Wenn günstige Mieten zum Problem werden

Während man in der Stadt Bern verzweifelt versucht, neue Sozialwohnungen zu schaffen, wünscht man sich in Ostermundigen höhere Mieten.

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Vergilbte Storen, Plastikstühle in verschiedenen Weiss- bis Brauntönen und graue Fassaden, so weit das Auge reicht. An der Unterdorfstrasse in Ostermundigen wohnt es sich ein bisschen schäbig. Die Wohnblöcke aus den 1970er-Jahren sind renovationsbedürftig. Dafür kostet die 3,5-Zimmer-Wohnung klar weniger als 1500 Franken pro Monat. Was in Ostermundigen die Regel ist: Nur jede zehnte 3,5-Zimmer-Wohnung ist teurer als 1500 Franken pro Monat.

Dies zeigen Daten der Immobilienfirma Wüest Partner, die der «Bund» visualisiert hat. Während zweier Jahre wurde ein grosser Teil aller Inserate für Mietwohnungen erfasst: an die 150 000 Ausschreibungen für Mietwohnungen. Daraus lassen sich Aussagen ableiten, wo man auf dem freien Mietmarkt für welches Budget eine Wohnung findet.

Wo können Sie sich im Kanton und in der Region Bern noch Wohnungen leisten? Hier geht es zur interaktiven Karte.

Thomas Iten, Gemeindepräsident von Ostermundigen, mag sich ab den tiefen Mietpreisen in seiner Gemeinde nicht so richtig freuen: «Die vielen günstigen Wohnungen sind für uns eine grosse Herausforderung.» Der Grund: Gerade wegen der tiefen Mietpreise wohnen viele Sozialhilfebezüger in Ostermundigen. Über 8 Prozent sind es hier. Zum Vergleich: 4,9 Prozent sind es in der Stadt Bern, 4,6 Prozent im Kanton Bern. Zudem zögen die tiefen Mieten auch viele Wohngemeinschaften an. «Ich habe nichts gegen Studenten, aber sie sind in der Regel nicht bei uns steuerpflichtig», sagt Iten. Entsprechend tief ist die Kaufkraft pro Haushalt: 60 000 Franken betrug sie im Jahr in Ostermundigen. 80 000 Franken im Durchschnitt in der Region Bern.

Wird Ostermundigen zum Ghetto?

Doch wo ist das Problem? Als Mieter oder Mieterin ist eine günstige Wohnung doch super. «Wenn sich der Trend fortsetzt, dann droht in gewissen Quartieren die soziale Durchmischung zu kippen», sagt Iten. Dies könnte dann so weit gehen, dass man sich als nicht Zugehöriger der entsprechenden Gruppe im Quartier nicht mehr wohlfühlt.

Nur 5 Busminuten in Richtung Innenstadt, im Berner Stadtteil Kirchenfeld-Schosshalde, dauert die Wohnungssuche für preissensible Mieter um einiges länger. Weniger als die Hälfte der angebotenen 3-Zimmer-Wohnungen ist für 1500 Franken pro Monat zu haben.

Die Unterschiede sind nicht nur zwischen Ostermundigen und dem Berner Schosshaldequartier frappant. Die Auswertung von Wüest Partner zeigt für den ganzen Berner Agglogürtel moderate Mietpreise. Zwar nicht ganz so günstig wie Bümpliz und Ostermundigen, jedoch klar tiefer als in den städtischen Quartieren. So sind in Zollikofen, Ittigen, Bolligen, Köniz und Muri 3- bis 3,5-Zimmer-Wohnungen im Durchschnitt günstiger als 1500 Franken. Eine Ausnahme bestätigt auch in diesem Fall die Regel: In Kirchlindach sind die Mieten ähnlich teuer wie in der Stadt Bern.

FDPler sieht keine Wohnungsnot

Die moderaten Mietpreise und die vielen verfügbaren Wohnungen in der Berner Agglomeration zeigen für Adrian Haas, Präsident Hauseigentümerverband Bern und Umgebung und FDP-Grossrat, dass man im Grossraum Bern nicht von einer Wohnungsnot sprechen könne. Natürlich gebe es eine zu grosse Nachfrage nach zentralen Wohnungen in der Stadt Bern. «Alle wollen die sonnige, ruhige Wohnung direkt am Bahnhof», sagt Haas. Doch jeder und jede finde eine gute Wohnung, die Frage sei halt wo. «Wir Städter sind extrem bequem, was die als zumutbar geltende Pendeldistanz angeht», sagt Haas. Eine viertelstündige Tram- oder Busfahrt sei aber eigentlich kein Riesending. Er wünscht sich weniger Alarmismus und mehr Vertrauen in den Markt. Zudem weist er darauf hin, dass in Bern sehr viele Wohnungen unter der Hand vergeben und deswegen gar nie ausgeschrieben würden.

Mieterverband fürchtet Einöde

Sollen vor allem die finanziellen Möglichkeiten bestimmen, wer wo wohnt? Nein, findet hingegen Sabina Meier, Geschäftsleiterin des bernischen Mieterverbandes. Das Einkommen dürfe die Wohnungssuche nicht zu stark einschränken, sagt sie. Laut Meier ist es wichtig, dass es in einem Quartier für alle Gesellschaftsschichten Platz hat. Sie plädiert für eine möglichst gute Durchmischung. «Gerade weil in einer Stadt im Vergleich zu einer Agglomerationsgemeinde ein breiteres Angebot besteht», sagt Meier. Diese diene schliesslich nicht nur den Mietenden, die sie als Geschäftsleiterin des Mieterverbandes vertrete, sondern auch Besitzern von Eigentumswohnungen. Wenn sich Familien und ärmere Menschen in einem Quartier Wohnungen nicht mehr leisten können, dann werde das Quartier eintönig und lebe nicht mehr.

Tatsächlich versuchen die städtischen Behörden Gegensteuer zu geben. Auf verschiedenen Arealen sind neue Überbauungen geplant, auch die Anzahl Sozialwohnungen soll erhöht werden. Für Meier ein «Schritt in die richtige Richtung». Doch davon spüre man noch zu wenig. Dies zeigen auch die Zahlen von Wüest Partner, die der Stadt Bern neben den hohen Preisen auch einen Mangel an 4.5-Zimmer-Wohnungen attestieren.

Derweil hofft Iten, in Ostermundigen billige Wohnungen loszuwerden. Mit der sich in Arbeit befindenden Ortsplanung will die Gemeinde Anreize für Renovationen und Neubauten sowie innere Verdichtung schaffen. Dabei soll auch das neue Tram helfen, über das die Berner Stimmberechtigten nächstes Wochenende abstimmen. Wenn es nicht klappt, wird die Herausforderung noch grösser. «Wir brauchen das Tram als Multiplikator», sagt er. Ansonsten werde es schwierig, einen Wohnungsmix zu schaffen, der für eine bessere Durchmischung sorge.

Wie erleben/erlebten Sie die Wohnungssuche in Bern und der Region? Wie gut decken sich die Zahlen mit Ihren Erfahrungen, für Ihr Budget? Haben Sie etwas erlebt auf Ihrer Wohnungssuche? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.02.2018, 06:31 Uhr

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Die Auswertung

Fast 145'000 Wohnungsinserate, die zeigen, wo es sich leben lässt

Wo wohnen? Diese Frage hängt immer öfters in erster Linie vom Budget ab. Während diese Problematik in Zürich oder in Genf eklatant ist, ist die Situation in Bern weit weniger dramatisch. Je nach Anspruch an die Wohnungsgrösse ist es hier durchaus möglich, eine bezahlbare Bleibe innerhalb der Stadtgrenzen zu finden. Dies zeigt eine «Bund»-Auswertung von knapp 145 000 Wohnungsinseraten aus den letzten zwei Jahren. Erfasst wurden die Daten vom Monitoring von Wüest Partner. Es wertet die Wohnungsangebote aller gängigen Internetportale aus und erfasst die Inserate in 120 Zeitungen und Zeitschriften. Daraus resultiert die grösste Mietpreis-Datensammlung der Schweiz. Anhand dieser Daten lässt sich darstellen, wo wie viele Wohnungen zu welchem Preis verfügbar sind. Wo können Studenten eine neue Wohngemeinschaft gründen? Wo kann sich die Alleinerziehende, der Sozialhilfeempfänger eine Wohnung noch leisten? Und wo lassen sich die werdenden Eltern am besten nieder? Dafür lassen sich anhand der Daten Vorschläge machen, stets unter der Annahme, dass niemand mehr als ein Drittel seines Einkommens für die Miete aufwenden will. Mit unserem Online-Tool unter www.mietpreiskarte.derbund.ch können Sie selbst herausfinden, welches der günstigste Ort für Ihre persönliche Wohnungssuche wäre.

Nicht alle Wohnungen erfasst

Einige Einschränkungen gibt es für den Datensatz zu beachten: So schreiben die Vermieter nicht alle frei werdenden Wohnungen im Internet oder per Inserat aus. Verzichten sie darauf, fliesst der entsprechende Mietpreis nicht in die Datensammlung ein. Etwa bei einer Vergabe unter der Hand oder via Warteliste. Vor allem bei Genossenschaftswohnungen kommt dies oft vor. Generell werden günstige Wohnungen eher unter der Hand weitergereicht als teure Apartments. Die Angebotspreise liegen also im Mittel etwas tiefer als hier ausgewiesen. Die Zahlen von Wüest Partner zeigen, womit man rechnen muss, wenn man im Internet oder per Inserat eine Wohnung sucht. Dies trifft für 60 bis 80 Prozent der 350 000 bis 400 000 jährlichen Mieterwechsel in der Schweiz zu. Zudem: Die visualisierten Mietpreise sind alle exklusive Nebenkosten. Die Auswertung erfolgte pro Quartal, von Anfang 2016 bis Ende 2017. Um Mehrfachnennungen innerhalb eines Quartals zu vermeiden, wurde eine Duplikatsbereinigung vorgenommen. Jedes Objekt wird damit pro Quartal maximal einmal gezählt. Objekte, die über mehrere Quartale ausgeschrieben waren, wurden mehrfach gezählt. (zec)

Das Online-Tool finden Sie unter:
www.mietpreiskarte.derbund.ch

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