Von Mäusen und zwei Menschen

Liebe im Mai: Die neue «Bund»-Serie handelt von jungen und alten Liebesgeschichten. Den Auftakt geben Lotti und Peter Vogel aus Préverenges im Waadtland.

1966 haben Lotti und Peter Vogel geheiratet. Die Hochzeitsreise führte sie ins Tessin, wo sie die Etruskerspitzmaus suchten.

1966 haben Lotti und Peter Vogel geheiratet. Die Hochzeitsreise führte sie ins Tessin, wo sie die Etruskerspitzmaus suchten. Bild: Adrian Moser

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Seit Lotti krank ist, ist bei den Vogels nichts mehr, wie es war. Peter hat die Aufgaben seiner Frau übernommen, er kocht und putzt, führt den Hund aus und schaut zum Garten. «Lotti hat mir vierzig Jahre den Rücken freigehalten», sagt er, «jetzt bin ich dran.» Die beiden sitzen im Wohnzimmer ihres Hauses am Genfersee, Peter liest aus alten Liebesbriefen vor, Lotti hört zu, strahlt übers ganze Gesicht und sagt: «Wir hatten es schön.» Seit fünf Jahren leidet sie an einer neurodegenerativen Krankheit, das Sprechen fällt ihr immer schwerer, die Bewegungen werden ungelenk, das Bewusstsein ist am Schwinden. In dieser Zeit haben die Vogels gelernt, sich an kleinen Dingen zu freuen.

Aber eigentlich konnten sie das schon früher. «Weisst du noch, wie wir stundenlang dem Biberpaar zusahen?», fragt Peter. Lotti nickt. «Und die Spitzmäuse.» Lotti lächelt. «Und die Birkhühner.» Mit diesen hat die Geschichte begonnen. Lotti und Peter wuchsen beide in Bern auf. Ihre Mütter waren naturverbunden, und so kam es, dass die Kinder Mitglieder bei der Bernischen Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz wurden. 1959, auf der Pfingst-Exkursion ins Innereriz, fand Lotti ein Rehgeweih und steckte es ein. «Gibst du es mir?», fragte Peter. «Nein», erwiderte Lotti.

Drei Jahre später führte eine Exkursion zur Birkhahnbalz auf den Selibühl. Es war am frühen Morgen, und das Warten dauerte lange. Doch bevor sich bei den Hähnen etwas tat, begann es bei Lotti und Peter zu knistern. «Lotti war ein so natürliches Mädchen», sagt er. «Peter gefiel mir einfach», sagt sie. Bei der folgenden Exkursion, an Pfingsten 1962, küssten sie sich zum Abschied. Von da an waren sie unzertrennlich.

«Ich bin zu folgenden Resultaten gekommen»

Peter, der Zoologie studierte und eine Dissertation über Spitzmäuse schrieb, war es ein Anliegen, dass seine Zukünftige «naturtauglich» war. Deshalb beschloss er, mit Lotti, der kaufmännischen Lehrtochter, ein paar Eignungstests durchzuführen. Er hiess sie, eine Ringelnatter von Hand zu fangen, und brachte ihr Pflanzen, die sie zu bestimmen hatte. In einem ihrer Briefe schrieb sie: «Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und bin zu folgenden Resultaten gekommen: Convolvulus sepium und Medicago sativa.» Lottis Mühe belohnte Peter mit seitenlangen, von Tier- und Pflanzenskizzen gesäumten Liebesbriefen. Was, wenn Lotti nicht bestanden hätte? Er lacht. «Dann hätte ich ihr einfachere Aufgaben gestellt. Schliesslich wollte ich sie ja von ganzem Herzen.»

1966 heirateten sie und begaben sich auf die Hochzeitsreise ins Tessin. Peter, der seine Forschungen den Spitzmäusen widmete, wollte dort nach der Etruskerspitzmaus suchen. Diese Maus, kaum schwerer als eine Haselnuss und nur so lang wie ein Hirschkäfer, gehört zu den kleinsten Säugetieren der Welt. Zwei Wochen lang suchten die Vogels. Vergeblich. Ein Jahr später kam die erste von fünf Töchtern zur Welt. Lotti, die jetzt nicht mehr ausser Haus arbeitete, wurde zu Peters Assistentin. Sie erledigte das Administrative, half beim wissenschaftlichen Mäusefang in Feld und Wald und pflegte das gezüchtete Etruskerspitzmauspaar, das in einem Terrarium im Schlafzimmer wohnte.

Endlich: Die Etruskerspitzmaus

Dann zogen die Vogels samt Kindern für drei Jahre nach Afrika. Zurück in der Schweiz, wurde Peter 1973 Zoologieprofessor an der Universität Lausanne. Lotti unterstützte ihn, wo sie konnte. «Ohne dich wäre dies alles nicht möglich gewesen», sagt Peter. «Ich habe das gerne gemacht», sagt Lotti. Er streicht ihr übers Haar: «Geteilte Freude ist doppelte Freude.» Und immer, wenn es einen Erfolg zu verbuchen gab, feierten die Vogels dies mit einer Coupe Dänemark.

Es ist noch nicht lange her seit der letzten Coupe. Im Herbst 2011 – «der Vogel kann das Mausen nicht lassen» – reiste das Ehepaar wieder ins Tessin. Und siehe da, diesmal klappte es. 45 Jahre nach dem ersten Versuch fanden die Vogels die Etruskerspitzmaus. Ein Erlebnis, das sie noch einmal aufblühen liess. Peter seufzt. Der Rückblick auf das gemeinsame Leben sei gleichzeitig schön und schmerzhaft, sagt er. Dann, zu Lotti: «Wir hatten viel Gutes. Nichts und niemand kann uns das nehmen. Mag kommen, was will.»

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2012, 18:02 Uhr

Liebe im Mai

Die neue Bund-Serie erzählt von alten und jungen Liebesgeschichten. Online sind sie einzusehen unter: www.liebe.derbund.ch

«Der schönste Tag»

Diese und weitere Liebesgeschichten sind Teil der Ausstellung «Der schönste Tag – Hochzeitsfotografie 19.–21. Jahrhundert» im Schloss Oberhofen am Thunersee. Die Ausstellung ist vom 13. Mai bis am 14. Oktober geöffnet. www.schlossoberhofen.ch.


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