Von Diplomaten und Dessous-Models

25 Jahre lang haben sie im Schloss Jegenstorf zum Rechten geschaut – nächsten Frühling geht das Schlosswart-Ehepaar Wieland in Pension. Eine «Privataudienz» auf dem luxuriösen Anwesen.

Das Schlosswart-Ehepaar Heidi und Peter Wieland lässt mit der Pensionierung die Noblesse hinter sich.

Das Schlosswart-Ehepaar Heidi und Peter Wieland lässt mit der Pensionierung die Noblesse hinter sich. Bild: Manu Friederich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im barocken Schloss in Jegenstorf residieren sie seit fast einem Vierteljahrhundert, bald ziehen sie ein paar Strassen weiter in eine 3,5-Zimmer-Wohnung. Sie umsorgten Bundesräte und Generäle aus China – bald widmen sie sich ihren Grosskindern. Beim Schlosswart-Ehepaar Heidi und Peter Wieland stehen aufgrund der bevorstehenden Pensionierung einige Veränderungen an. Während sie über die säuberlich gepflegten Kieswege spazieren, lassen sie ihre Zeit im ehemaligen Wohnsitz verschiedener Patriziergeschlechter Revue passieren.

Das lachende Auge von Peter Wieland freut sich darauf, Verantwortung abzugeben, das weinende trauert schon jetzt der Weitläufigkeit des Anwesens nach. Seine Frau ergänzt, die Arbeit sei schon «sehr vielseitig» gewesen. Sie fügt aber auch an, der Sommerbetrieb auf dem Schloss sei «mit dem Alter immer belastender» geworden. Dennoch würde sie alles nochmals genauso machen wie früher: sich als Familie auf den Schlosswarts­posten melden, mit den drei Töchtern in die Dienstwohnung mit Marmorböden einziehen, als Schlossherrin für ­Ordnung sorgen.

Was nach Romantik und Prestige tönt, ist in Realität aber wahre Knochenarbeit. Schlossherr sei er nur selten, so Wieland. «Viel öfter bin ich Putzfrau, Butler, Knecht und Chauffeur in einem.» Fixe Arbeitszeiten kennen die Wielands nicht. Man könne ihre Tätigkeit mit jener eines Bauern vergleichen, sagt Peter Wieland. «Unsere Arbeit ist oft wetterabhängig – zu tun haben wir aber immer etwas.»

Ein eingespieltes Team

Drei Dauerausstellungen sind im historischen Gebäude in Jegenstorf untergebracht, hinzu kommt eine Wechselausstellung. Wer selber Schlossherr spielen will, kann einen der Säle mieten oder im geräumigen Park flanieren. Um die damit verbundenen Aufgaben zu bewältigen und das riesige Anwesen in Schwung zu halten, musste das Ehepaar Wieland am selben Strick ziehen. Da gab es Besucher zu empfangen, Bilder für die Ausstellung aufzuhängen und bei Abendveranstaltungen rechtzeitig die WC-Rollen zu wechseln. Etwa hundert Anlässe finden jährlich auf dem Anwesen statt, bis zu 6000 Leute besuchen das Schloss.

Nach 43 Ehejahren und 25-jährigem Wirken im Hintergrund sind die Wielands ein eingespieltes Team: Er mäht den Rasen – sie pflückt die Blumen. Er schüttelt die Äpfel vom Baum – sie liest sie vom Boden auf. Das Ehepaar gerät in Fahrt bei der Aufzählung, bis beide schliesslich lachend nach Luft schnappen. Peter Wieland fasst zusammen: «Das wichtigste ist, dass wir gemeinsam anpacken, was anfällt.» Ob es hierbei auch Spannungen gibt? «Kaum», sagt die Schlosswartin. Das Gemäuer des Schlosses strahlt eine Ruhe und Würde aus – der Arbeitsort scheint auf das Ehepaar abgefärbt zu haben.

Als der Kaiser zu Besuch war

Höhepunkte habe es einige gegeben in den vergangenen Jahren, erzählen die Wielands, während sie am Cüpli mit dem hauseigenen Apfelschaumwein nippen. Weitere Höhepunkte im Leben des Schlosses – vor ihrer Wirkungszeit – waren etwa der Besuch des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, dem derzeit eine Sonderausstellung gewidmet ist, oder die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als General Guisan seinen Kommando­stützpunkt hierher verlegte.

Und wie sahen die persönlichen Schloss­herrenmomente aus? «Ein ­Zückerli» sei es gewesen, als Heidi Wieland sich mit Alt-Bundesrat Kaspar Villiger fotografieren lassen durfte. Der Schlosswart mit dem karierten Hemd, dem weissen Bart und den gütigen Augen weiss noch andere Geschichten der historischen Gemäuer zu erzählen. Einmal etwa löste eine Katze mitten in der Nacht den Alarm aus, sodass um vier Uhr in der Früh die Polizei zum Schloss­portal eilte.

Und kürzlich habe sich ein Fotograf selber im Weiher des Parks versenkt, als er eine Gruppe polnischer Sänger fotografieren wollte und unachtsam rückwärts ging. Langweilig wurde es dem Ehepaar also nie. Auch das ­Publikum scheint abwechslungsreich zu sein: Heidi Wieland erzählt von Diplomatenbesuch, während sie am duftenden Blumenbeet steht, Peter Wieland erinnert sich an ein Fotoshooting mit Dessous-Models, während er durch den Saal mit Louis-XV-Mobiliar schritt.

Unbeschwert im Park spazieren

Das Schloss – im zwölften Jahrhundert errichtet und später von einer Patrizierfamilie an die andere vererbt oder verkauft – ist seit bald achtzig Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich. Dies wird auch Wielands zugutekommen, denn sie wissen genau, wo sie den Ruhestand verbringen werden: «Ich freue mich schon jetzt darauf, im Schlosspark ohne Verantwortung spazieren zu gehen», sagt Heidi Wieland. Ein neuer Schlosswart wird ab März 2015 in die Fussstapfen der Wielands treten. Die Stiftung Schloss Jegens­torf hat die Stelle ausgeschrieben, sodass das Anwesen auch in Zukunft liebevoll gepflegt werden wird.

(Der Bund)

Erstellt: 25.08.2014, 11:40 Uhr

Öffnungszeiten Schloss

Di–Sa, 13.30 bis 17.30 Uhr/Sonntag, 11 bis 17.30 Uhr, 
Montag geschlossen.

Artikel zum Thema

Freude und Kälte beim Staatsbesuch

Geschichte Haile Selassie I. weilte vor 60 Jahren in der Schweiz – das Museum im Schloss Jegenstorf widmet dem Kaiser von Äthiopien eine Ausstellung. Der König der Könige residierte während vier Tagen im Schloss. Mehr...

«Er hat sich nicht verschanzt»

Im Schloss Jegenstorf ist eine Ausstellung über General Henri Guisan zu sehen. Im Zweiten Weltkrieg führte der populäre General von Oktober 1944 bis August 1945 von hier aus die Schweizer Armee. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...