Stellenabbau bei Crucell: Grosse Ratlosigkeit in Köniz

Gerade erst hat Köniz für Crucell die Bauvorschriften gelockert – entgegen den eigenen Grundsätzen. Dass der Impfstoffhersteller nun wegzieht, stellt die Gemeinde vor ein demokratiepolitisches Problem.

In Thörishaus, wo heute Crucell Impfstoffe produziert, könnten in einigen Jahren wieder Kühe weiden.

In Thörishaus, wo heute Crucell Impfstoffe produziert, könnten in einigen Jahren wieder Kühe weiden.

(Bild: Adrian Moser)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Aus heutiger Sicht liest es sich wie ein Hohn: «Damit verbessert die Gemeinde Köniz die Voraussetzungen, damit sich Crucell an diesem seit gut 50 Jahren bestehenden Pharma-Produktionsstandort massvoll weiterentwickeln kann.» Der Satz stammt aus der Botschaft zu den Könizer Abstimmungen vom 22. September. Obwohl kein Bauprojekt vorlag, wollte die Gemeinde mit einer Lockerung der Bauvorschriften das Wohlbefinden von Crucell in Thörishaus verbessern. Das Volk liess sich überzeugen und stimmte der Zonenplanänderung mit 76 Prozent Ja-Stimmen zu, obwohl nicht klar war, ob und wann der Impfstoffhersteller ausbauen will.

Seit Mittwoch ist aber klar: Crucell plant in Köniz weder eine massvolle noch eine andere Weiterentwicklung. Stattdessen will das Unternehmen seine gesamte Produktion in Bern und Köniz schliessen. Den Standort Thörishaus in der Gemeinde Köniz will es komplett aufgeben, 90 Mitarbeitende verlieren ihre Stelle. In Bern-Bümpliz sollen 290 weitere Stellen gestrichen werden – nur die Forschungsabteilung mit 80 Mitarbeitenden will Crucell dort erhalten.

Für Köniz ist der Entscheid doppelt bitter. Die Gemeinde muss nicht nur den Verlust der Arbeitsplätze verkraften – sie steht nun auch vor einem demokratiepolitischen Problem: Wenn Crucell wegzieht, entfällt die komplette Grundlage für die Abstimmung vom September, noch bevor sie überhaupt umgesetzt ist. Es fragt sich: Ist die Abstimmung noch gültig? Kann Köniz auch ein anderes Unternehmen von der für Crucell geänderten Bauzone profitieren lassen? Und: Was hat Köniz nun vor?

Zur letzten Frage sagt Gemeindepräsident Luc Mentha (SP): «Wir prüfen alle Optionen.» Mentha hofft, ein anderes Pharma-Unternehmen könnte die Impfstoffproduktion in Thörishaus übernehmen wollen oder es finde sich ein Unternehmen aus einer anderen Branche, das sich am nun ausbaufähigen Crucell-Standort ansiedeln liesse. Bevor Mentha sich auf die Suche machen kann, muss die Gemeinde aber einige juristische Fragen klären. Je nachdem wie die Antworten darauf ausfallen, könnte sich auch eine andere Option aufdrängen: die vom Volk beschlossene Zonenplanänderung rückgängig zu machen. Das laufende Genehmigungsverfahren sei vorerst sistiert, sagt Mentha.

Grundsätzlich sei die rechtliche Situation klar, sagt Rolf Mühlemann, Jurist beim Amt für Gemeinden und Raumordnung des Kantons Bern: «Der Wegzug von Crucell hat keine automatische Auswirkung auf die Gültigkeit des Volksbeschlusses. Ungültig wäre er nur, wenn die Gemeinde etwas falsch gemacht hätte.» Der Zonenplan lege die Art und das Mass der Nutzung einer Zone fest. «Ob eine Zone wirklich von der Unternehmung gebraucht wird, für die sie geschaffen wurde, spielt keine Rolle.»

Zweite Abstimmung wäre nötig

Das heisst: Will Köniz nun, wo Crucell wegzieht, auf die Lockerung der Bauvorschriften verzichten, braucht es erneut einen Volksbeschluss. Dieser liesse sich aber wohl in die sowieso bevorstehende Abstimmung über die Ortsplanungsrevision integrieren.

Auch wenn Gemeindepräsident Mentha am Tag nach der Hiobsbotschaft damit liebäugelt, an der Lockerung der Bauvorschriften festzuhalten: Der Gemeinderat wird sich dies gut überlegen müssen. Immerhin hat ihm das Parlament 2008 ein bis heute gültiges Bauzonenmoratorium auferlegt. Ausserdem rühmt sich die Gemeinde für ihre vorbildliche Raumplanung und Energiepolitik.

Dennoch wollte Köniz Crucell «auf Vorrat» den Bau von zusätzlichen und höheren Gebäuden erlauben – ohne eine einzige Energievorschrift zu erlassen und an einem Standort, der heute kaum mehr für Industriebauten eingezont würde. Begründet hat sie dies stets mit dem Argument, man müsse Crucell «Planungssicherheit» bieten. Von anderen Unternehmen war nie die Rede.

Nun plant Crucell, wegzuziehen – ist das der Moment, um am heutigen Crucell-Standort wieder Landwirtschaft zu betreiben und andernorts Bauzonen für die Industrie auszuscheiden? «Das war bisher kein Thema», sagt Mentha. «In einem ganz breiten Fächer von Möglichkeiten könnte es aber eine davon sein.» Im Moment will Mentha noch gar nicht so weit denken. Zuerst will er sich dafür einsetzen, dass Crucell sich den Wegzug doch noch einmal überlegt.

Der Bund

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