«Aufgetischt»: Priyatnogo Appetita

Unser Testesser wollte die russische Küche ausprobieren. In der Schweiz ist das nicht ganz so einfach. So griff er zu ungewohnten Massnahmen.

Bild: zvg

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Nachdem Bern wochenlang im gelb-schwarzen Freudentaumel versunken ist, scheint die Lust auf Fussball in der Bundesstadt vorerst etwas gestillt zu sein. Die grosse Entzückung vor dem anstehenden Fussballfest in Russland ist bisher zumindest noch nicht spürbar. Höchste Zeit, dachte sich der Testesser, etwas Vorfreude auf die Fussball-WM zu verbreiten. Und was macht mehr Freude als gutes Essen?

Auf ins nächste russische Restaurant also. Doch was nach einem banalen Plan klingt, erweist sich als Herausforderung. Die Google-Suche nach «Russisches Restaurant Bern» ergibt keine brauchbaren Treffer. «Russisches Restaurant Schweiz»? Ebenfalls Fehlanzeige. Hmmm. Wenn jemand ein russisches Restaurant kennt, dann ja wohl die russische Botschaft in Bern. Doch die Antwort von Pressesprecher Stanislaw Smirnow ist ernüchternd: In der ganzen Schweiz gebe es seines Wissens kein russisches Restaurant. Vielleicht kennt wenigstens das Berner Reisebüro, das für russische Touristen Schweiz-Reisen organisiert, ein Lokal, das bei Russen beliebt ist, weil es sie entfernt an die Heimat erinnert. Auch nicht. Russische Touristen ässen am liebsten in typisch schweizerischen Restaurants, heisst es bei Open Up Travel.

So leicht gibt ein Testesser aber nicht auf. Immerhin gibt ihm die russische Reiseagentin einen Tipp: In Muri gebe es einen Laden für osteuropäische und russische Spezialitäten. Dann tischt sich der Testesser sein Essen halt ausnahmsweise selber auf. Nächster Halt: Muri. Etwas versteckt im kleinen Einkaufszentrum gleich beim Ortseingang wird der Testesser fündig. Zwei Russen plaudern intensiv und schenken dem Besucher vorerst keine Aufmerksamkeit. Eine erste Runde durch den Laden offenbart: Der Testesser ist mit seinen bescheidenen Kyrillisch-Kenntnissen vom Sortiment heillos überfordert.

Glücklicherweise zeigen sich die beiden Russen sehr hilfsbereit. Was sie denn als Vorspeise empfehlen könnten, will der Tester wissen. «Wurst», sagt der Inhaber und drückt dem Kunden eine Krakauer Schinkenwurst in die Finger. Krakau? Das liegt doch in Polen . . . Stimmt, gibt der Russe zu. Aber die Wurst werde auch in Russland gern und viel gegessen. Dazu gibts das Schwarzbrot Borodino.

Vor allem das Brot überzeugt. Es fühlt sich beim Schneiden zwar kompakt an, ist im Mund aber überraschend luftig. Das Roggenmalz verleiht ihm etwas Süssliches, was entfernt an Lebkuchen erinnert. Das Besondere am Borodinoer Brot ist, so lernt der Testesser, dass es mit Koriandersamen gewürzt wird. Sie sorgen für eine zitronige Note. Fast unter geht daneben die eher unspektakuläre Schinkenwurst. Sie schmeckt – wen überraschts – nach geräuchertem Schinken.

Und die Empfehlung zum Hauptgang? «Pelmeni», sind sich die Männer einig. «Die sind wie Ravioli – aber besser», erklärt jener, der auf dem Sofa fläzt. In der Tiefkühltruhe gibt es eine Auswahl der kleinen Teigtaschen. Die besten seien die mit Fleischfüllung, meint der Inhaber. Man könne sie mit Crème fraîche oder sonst einer Sauce servieren. Oder mit ganz viel Butter, sagt der andere und strahlt.

Die Füllung der sibirischen Spezialität ist simpel: Fleisch, Zwiebeln und Gewürze. Und genau so schmeckt sie. Herrlich währschaft, was einen fast vergessen lässt, dass der dünne Teig leider alles andere als bissfest ist. Dazu trinken die Tester einen Cabernet Sauvignon aus der Domaine Burnier. Der Wein des Freiburger Winzerehepaars Renaud und Marina Burnier, das seit 2003 in Russland tätig ist, überrascht. Von einem Wein aus dem Kaukasus hätten wir erwartet, dass er wuchtig und urtümlich daherkommt. Stattdessen baut das Paar sein Produkt sehr elegant aus.

Alles in allem können die Pelmeni locker mit Fertig-Tortellini mithalten. Wahrscheinlich würden sie mit Crème fraîche statt Butter weniger üppig, dafür etwas leichter und noch besser schmecken. Wir werdens demnächst ausprobieren.

Fehlt nur noch das Dessert. Süssigkeiten gibts im Russenladen zuhauf. Zielsicher geht der Inhaber zum Regal und greift nach einer Packung. Sie zeigt weiss gefüllte Schokotaler, die an Mohrenköpfe erinnern. Schmecken sie auch so? «Ja», meint der Russe, überlegt kurz und korrigiert: «Aber eigentlich überhaupt nicht.» Beim Verkosten verstehen wir seine Antwort. Die Zefir genannten Schokoküsse erinnern zwar an Schweizer Mohrenköpfe. Sie haben aber keinen Keksboden und die Füllung ist kompakter, beinahe wie ein Marshmallow. In unserem Russland-Menü in drei Gängen erntet das Dessert am wenigsten Applaus.

Unser Fazit: Wer vor Ort ein WM-Spiel besucht, sollte sich nicht mit den Stadionklassikern Bratwurst und Bier zufrieden geben. Die russische Küche bietet mehr. Guten Appetit, oder eben: Priyatnogo Appetita. (Der Bund)

Erstellt: 09.06.2018, 08:07 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Süsse und salzige Snacks, Würste, Biskuits, Brote, Getränke, Wodka, Gewürze und Tiefkühlgerichte.

Preise: Die meisten Produkte sind nicht billig, aber trotz Import preiswert. Nicht ganz günstig ist der russische Wein, der rund 20 Franken pro Flasche kostet.

Kundschaft: Der Laden, der früher in der Nähe des Burgenziel-Kreisels in Bern zu Hause war, dient der osteuropäischen Diaspora offenbar auch als Treffpunkt. Bei unseren Besuchen wurde jedenfalls mehr geplaudert als verkauft.

Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 10 bis 19 Uhr, Freitag 10 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag geschlossen.

Adresse: Osteuropäische Spezialitäten, Thunstrasse 68, 3074 Muri bei Bern,
Tel. 031 954 26 85, facebook.com/EasternEuropeanDelicaciesInBern

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