«Schweigen macht hellhörig»

Hat der Wohlener Gemeindepräsident den Vorfall eines 10-Jährigen mit Wodka-Flasche erfunden? Eduard Knecht will nichts mehr sagen. Diese Strategie zahle sich längerfristig nicht aus, sagen Fachleute über Knechts Aussitz-Taktik.

Sein Schweigen macht hellhörig: Eduard Knecht.

Sein Schweigen macht hellhörig: Eduard Knecht. Bild: Adrian Moser

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Der Berner Politikberater Mark Balsiger ist stets auf der Suche nach Lehrfällen für seine Kommunikationstrainings. Daher verfolgt er die Affäre um den Wohlener Gemeindepräsidenten Eduard Knecht (FDP) ganz genau – um sie künftig als Beispiel zu verwenden, wie man es nicht machen sollte. «Aufgrund der Medienberichte der letzten Tage hätte Eduard Knecht klar sagen müssen, was effektiv passiert ist – in so einer Situation braucht es einen Befreiungsschlag», sagt Balsiger. Dieser sei Knecht nicht gelungen – im Gegenteil. Die gemeinsame Pressemitteilung des Gemeinderats werfe lediglich weitere Fragen auf. Etwa die, ob Sozialvorsteher und Gemeinderat Bänz Müller (SP plus) nun ein Maulkorb verpasst worden ist.

Zur Erinnerung: Der Wohlener Gemeinderat verschickte am Dienstag nach einer Sitzung eine Pressemitteilung. Gemäss dieser beharrt Gemeindepräsident Knecht weiter auf seiner Version, vom Vorfall mit dem 10-Jährigen mit der Wodka-Flasche von der Polizei gehört zu haben. Die Kantonspolizei weiss aber nichts von dieser Geschichte – und auch die Wohlener Sozialbehörde und ihr Vorsteher Bänz Müller nicht, wie diese Zeitung bekannt machte. Gegenüber den Medien wollte Knecht keine Stellungnahme abgeben – und auch der Gemeinderat (oder dessen Mehrheit) hat sich einen Maulkorb verpasst.

«In neun von zehn Fällen ist Mauern erfolglos»

Roland Binz war jahrelang SBB-Pressesprecher und gilt als Spezialist für Krisenkommunikation. Auch er hält Knechts Aussitz-Taktik für ungeschickt: «Das ist eine Strategie, die oft versucht wird – sie zahlt sich aber längerfristig nicht aus. Es bleibt die Gefahr, dass die Geschichte wieder hochgekocht wird.» Kollege Balsiger bläst ins selbe Horn: «In neun von zehn Fällen ist Mauern erfolglos. Die Geschichte mottet weiter – in den Medien und bei politischen Akteuren.» Bereits am 19. März findet in Wohlen eine Gemeindeversammlung statt. Dabei geht es zwar noch nicht ums Polizeireglement – «aber es gibt ja immer das Traktandum Varia, da wird das Thema sicher aufgegriffen», glaubt Balsiger.

Kein Stich gegen die Polizei

Roland Binz weist ebenfalls darauf hin, dass sich die Wohlener Bevölkerung bestimmt im Ungewissen gelassen fühle: «Die Problematik ist, dass Knecht die Geschichte selber angerissen hat, die vielen offenen Fragen nun aber nicht beantworten will.» In dieser Situation zu schweigen, mache erst recht hellhörig und öffne Spekulationen Tür und Tor. Besonders gravierend sei in diesem Fall, dass sich Knecht auf die Polizei berufe. Da diese aber widerspreche und der Vorfall in den Rapporten nicht auftauche, stehe Knecht mit sehr schlechten Karten da: «Die Polizei geniesst hohe Glaubwürdigkeit», sagt Binz. Nun läge die Beweislast beim Wohlener Gemeindepräsidenten.

Delikat sei der Fall auch, weil es um den gravierenden Vorwurf der Lüge gehe. Vertrauen und Glaubwürdigkeit seien das grösste Kapital eines Politikers: «Und mit Schweigen gewinnt man kein Vertrauen zurück.» Nun bestehe die Gefahr, dass Knecht als «Lügenbold» in Erinnerung bleibe. Auch Balsiger meint in Hinblick auf die Wahlen im November: Der Verdacht, eine Räubergeschichte aufgetischt zu haben, werde Knecht verfolgen. Es sei zudem nicht der erste heikle Moment, den Knecht in seiner dreijährigen Amtszeit erlebe. Gemäss Präsident Martin Lachat will die SP plus auf jeden Fall einen Kandidaten fürs Gemeindepräsidium aufstellen. Pikant: In Wohlen wird herumgereicht, dass Bänz Müller Ambitionen aufs Amt hege.

Was hätte der Wohlener Gemeindepräsident besser machen können? Auch wenn Knecht die Geschichte nicht beweisen könne, habe er vielleicht wirklich davon gehört, sagt Roland Binz: «In diesem Fall müsste er offen eingestehen, dass es ein Fehler war, dieses Beispiel nur vom Hörensagen öffentlich verbreitet zu haben.» Es sei nie zu spät, in kritischen Situationen hinzustehen und Verantwortung zu zeigen, so Binz: «Aber je länger man zuwartet, desto überzeugender muss die Begründung sein.» (Der Bund)

Erstellt: 28.02.2013, 07:24 Uhr

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