diesem Jahrhundert seien dabei mehr ertrunken, als das Stade de Suisse in Bern fassen kann.

«Mir ist klar, dass wir nicht ganz Afrika aufnehmen können», aus dem Kontinent, der an einer Latte von Ks leidet: Korruption, Krieg, Katastrophen, Krankheiten, Kapitalflucht. «Ich habe auch keine Lösung.» Doch es sei eine Verschwendung, wenn ein Physiker in einem Betonkeller Däumchen drehen müsse. Es sei ein frommer Wunsch zu glauben, Leute aus Syrien könnten in zwei Jahren zurückkehren. Wer das der Bevölkerung weismache, streue ihr Sand in die Augen.

Kein Naturgesetz

Europa igle sich hinter Zäunen ein, aber: «Die Leute kommen einfach, das ist eine Tatsache.» Andererseits ist Migration für ihn kein Naturgesetz, es habe mit unserer Wirtschaftsordnung zu tun, die Fehlanreize erzeuge.

So würden afrikanische Bauern ihre Produkte nicht los, weil sie teurer seien als die subventionierten Überschüsse aus Europa, die dort auf dem Markt verscherbelt würden. «Das ist doch ein Widersinn.»

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