Spricht er von Integration, 
tut er es aus eigener Erfahrung

Jean-Daniel Pirolet (EVP) ist Welscher, aber schon 36 Jahre lang in Ittigen. Jetzt kandidiert er fürs höchste Amt.

Entwicklung auch für übermorgen: Jean-Daniel Pirolet betont die Nachhaltigkeit.

Entwicklung auch für übermorgen: Jean-Daniel Pirolet betont die Nachhaltigkeit.

(Bild: Adrian Moser)

Matthias Raaflaub

Jean-Daniel Pirolet hat sich mit den rostigen Konservendosen gut abgefunden. Die Installation vor dem Gebäude des Bundesamts für Umwelt an der Ittiger Papier­mühle wird von manchen Ittigern nicht gerade heiss geliebt. Pirolet sieht heute das Gute an der Kunst. «Ich fand das anfangs auch mutig. Jetzt kann ich mir an diesem Ort gar nichts anderes mehr vorstellen», sagt er.

Das Bafu-Gebäude: Für Pirolet ist es ein Symbol dafür, dass die Umwelt und die Nachhaltigkeit für ihn wichtige Themen sind, sollte er am 2. November zum Gemeindepräsidenten von Ittigen gewählt werden. «Will sich die Gemeinde weiterentwickeln, müssen wir daran denken, dass wir das nicht nur für morgen, sondern auch für übermorgen tun», sagt er.

Herausforderndes Schuldossier

Heute ist Pirolet noch nicht Gemeindepräsident, sondern erst Kandidat und weiterhin Gemeinderat. Zuständig ist er in Ittigen für die Departemente Bildung sowie Kultur, Freizeit und Sport. Im Bildungsdossier hat Pirolet alle Hände voll zu tun. Ittigen hat da ganz andere Herausforderungen als viele Gemeinden im Kanton Bern. Statt Klassen schliessen muss Ittigen fortlaufend neue eröffnen. «Es gibt grossen Handlungsbedarf», sagt Werner Furer, Schulleiter der Primarschule Rain. «Wir haben massiv steigende Schülerzahlen, brauchen einen neuen Kindergarten, und auch die Tagesschule platzt aus allen Nähten.» Es brauche also noch mehr Schulräume, oder es drohe Platzmangel, sagt Furer.

Einen Anfang hat Pirolet mit dem neu eröffneten Kindergarten Wydacker schon gemacht. Die Bildung sei ein anspruchsvolles Dossier, sagt er. Er steht 1000 Schülern und 100 Lehrpersonen an den drei Schulstandorten vor. Zum anderen hat er aber wenig direkten politischen Einfluss. Die Schulkommission ist vom Volk gewählt. Anders als bei den ­übrigen Departementen wird damit die wichtigste Kommission nicht vom Vorsteher selbst geführt, eine schwierige Situa­tion. Schulkommissions-Vizepräsidentin Ursula Pinheiro (SP) sagt, dass die Kommunikation wegen der aussergewöhnlichen Strukturen und der verschiedenen Zuständigkeiten eine Herausforderung sei. «Dafür kann man aber niemandem die Schuld zuschieben», sagt Pinheiro. «Wir sind nun daran, neue Strategien und Strukturen zu erarbeiten.»

Wegen dieser Situation kenne auch die Lehrerschaft Pirolet kaum, sagt Bernhard Moser. Der Lehrer war während zweier Jahre ein Kollege Pirolets im Gemeinderat. «Für ihn spricht der welsche Charme, der kommt gut an», sagt der frühere SP-Gemeinderat über den EVP-Kandidaten. Pirolet sei aber keiner, der die Dinge über den Haufen werfen würde. Beschrieben wird Pirolet auch als sehr exakt, manchmal vielleicht zu genau. «Er arbeitet sehr zuverlässig. Er geht den Sachen auf den Grund», sagt Ernst Lüthi, Präsident der EVP Ittigen. «Dafür weiss er nachher, was die Fakten sind.»

Engagierte Leute sind Mangelware

Trotz den Schwierigkeiten habe man in Ittigen erreicht, dass die Schulen heute enger zusammenarbeiteten, sagt Pirolet. Es sei gelungen, dass das Lehrerkollegium sich austausche und «nicht jedes Schulhaus alleine mit seinen Prob­lemen dasteht». Das Schulwesen verlange aber bei der Planung auch grosse Flexibilität. Die Quartiere erneuerten sich beständig, Kindergärten könnten heute in einem jungen Quartier nötig sein, einige Jahre später aber bereits nicht mehr. Seine Aufgabe sei es, die ­Ansprüche abzuwägen und eine gesamthafte Perspektive einzunehmen, sagt Piro­let. «Das ist alles nicht so einfach, wie es tönt.» Diese Aufgabe dürfte dem 60-Jährigen nicht fremd sein. Er arbeitet als Projektleiter bei der Armasuisse und kümmert sich um die Beschaffung von Rüstungsmaterial. Dort müsse er bereichs- und departementsübergreifend Lösungen finden, die überdies politisch tragfähig sein müssten.

Pirolet nimmt sein zweites Departement, den Bereich Kulturelles, Freizeit und Sport, aber ebenso wichtig. Im Vereinswesen stecke für eine Gemeinde wie Ittigen ein grosses Potenzial. «Vereine übernehmen eine Integrationsrolle», sagt er. Spricht Pirolet von Integration, so tut er das auch aus Erfahrung. Ihn zog es 1978 wegen der Arbeit von Lausanne nach Ittigen. Heute versteht er sich nicht mehr als «den Welschen». Er habe jetzt den grösseren Teil seines Lebens in Ittigen und nicht im Welschland verbracht, sagt Pirolet. Auch in der Politik hat er gewis­sermassen zwei Heimaten. Pirolet trat 2003 der Freien Liste bei. Seine Frau amtierte als Präsidentin der Ortspartei. Doch die Freie Liste überdauerte nicht. «Wir hatten es sehr schwer, Leute zu finden, die sich engagieren wollen», sagt Pirolet. So trat er der EVP bei, erst als Mitglied der Oberstufenkommission. Als Lukas Baumgartner zurücktrat und die EVP-Vertreter auf den nachfolgenden Plätzen verzichteten, erklärte sich Pirolet Anfang 2012 bereit, den vakanten Gemeinderatssitz zu übernehmen. Heute sei er eine Integrationsfigur für die Partei, sagt Präsident Ernst Lüthi.

Pirolet weiss aber, dass er bei den Wahlen weit über die EVP-Wählerschaft hinaus stimmen machen müsste, um sich gegen die Mitkandidierenden durchzusetzen. Es nicht zu versuchen, wäre aber für ihn nicht infrage gekommen. «Von vornherein die Flaggen zu streichen, wäre völlig unpolitisch», sagt Pirolet. Ihm geht es bei seiner Kandidatur um die Auswahl und die politische Vielfalt in Ittigen. «Bei den letzten Wahlen haben 51 Prozent nicht für die Bürgervereinigung gestimmt», sagt er. «S isch Zyt» lautet das selbstbewusste Motto seiner Kandidatur. Locker und selbstbewusst tönt es auch, wenn es aus Pirolets Mund kommt.

Vor den Wahlen um das Gemeindepräsidium Ittigen am 2. November hat der «Bund» alle drei Kandidierenden porträtiert. Erschienen sind: Gabriela Meister, SP, Marco Rupp, BVI (20. Oktober).

Der Bund

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