Aufmüpfige Seniorin mit Sinn fürs Gemeinwohl

Die 91-Jährige Simone Schenk hielt in Wohlen die Behörden jahrzehntelang auf Trab. Nun wurde sie für ihr Engagement ausgezeichnet.

Die pensionierte Architektin Simone Schenk in ihrer Wohnung.

Die pensionierte Architektin Simone Schenk in ihrer Wohnung. Bild: Franziska Rothenbühler

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Im Haus von Simone Schenk gibt es viel zu entdecken. Zum Beispiel ein brennendes Bundeshaus. Das Ölgemälde hat die 91-jährige passionierte Vogelschützerin selbst gemalt. Es steht für die Kämpfe vergangener Jahrzehnte, die an der neunfachen Grossmutter und zweifachen Urgrossmutter nicht spurlos vorübergegangen sind. Schenk war früher Architektin. «Gegen jedes meiner Bauprojekte gab es Widerstand», sagt die wache Seniorin. So auch bei zwei Häusern, die sie Anfang der 1980er-Jahre für ihre Kinder bauen liess. Die örtliche Baukommission störte sich an der Fassadenmalerei zu Voten von Jeanne Hersch, der ersten Schweizer Philosophieprofessorin in Genf und verhängte mit dem Hinweis auf die Ästhetikklausel einen sofortigen Baustopp. Schenk wehrte sich, die Medien berichteten und unter dem Druck der Öffentlichkeit musste die Gemeinde schliesslich den Baustopp rückgängig machen. Diese Kämpfe verarbeitete die ehemalige Absolventin der Zürcher Hochschule für Gestaltung auf Bildern mit eindeutigen Sujets. An den Wänden ihres selbst entworfenen Hauses an der Hinterkappeler Hofenstrasse hängen Bilder von Fischen mit den Gesichtern von Baukommissionsmitgliedern und Zwergen, die einen Schatten auf ein Dorf verwerfen, oder anonymen Männern mit Zylindern. Zum brennenden Bundeshaus, das sie für eine Ausstellung zum Thema Feuer gemalt hat, sagt sie: «Eigentlich sollte auf dem Bild das Gebäude der Wohlener Gemeindeverwaltung zu sehen sein, aber das ist baulich nicht so interessant wie das Bundeshaus.»

Das vorläufig letzte Kapitel des Kampfes war ein Streit um einen Wärmetauscher auf ihrem Hausdach. Dieser passe nicht ins Ortsbild, befand die Behörde, es sei ein Verstoss gegen baupolizeiliche Vorschriften. Doch Schenk blieb auch diesmal unbeugsam, nahm sich einen Anwalt und bekam vom Obergericht recht. Inzwischen ist es ruhiger geworden in ihrem Leben. Und derzeit ist die widerständige Frau ohnehin bester Laune: Am Mittwoch hat ihr die Kulturkommission den Wohlener Hecht verliehen (siehe Text rechts). Der Preis freut Schenk sehr: «An der Verleihung haben mir alle Parteien applaudiert», berichtet sie stolz. Für Schenk ist das keine Selbstverständlichkeit, denn sie hat andere Zeiten erlebt. Früher war Schenk mit ihrem Mann, einem Anatomieprofessor, Mitglied der Wohlener FDP.

Als sie Anfang der 1980er-Jahre eine eigene Frauengruppe gründete, wollten sie einige Mitglieder aus der Ortspartei ausschliessen. Die aktive Frau mit dem Zürcher Dialekt überforderte offenbar viele alteingesessene Männer. «Es gab Leute, die haben allen Ernstes behauptet, ich nähme einem Familienvater die Arbeit weg.» Als Frau eines Professors habe sie es doch nicht nötig, berufstätig zu sein. Mit der FDP-Frauengruppe organisierte sie gut besuchte Veranstaltungen, etwa zum neuen Eherecht von 1988. Zudem nahm sie es mit dem «Wohlener Baufilz» auf. «Als der damalige SP-Gemeinderat ein 178 Jahre altes Wirtshaus ohne Bewilligung abreissen liess, zeigte ich ihn an», erinnert sich Schenk mit einem Schmunzeln.

Aufgewachsen ist Schenk mit zwei Schwestern in Zürich. Dort ging sie aufs Gymnasium. Während des Zweiten Weltkriegs sei sie auf dem Schulweg oft einer eleganten Deutschen und deren Schäferhund begegnet. Das Mädchen war beeindruckt von der Frau mit der Perlenkette. Eines Morgens fand sie in einem Gebüsch Hundeleine und Halsband. Da sie wusste, wo die deutsche Sprachlehrerin wohnte, wollte sie ihr die vergessenen Utensilien persönlich vorbeibringen. Ein Dienstmädchen bat sie herein und öffnete die Türe zum Esssaal, wo sich der jungen Simone Schenk ein unglaubliches Bild bot: Trinkende und rauchende Männer in braunen Hemden und Hakenkreuzbinden feierten ein Gelage. Dann sei die elegante Deutsche mit hochrotem Kopf aufgestanden und habe ihr die Tür vor der Nase zugeknallt. Später sorgte Schenks Vater dann dafür, dass die Nazis des Landes verwiesen wurden, aber: «Ich musste ihm versprechen, mit niemandem darüber zu sprechen.» Ihren Kampfgeist habe sie von ihrem Grossvater geerbt, sagt Schenk. Dieser kämpfte als liberaler Nationalrat in Uri gegen das katholisch-konservative Establishment des Urkantons. «Auch so eine Clique», sagt Schenk und lacht schelmisch. (Der Bund)

Erstellt: 11.12.2017, 06:43 Uhr

«Wohlener Hecht»

Mit über 90 Jahren noch im Einsatz

Die Gemeinde Wohlen bei Bern vergibt den Wohlener Hecht jedes Jahr an Personen, die sich besonders für das Gemeinwohl einsetzen. Dieses Jahr ehrte sie Simone Schenk und Regula Baumgartner. Mit ihrem Verein «Heit sorg zum Wohlensee» und mit viel persönlichem Einsatz habe sich Schenk jahrelang für den Schutz der Wasservögel eingesetzt und wesentlich dazu beigetragen, dass die Inselrainbucht zum Vogelschutzgebiet von nationaler Bedeutung erklärt wurde. Zuletzt war Schenk entscheidend daran beteiligt, dass das neue Polizei-Bootshaus nicht beim Stegmattsteg in Hinterkappelen gebaut und die freibleibende Wiese mit Wildblumen aufgewertet wurde. Schenk teilt sich den Preis mit Regula Baumgartner. Diese erhält den Wohlener Hecht für ihr grosses Engagement für die denkmalgeschützte Hofenmühle.

Den traditionsreichen Anerkennungspreis für besondere Verdienste gibt es seit 1991. Bis 2005 hiess die Auszeichnung für Wohlens stille Helferinnen und Helfer «Wohlener Oscar». Hollywood akzeptierte den fernen Namensvetter nicht und bestand erfolgreich auf einer Umbenennung. (ama)

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