Bauern und Grüne rüsten zur «Schlacht am Grauholz»

Der Bund rechnet für den Ausbau der A1 auf acht Spuren neu mit Kosten von 446 Millionen Franken – der Widerstand formiert sich.

Für den VCS beschleunigt ein Ausbau auf acht Spuren die Verkehrszunahme. Die Staus würden lediglich verlagert.

Für den VCS beschleunigt ein Ausbau auf acht Spuren die Verkehrszunahme. Die Staus würden lediglich verlagert. Bild: Adrian Moser

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Etwa 107'000 Fahrzeuge drängen pro Tag über den Autobahnabschnitt zwischen Bern-Wankdorf und Schönbühl. Regelmässig kommt es zu Staus. Zu den Spitzenverkehrszeiten am Morgen und am Abend ist die Strasse überlastet. Dann weicht der Verkehr aus, und es rollen mehr Autos und Lastwagen durch Zollikofen und Ittigen. Der Verkehr wird nach den Prognosen in den nächsten Jahren weiter stark zunehmen. Darum plant das Bundesamt für Strassen Astra auf der 5,7 Kilometer langen Strecke einen Ausbau der A 1 auf acht Spuren. Gleichzeitig soll das kurze A-6-Teilstück zwischen der Verzweigung und dem Anschluss Schönbühl auf sechs Spuren verbreitert werden.

Sechs Spuren reichen nicht mehr

Nach dem Ausbau wird die Grauholz-Autobahn in rund 30 Jahren wohl täglich von 168'000 Fahrzeugen befahren. Ohne einen Ausbau wären es 130'000, wie aus dem neuen Umweltverträglichkeitsbericht hervorgeht. Entsprechend wären aber die Kantons- und Gemeindestrassen stärker belastet. Die Kosten für das Projekt sind mit 446 Millionen Franken nun deutlich höher als zuletzt kommuniziert. Rund ein Viertel der Kosten müsse aber ohnehin für Unterhalt und Sanierung des Abschnitts aufgewendet werden, sagt Astra-Sprecher Mark Siegenthaler. Der Ausbau für sich genommen kommt also voraussichtlich auf 330 Millionen Franken zu stehen. Das Projekt bedingt auch einen Neubau der Brücken und Unterführungen. Die Wildtierbrücke kann jedoch voraussichtlich bestehen bleiben, wie Siegen- thaler erklärt. «Dort werden wir auf einen Pannenstreifen verzichten.» Die Autobahn zwischen Wankdorf und Grauholz wurde in den 1990er-Jahren bereits auf sechs Spuren verbreitert. Die neuen Spuren konnten 1995 dem Verkehr übergeben werden. Die Staus hat der Ausbau allerdings nicht verhindert.

Auf Seite der Umweltschützer formiert sich Widerstand. «Ein Ausbau beschleunigt die Verkehrszunahme und forciert weitere Projekte», sagt Jan Remund, Präsident des VCS Sektion Bern und Co-Präsident der Grünen. Die Staus würden nur verlagert. Es sei grundsätzlich eine falsche Vorstellung, dass man mit Ausbauprojekten Staus verhindern könne. In den letzten Jahren habe sich die Haltung bezüglich Strassenbau geändert, sagt Remund: «Es wird wieder betoniert, das ist vor dem Hintergrund des Klimawandels unverständlich.»

Bauern gegen Landverschleiss

Durch den Ausbau gehen voraussichtlich 25'000 Quadratmeter an Fruchtfolgeflächen und 14'700 Quadratmeter Wald verloren. Vor allem der «Kulturlandverschleiss» erregt beim Berner Bauernverband Unmut. Dessen Präsident, der SVP-Grossrat Hans Jörg Rüegsegger, sagt: «Bei Infrastrukturvorhaben sollte man in die Höhe oder in die Tiefe bauen, aber nicht in die Breite.» Rüegsegger würde deshalb eine Lösung mit einem Tunnel vorziehen, auch wenn diese deutlich teurer wäre. Der Bauernverband kann sich ein Zusammengehen «mit gleichdenkenden Organisationen» wie etwa mit Grünen oder Umweltverbänden vorstellen, um die Kräfte zu bündeln.

Ittigen, als eine der betroffenen Gemeinden, steht dem Ausbau dagegen grundsätzlich positiv gegenüber, wie Gemeindepräsident Marco Rupp (Bürgervereinigung Ittigen) erklärt. «Es ist besser, wenn der Verkehr auf der Autobahn ist als auf dem regionalen Strassennetz.» Darum sei es richtig, die Engpässe auf den Autobahnen zu beheben. Ein sehr wichtiger Punkt sei aber der Lärmschutz für die Quartiere Fischrain, Altikofen und Kappelisacker. Zudem solle die Unterquerung der Autobahn verbreitert werden, sodass auf der Länggassstrasse ein Velostreifen möglich ist, so Rupp. Durch den Mehrverkehr entsteht grundsätzlich auch mehr Lärm. Das Astra will deshalb einen lärmarmen Belag einbauen und rund 2,8 Kilometer neue Lärmschutzwände erstellen. In Zollikofen rechnet Gemeindepräsident Daniel Bichsel (SVP) mit einer gewissen Entlastung der Durchgangsachse Bernstrasse: «Falls die Kapazität auf der Autobahn genügend gross ist, gibt es weniger Überlauf auf die Bernstrasse.» Der Gemeinderat werde aber erst später über das Projekt diskutieren und habe sich noch nicht für oder gegen den Ausbau ausgesprochen. Der Ostermundiger Gemeindepräsidenten Thomas Iten (parteilos) hält zusätzliche Kapazitäten für den motorisierten Verkehr für notwendig. «Das Verkehrswachstum lässt sich wahrscheinlich nicht nur mit neuen Technologien und intelligenter Mobilität auffangen.» Der Gemeinderat habe sich aber noch nicht mit dem Projekt befasst.

Gegen vier Milliarden Franken

Der Zeitplan sieht eine Realisierung ab 2027 vor. In Betrieb genommen würden die neuen Spuren 2033. Bevor mit dem Bau begonnen wird, soll der Anschluss Wankdorf im Bereich Schermenweg–Bolligenstrasse umgestaltet werden. «Dieser neue Anschluss ist für Ostermundigen wichtiger», sagt Iten. Die Kosten für den Knoten werden auf etwa 250 Millionen Franken geschätzt. Erst danach kann sich der Bund an die Beseitigung der Engpässe machen. Nach dem Ausbau auf acht Spuren beim Grauholz soll die Verbreiterung auf sechs Spuren zwischen Schönbühl und Kirchberg erfolgen – Kostenpunkt 450 Millionen Franken. Dem «Flaschenhals» auf der A 6 im Osten will man mit einem Bypass zwischen Muri und Schosshalde beikommen. Dieses Projekt allein wird vom Astra auf 2,7 Milliarden Franken veranschlagt. (Der Bund)

Erstellt: 21.08.2017, 08:21 Uhr

Halbanschluss: Die Knacknuss ist wieder auf dem Tisch

Ein zusätzlicher Anschluss im Grauholz könnte Zollikofen und Ittigen vom Durchgangsverkehr entlasten.

Schon seit Jahrzehnten ein Thema ist ein Autobahnhalbanschluss auf der Höhe der heutigen Verbindungsstrasse zwischen den Gemeinden Ittigen und Zollikofen. Der Halbanschluss würde eine Auffahrt auf die Autobahn in Richtung Bern ermöglichen und eine Ausfahrt aus der Richtung Bern. Der Halbanschluss sei aber nicht Bestandteil des Ausbauprojekts der A 1, heisst es beim Astra, sondern werde im Rahmen eines separaten Projekts geprüft. Ein zusätzlicher Anschluss sei aber immer auch eine Störquelle und Stauursache, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Darum sollten die Auffahrten nicht zu dicht aufeinanderfolgen. In unmittelbarer Nähe des möglichen Halbanschlusses befindet sich die Raststätte Grauholz.

Zustimmung in Ittigen

«Die Entlastung wäre für uns sehr bedeutend», sagt der Ittiger Gemeindepräsident Marco Rupp. «Darum halten wir an diesem Ziel fest.» Für Daniel Bichsel, Gemeindepräsident von Zollikofen, ist es wichtig, dass der Halbanschluss als «Planungsoption» erhalten bleibt. «Das Ausbauprojekt auf acht Spuren soll kein Präjudiz dafür oder dagegen schaffen.» Ein Halbanschluss wirft aber auch die Frage auf, inwiefern die Zufahrtsstrassen ausgebaut werden müssten. Bereits in den 1990er-Jahren wurde in Zollikofen kontrovers über eine Entlastungsstrasse im Gebiet Meielen diskutiert. Da der Bund damals Nein zu einem Autobahnanschluss sagte, wurden die Pläne schubladisiert. (wal)

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