«Aufgetischt»: Neues Kleinod im Wohnquartier

Unser Testesser besuchte das Restaurant d’Schmitte in Ostermundigen und stellt dabei eine Gault-Millau-Punkte-Prognose auf.

Das Restaurant d'Schmitte in Ostermundigen wird wohl noch von sich reden machen.

Das Restaurant d'Schmitte in Ostermundigen wird wohl noch von sich reden machen.

(Bild: zvg)

Adrian Sulc@adriansulc

Mitten in der unspektakulären Wohnhauslandschaft Ostermundigens entfaltet ein altes Haus seinen Charme. Es wurde 1862 erbaut und diente als Pferdeschmiede, Töpferei, Blumenhandlung und Atelier. Seit vergangenem November befindet sich dort ein Restaurant. D’Schmitte heisst das Lokal – und es sieht auch noch ganz danach aus. Die Decke ist pechschwarz und immer noch dominiert die riesige Feuerstelle den Gästeraum, darüber hängen noch diverse Zangen – so als hätte der Schmied erst gerade Feierabend ­gemacht. Nur der schmucke Sekretär, in welchem die Grappa- und Obstbrandflaschen präsentiert werden, ist früher wohl nicht hier gestanden.

Der Raum beherbergt höchstens 24 Personen, deshalb ist selbst unter der Woche eine Reservation empfohlen, wie es am Telefon hiess. Tatsächlich ist das Lokal an diesem Dienstagabend voll besetzt. Die Menükarte besteht aus drei A4-Seiten auf einem Klemmbrett aus Stahl, das fast so schwer ist wie der Amboss des Schmieds. Das Tagesangebot hat dabei auf einer Seite Platz, auf Seite 2 werden minutiös alle Lieferanten deklariert und auf Seite 3 legen die Wirte Irina und Jürg Schori ihre Philosophie dar. Diese ganz zu studieren, liegt zeitlich nicht drin. Doch es ist klar: Schoris setzen auf Kräuter, Markt­frische, Lokales und Bio.

Dies bestätigt sich beim Amuse-Bouche: Es ist ein kleines Fleischplättli mit Kresse. Speck, Salami und Mostbröckli stammen von einem Hof im Luzerner Seetal, wo fürs Röten des Fleischs statt Nitritpökelsalz Randenpulver verwendet wurde. Dazu gibts ein ungefiltertes Schmitte-Bier aus der – nicht verwandten, aber ebenfalls in einer alten Schmiede untergebrachten – Brauwerkstatt Jegenstorf.

Gutes Händchen für Weine

Das Konzept setzt sich bei der ersten Vorspeise nahtlos fort: Koch Jürg Schori serviert «Die Schweizer Antwort auf Vitello Tonnato» (Fr. 16.–), wobei das Kalbfleisch durch dünn geschnittenes Schweinefleisch ersetzt wurde und die Thonsauce durch eine Forellensauce. Die Kreation könnte nach bemühter Originalität riechen, doch sie schmeckt äusserst überzeugend.

Auch die zweite Vorspeise überzeugt optisch wie geschmacklich: Von der Petersilienwurzelsuppe (Fr. 10.–) ist zunächst nichts zu sehen, befindet sich im aufgetischten Teller doch nur ein Berg aus rosarotem Schlagrahm mit einigen frittierten Gemüsescheiben. Doch dann giesst der Koch effektvoll die Suppe in den Teller, was den mit Randen gefärbten Schlagrahm-Berg zur Insel macht. Die Tupfer des Portulak-Pistazien-Pestos komplettieren das Geschmackserlebnis.

Wie leider so oft, schlägt der Hauptgang wieder eine konventionellere Geschmacksrichtung ein. Doch zu mäkeln gibts auch beim geschmorten Rindsbraten mit Rotweinsauce, Polenta und Wintergemüse (Fr. 32.–) nichts. Der Vegi-­Hauptgang (Ziger mit Kräuterkruste, Spinatnudeln und Gemüse, Fr. 29.–) hätte jedoch etwas würziger ausfallen dürfen. Ein gutes Händchen haben die Wirte bei der Auswahl ihres Hausweins bewiesen: Der aus Pinot Noir, Merlot, Syrah und Cornalin gekelterte rote Walliser von Niklaus Wittwer ist seine 6.50 Franken pro Deziliter allemal wert.

Der rassige Espresso (Fr. 4.50) kommt spät, aber er kommt – und rundet die beiden «süssen Überraschungen» ab, welche sich in Form von Glace und Creme auf dem Dessertteller (Fr. 12.–) befanden. Unsere Prognose: Eher früher als später wird hier mit 13 Gault-Millau-Punkten gekocht werden.

Der Bund

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