«Unfotogene Menschen gibt es nicht»

Der Fotograf Peter Zbinden aus Schwarzenburg über das Schwierigste bei der Porträtfotografie, ein Abenteuer im Schnee und reizvolle Peperoni.

Peter Zbinden (71) im Fotostudio, wo schon sein Vater arbeitete.

Peter Zbinden (71) im Fotostudio, wo schon sein Vater arbeitete.

(Bild: Valérie Chételat)

Der Grund, warum Peter Zbinden fotografiert, liegt vor ihm auf dem Küchentisch. Es ist das Foto eines Mannes, von dem man nur das Gesicht sieht. Er blickt direkt in die Kamera. Schnee klebt ihm an Nase, Schnauz und Augenbrauen. Tiefe Furchen in der Haut zeugen von einem Leben in schroffer Umgebung. «Ich liebe es, die Leute so zu fotografieren, wie ich sie sehe, und gewisse Charaktermerkmale hervorzuheben», sagt Zbinden, sein Blick ist aufgeweckt und freundlich. Die Kunst, die Dinge auf eine persönliche Weise zu betrachten und mit der Kamera einzufangen, sei für ihn immer die Essenz der Fotografie gewesen.

Verändert hat sich vor allem die Technik. «Die Zeit, die früher ins Entwickeln im Labor floss, verbringe ich heute vor dem Computer bei der Nachbearbeitung», so Peter Zbinden. 39 Jahre nachdem Peter und seine Schwester Ruth Clalüna-Zbinden (64) das Unternehmen von ihren Eltern übernommen haben, ist nur noch das Fotostudio übrig. Ihr Laden, wo man sich mit Fotoausrüstung versorgen und Filme zum Entwickeln bringen konnte, ist zusammen mit der Analogfotografie untergegangen.

Die digitale Revolution hat unzählige Selfmade-Fotografen hervorgebracht: Die Konkurrenz ist grösser geworden, der Markt kleiner. Soll man den Sprung vom Hobby- zum Berufsfotografen trotzdem wagen? Ja, die Erfahrung lohne sich allemal, sagt Zbinden. «Sie kennen das als Journalistin ja auch: Es ist einer der spannendsten Berufe. Man hat das Privileg, an gewisse Situationen, Orte und Leute heranzukommen, wie es in anderen Berufen nie möglich wäre.»

Für das Winterporträt suchte Peter Zbinden einen Bauern als Modell. Ein befreundeter Tierarzt wusste jemanden. Der «Schneemann» heisst Beat Hermann und hat viele Jahre auf der Kaiseregg als Hirt verbracht. Die Aufnahmen machten sie letztes Jahr auf dem Gurnigel. Beat Hermann (55) liess sich Schnee ins Gesicht werfen oder legte den Kopf auf den Schnee. «Plötzlich gab es diesen schönen Effekt mit den Schneekristallen.» In der Feinbearbeitung verstärkte Zbinden den Kontrast, zeichnete die Schatten nach und überzog das schwarzweisse Bild mit einem bläulichen Schimmer.

Sein Flair fürs Experimentieren und Inszenieren mag aus seiner ersten Karriere in der Industrie- und Werbe­fotografie stammen. Nach der Lehre beim Vater Robert Zbinden arbeitete er in Basel und England, bevor er mit 26 Jahren nach Kanada auswanderte. Dazwischen kam er einmal zurück, ging aber bald wieder. Er hat nämlich noch eine Revolution erlebt, die 1968er-Bewegung. «Meine langen Haare kamen im Dorf und speziell bei den Eltern nicht so gut an», sagt er. Das Fotografieren legte er auf Eis und arbeitete am Whistler Mountain als Liftführer und Skilehrer, bevor er in den 70er-Jahren wegen der Nachfolge zurückkam.

Es war der Beginn von Peter Zbindens zweiter Karriere: Porträtfotografie. Ins Fotostudio Zbinden kommt man, wenn man ein Foto von sich will. Für sich, als Geschenk für den Partner, fürs Familienalbum oder eine Bewerbung. Die Wände im Haus sind voller eingerahmter Fotos. An der Küche vorbei geht es hinauf in die Büros und in einen Teil des Archivs. Das Fotostudio liegt im Keller. Vor dem Eingang befindet sich eine Sofaecke. Hier nehmen die Kunden vor dem Shooting Platz. «Wir reden immer zuerst miteinander», sagt Zbinden. Es sei wichtig, die Person ein wenig kennen zu lernen und heraus­zufinden, was für ein Foto sie sich vorstellt. Damit sie sich vor der Kamera wohlfühlen, macht er Duzis – und gegen die Schüchternheit auch mal Lockerungsübungen.

Seine beruhigenden Worte für alle, die sich für einen hoffnungslosen Fall halten: «Unfotogene Menschen gibt es nicht.» Die hohen Ansprüche machen ihm manchmal Sorgen. «Die Leute wollen heute perfekt aussehen, wie in den Magazinen, alle Makel müssen wegretouchiert werden.» Privat widmet er sich lieber naturalistischen oder Charakterdarstellungen wie jenen des Hirten. Aktuell tüftelt er aber an einem Stillleben: er inszeniert eine Peperoni aus seinem Garten. Er schwärmt von Licht- und Oberflächeneffekten. «Das sieht wahnsinnig gut aus!»

Der Bund

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