Auch ohne «Jufle» ist es im Wald noch gefährlich genug

Der 19-jährige Langnauer Forstwart Laurent Grayv liebt den Wald, weiss aber auch, dass die Waldwirtschaft mit Problemen zu kämpfen hat.

Buche kurz vor dem Fall: Forstwart Laurent Gravy.

Buche kurz vor dem Fall: Forstwart Laurent Gravy. Bild: Valérie Chételat

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Laurent Gravy ist ein Mann der Tat, darum wird die Lage der Forstwirtschaft erst später im Werkhof analysiert. Als Erstes aber fährt der 19-jährige frisch gebackene Forstwart mit dem «Bund» im Landrover über holprige Waldsträsschen an einen bestimmten Punkt. Dort hat der Förster, Gravys Vorgesetzter, eine Buche «angezeichnet» – zum Fällen freigegeben. Gravy lässt die Motorsäge aufheulen und sägt drei benachbarte kleine Tännchen um, um Platz zum Arbeiten zu bekommen. Der Laie guckt zu und denkt, dass die Tännchen noch passable Christbäume abgegeben hätten. Dann sägt Gravy am Buchenstamm eine Fallkerbe heraus.

Städter haben keinen Respekt vor Warnzeichen

Die Auf-und-ab-Bewegungen mit den Armen, die er nun vollführt, sind kein esoterisches Ritual, wie das vielleicht Leute vermuten, die bei jeder Fäll­aktion einen Trauergesang anstimmen: «Mein Freund, der Baum, ist tot.» Mit der Bewegung schätzt Gravy ab, wohin die Buche fallen wird. Das ist wichtig, denn sonst ist nicht der Baum tot, sondern der Forstarbeiter oder ein Spaziergänger. Vorgängig hat Gravy das Fahrzeug bei der Verzweigung parkiert und das Warnplakat «Holzschlag» aufgespannt – und vor dem finalen Schnitt «Achtung!» durch den Wald gebrüllt. Leider foutierten sich viele um diese Warnungen, sagt Gravy. Wie er von Kollegen höre, sei es in Stadtnähe besonders schlimm. Dort würden die Leute ungeniert in die markierte Gefahrenzone eindringen, weil ihr Hundespaziergang halt täglich dort durchführe. «Wenn öppis passiert, bisch immer dr Löl.»

Auch der Forstwart selbst ist nicht vor Unfällen gefeit. Die Suva-Statistiken sprechen eine klare Sprache. Selbst wenn man einen Baumstamm vor dem Fällen untersucht, kann er innen «mischtfuul» sein, er fällt anders als geschätzt, Äste «spicken» weg. Wird mit schweren Traktoren und Metall­seilen gearbeitet, können letztere in hochgespanntem Zustand reissen. Oft befindet sich der Arbeitsplatz zudem in abschüssigem Gelände. «Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, man kann das Risiko einzig durch Sorgfalt minimieren.» Sorglose Routine sei ebenso gefährlich wie «jufle», doch Druck gebe es auch im Wald: Die Büez müsse rechtzeitig fertig sein.

«Wenn einem Spaziergänger etwas passiert, bist du immer der Löl.»Laurent Gravy, Forstwart

Gravy sägt den Strähl ab, die kammartigen Überreste an der Abrissstelle. Es müsse sauber aussehen, das gehöre sich. Die Buche wird später abtransportiert. Viel Geld wird man für sie nicht lösen, die Holzpreise sind unter Druck (siehe Kasten). Vielleicht endet sie in pulverisierter Form in einer Spanplatte. «Schöner wäre sie nicht mehr geworden», sagt Gravy, sie hätte höchstens noch mehr Äste entwickelt. Umgekehrt nehme sie jungen Nadelbäumen Platz und Licht weg, die auf dem Markt stärker gefragt seien. «Wir arbeiten nicht gegen die Natur, sondern mit der Natur und für die Natur», sagt Gravy.

Bei den Waldstrassen wird gespart

Mit dem 4x4-Dieselfahrzeug gehts über holprige Wege zurück. Das Mobiltelefon, das nur «häb chläb» Empfang hat, zeigt als Standort einmal Bowil an, dann Zäziwil und Oberhünigen. Als der Kanton noch Geld gehabt habe, seien viele komfortable Waldstrassen gebaut worden, sagt Gravy. Seit Sparen angesagt sei, würden diese immer holperiger. Das habe Vor- und Nachteile: Die robusten Forstfahrzeuge kämen mit den Rumpelpisten zurecht, und wären die Strässchen picobello, würden viele Leute trotz Fahrverbot mit ihren edlen Autos durch den Wald fahren. Der Wald, sagt der junge Forstwart, werde von allen genutzt: Spaziergänger, Hündeler, Reiter, Jogger, Biker, und das alles ohne Eintritt. Es müsste einen Waldfünfliber geben, eine Art Kopfsteuer, die den Nutzen abgälte, die der Wald erzeugt, sei es als Naherholungsgebiet, als Sauerstoffproduzent, Trinkwasserspeicher oder Erosionsschutz.

Er habe sich schon als Bub gewünscht, draussen arbeiten zu können, etwa als Bauer. Doch wenn man keinen Hof übernehmen könne, sei das illusorisch. Nun arbeite er im Wald. Das sei schön, aber «äs bruucht eim», ältere Forstwarte seien oft «verwärcht» und hätten gesundheitliche Probleme. Obwohl «kein Schultyp», habe er darum neben der Lehre die Berufsmaturitätsschule absolviert. So könne er sich später zum Förster weiterbilden. Dieser sei auch im Wald, erledige aber Büroarbeit und Organisatorisches. «Man geht kaputt, wenn man ein Leben lang holzt.»

(Der Bund)

Erstellt: 10.08.2015, 14:13 Uhr

Forstwirtschaft: Hohe Kosten, tiefer Erlös

99 Forstreviere gibt es im Kanton Bern. 44 davon sind Staatsreviere, deren Förster vom Amt für Wald angestellt sind. 55 arbeiten für Gemeinden oder Organisationen, denen der Wald gehört. Forstwarte arbeiten im Wald nach Anweisung. Derzeit sind die Holzpreise tief, was die Erlöse drückt. Demgegenüber sind die Kosten hoch, weshalb viel Holz importiert wird. Der Wald hat für Klima, Tierwelt, Wasserhaushalt und als Erholungsgebiet eine grosse Bedeutung.

Deshalb hat der Kanton 2013 mit den Berner Waldbesitzern eine Entwicklungsstrategie erarbeitet, die aufzeigt, wie Eigentümer die teure Waldpflege trotz oft zerstückelter Eigentumsverhältnisse rationeller leisten können. Komplexe Waldzusammenlegungen, wie sie früher favorisiert wurden, stehen nicht mehr im Vordergrund. Ähnlich wie in der Landwirtschaft findet auch im Wald eine Mechanisierung statt. Spezialfirmen verfügen über teure Maschinen, die erst ab einer gewissen Auslastung rentabel sind. Der junge Forstwart Laurent Gravy, der kürzlich die Lehre beim Kanton abgeschlossen hat, tritt heute eine Stelle bei einem privaten Forstunternehmen in Zäziwil an.

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