Thomas Itens Liebe zur Politik sorgt für Aufregung

Die diskontinuierliche Karriereplanung von Thomas Iten bringt die SP Ostermundigen, seine neuerdings bisherige Partei, in die Klemme. Iten, erst im Februar aus dem Gemeinderat zurückgetreten, kann ohne Politik nicht leben.

Das Theater Madame Bissegger macht es vor: Die Wahl zum Gemeindepräsidenten wird kein Spaziergang.

Das Theater Madame Bissegger macht es vor: Die Wahl zum Gemeindepräsidenten wird kein Spaziergang. Bild: Franziska Scheidegger

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Ostermundigen hatte schon Gemeindepräsidenten aus der SP und aus der SVP, doch noch nie einen parteilosen. Vor dem noch bis Ende Jahr amtierenden Christian Zahler (SP) führte der SVP-Mann Theo Weber während fünfzehn Jahren die Geschicke der Gemeinde. Vor Weber befand sich das Präsidium ebenfalls in roter Hand. Die SP ist klar die stärkste Partei im Ort. Die Gemeinde ist seit dreissig Jahren eigenständig. Vorher war Ostermundigen, wie auch Ittigen Teil der Gesamtgemeinde Bolligen.

Belastungsprobe für die SP

Zahler wurde 2002 erstmals gewählt, er gewann gegen die EVP-Politikerin Ursula Norton, seither musste Zahler keinen Wahlkampf mehr führen. Zahler kündete im Januar an, er werde bei den Wahlen am 25. November nicht mehr antreten. Zugleich gab die SP bekannt, man schlage Gemeinderätin Regula Unteregger und den langjährigen SP-Fraktionschef Norbert Riesen vor.

Die Parteiversammlung entschied sich am 17. Februar für Norbert Riesen mit 31 zu 23 Stimmen, der Entscheid fiel erst nach 23 Uhr – man darf dies als Belastungsprobe für die SP interpretieren. Noch vor dieser Kür, bereits am 8. Februar, hievte die SVP Gemeinderätin Aliki Panayides auf den Schild. Unteregger kandidiert trotz der Niederlage wiederum als Gemeinderätin.

«Enttäuschung», «Illoyalität»

Die überraschend angekündigte Kandidatur von Thomas Iten lässt für die SP der Belastungs- nun noch eine Zerreissprobe folgen. Kurz vor Torschluss, um 17.21 Uhr am Montag, reichte der 38-jährige Iten bei der Gemeindeverwaltung seine Kandidatur ein. Rund eine halbe Stunde später verschickte Iten, der von 2004 bis Ende Februar 2012 als Gemeinderat für das Departement Bildung, Kultur und Sport zuständig war, die Medienmitteilung.

Unter dem Titel «Generationenwechsel in Ostermundigen». Iten trat «per sofort» aus seiner Partei aus und tritt als Parteiloser an. Ein starkes Stück für die SP, die von «Enttäuschung», «Illoyalität» und fehlender «Political Correctness» sprach. Zickzackkurs und Hauruckübung kommen einem da in den Sinn. Denn kurz vor Weihnachten 2011 gab Iten ja seinen Abschied aus der Gemeindepolitik bekannt. Er hatte mit einer Kaderstelle bei der BLS eine neue berufliche Herausforderung gefunden.

Bereits Dutzende von positiven Reaktionen

Ist ihm der öffentliche Verkehr inzwischen bereits wieder verleidet? Nein, nein, er habe einen «Job in einem extrem tollen Umfeld» versichert Iten, doch ihm fehle die Politik. «Ich bin ein Animal politique und vermisse das Herzblut und die Emotionen, die in der Ostermundiger Politik spürbar sind.» Er verstehe, wenn man seiner Kandidatur mit Unverständnis begegne oder sage, er stelle seine eigenen Interessen über die Interessen anderer.

Doch Iten tut es aus Liebe zur Politik. Schon als er sich 1995 im Jugendrat zu engagieren begonnen habe, sei es ihm darum gegangen, etwas aufzubauen und zu bewegen. Und jetzt winkt die einmalige Chance: «Der Gestaltungsraum als Gemeindepräsident ist am grössten.» In seinem Unterstützungskomitee gibt es Personen aus der FDP, der CVP, der EVP, der GLP und mit Ursula Lüthy sogar eine Gemeinderätin der Grünen, die auf der gemeinsamen Liste mit der SP kandidiert. Eine eher unübliche Konstellation. Er habe bereits Dutzende von positiven Reaktionen auf seine Kandidatur erhalten, sagt Iten, «auch von Leuten aus der SP».

Negativ ins Gewicht könnte der Umstand fallen, dass sich Iten im Dezember offenbar entschloss, nicht am SP-internen Auswahlverfahren teilzunehmen und auf die berufliche Karriere zu setzen. Damals sei der bevorstehende Rücktritt Zahlers parteiintern bereits bekannt gewesen, heisst es aus SP-Kreisen.

Zweiter Wahlgang möglich

Der Dreikampf verspricht spannend zu werden. Ähnlich wie beim Theater von Madame Bissegger im Steingrüebli könnte es zu weiteren Knalleffekten und einigen waghalsigen Kletterpartien kommen. Zwar gibt sich Panayides noch gelassen, doch Itens Kandidatur wird nicht nur Riesen, sondern auch sie Stimmen kosten. Itens wilde Kandidatur in der Mitte des Parteienspektrums drängt Riesen nach links und Panayides nach rechts: Wiewohl Panayides als kantonale SVP-Parteisekretärin als Hardlinerin gilt, gab sie sich auf kommunaler Ebene dem Konsens verpflichtet.

Riesen wiederum nimmt für sich in Anspruch, auch für die Mitte wählbar zu sein und nicht streng nach Parteibuch zu politisieren. Er gab im Februar bekannt, er wolle sich bei seinem Kurs am früheren Bieler Stadtpräsidenten Hans Stöckli orientieren. Es wäre keine Überraschung, wenn am 25. November keine definitive Entscheidung fiele und ein zweiter Wahlgang nötig würde. (Der Bund)

Erstellt: 26.09.2012, 07:20 Uhr

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Wahlen Ostermundigen

Kandidaten Gemeindepräsidium: Norbert Riesen (SP); Aliki Panayides (SVP); Thomas Iten (parteilos).

Kandidierende Gemeinderat: Es sind nicht mehr neun, sondern nur noch sieben Sitze zu vergeben.
SP/Grüne: Ursula Lüthy (bisher); Andreas Thomann (bisher); Regula Unteregger (bisher); Norbert Riesen; Bruno Grossniklaus; Rudolf Mahler; Christian Zeyer.
SVP: Aliki Panayides (bisher); Erich Blaser (bisher); Hans Peter Friedli; Lucia Müller; Gerhard Zaugg.
EVP: Gerhard Baumgartner (bisher); Silvia Fels; Rahel Wagner-Schaub.
FDP: Peter Wegmann (bisher); Henrik Schoop; Michael Werner.
CVP/GLP: Synes Ernst (bisher); Melanie Gasser; Eduard Rippstein; Markus Blaser; Sandra Löhrer-Marti

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