Schlössli Ins vor ungewisser Zukunft

Nach 61 Jahren muss das bekannte Schulheim schliessen. Nicht für alle Jugendlichen und Angestellten wurde bisher eine Nachfolgelösung gefunden. Was aus dem riesigen Schlössli-Areal wird, ist offen.

In zehn Tagen findet ein Lebenswerk sein vorläufiges Ende: Eingang zum Schlössli Ins.

In zehn Tagen findet ein Lebenswerk sein vorläufiges Ende: Eingang zum Schlössli Ins. Bild: Adrian Moser

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Der Beginn der Sommerferien naht. Im Schlössli Ins stehen noch ein Putztag und die Abschlussfeier auf dem Programm. Am Freitag nächster Woche kehrt dann Ruhe ein auf dem weitläufigen Gelände – diesmal aber nicht nur für die üblichen fünf Wochen, sondern vielleicht für immer. Das kantonale Jugendamt hat der Schul- und Heimgemeinschaft die Betriebsbewilligung entzogen. 61 Jahre nach der Gründung muss die weit herum angesehene und bekannte Institution schliessen.

Während der letzten Jahrzehnte haben Hunderte von Kindern und Jugendlichen aus teilweise sehr schwierigen Verhältnissen im seeländischen Ankerdorf eine Ersatzheimat gefunden. In der anthroposophisch geführten Bildungseinrichtung wurden sie aufs Leben und auf einen Einstieg in die Arbeitswelt vorbereitet. In der jüngsten Vergangenheit haben sich interne Konflikte jedoch derart zugespitzt, dass das Jugendamt als Aufsichts- und Bewilligungsbehörde einen geordneten Weiterbetrieb als nicht mehr möglich erachtete.

Schlössli-Leitung gegen Stiftung

Anfang Jahr hatte der Trägerverein beschlossen, die Heimleiterin freizustellen und in corpore zurückzutreten. Auch die sechsköpfige Geschäftsleitung zeigte sich entschlossen zu kündigen. Eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Seiler, der die zahlreichen Schulgebäude gehören, sei nicht mehr möglich, so die Begründung.

Die Stiftung wird von Ueli und Michael Seiler geführt. Sie sind die Söhne von Ruth und Robert Seiler, die das Schulheim 1953 gegründet hatten. Ueli Seiler war zudem über 30 Jahre lang Heimleiter, sein Bruder Robert ist grüner Grossrat und Heimleiter des Berg-hofs Stärenegg. Die Schlössli-Leitung sei den anthroposophischen Grundgedanken untreu geworden, werfen sie dem Vereinsvorstand und der Geschäftsleitung vor. «Alle Betroffenen bedauern zutiefst, dass keine Lösung des Konflikts gefunden werden konnte», heisst es auf der Homepage des Schulheims. Seit Wochen wird bereits an der Auflösung der Institution gearbeitet, in der rund 60 Jugendliche von 50 Angestellten betreut worden sind.

Neue Lösungen für die Kinder

Verstärkt durch zwei externe Fachpersonen kümmert sich die Schulleitung um Ersatzlösungen für die Kinder und Jugendlichen. «Für die meisten konnte eine geeignete Lösung gefunden werden», sagt Andrea Weik, Vorsteherin des kantonalen Jugendamtes. Weniger als zwei Wochen vor Ende des Schuljahres sind aber noch viele Fragen offen. «Bei einigen wenigen ist die Lösung noch nicht definitiv, weil die Zusage der Nachfolgeorganisation oder die Einwilligung der Eltern noch aussteht», so Weik.

Die Mitarbeitenden werden bei der Suche nach einer neuen Arbeit ebenfalls unterstützt. «Viele haben bereits eine neue Stelle gefunden», so Weik. Ein Teil der Schlössli-Angestellten verfügt aber nur über eine anthroposophische Ausbildung, die von anderen Institutionen nicht anerkannt wird.

Ob die Institution eine Zukunft hat, ist derzeit noch völlig offen. Die Brüder Seiler haben mehrfach betont, man wolle ein neues Gesuch für eine Betriebsbewilligung einreichen und die Schule wieder aufbauen. Laut Andrea Weik haben im März zwar Gespräche mit Mitarbeitenden stattgefunden, die das Schlössli weiterführen wollten. Sie seien über den Bewilligungsprozess informiert worden. Seither sei jedoch diesbezüglich nichts mehr gelaufen. Sobald ein Gesuch eingehe, werde man dieses sorgfältig prüfen, sagt Weik.

«Unser Lebenswerk zerfällt»

Ueli Seiler glaubt jedoch nicht an die Offenheit des Kantons. «Seit einem halben Jahr versuchen wir, eine neue Bewilligung zu beantragen. Das Jugendamt hat dies jedoch bisher verhindert», sagt der ehemalige Schlössli-Leiter, der selber auf dem Schulgelände wohnt. Auf Details will er nicht eingehen. Klar ist nur: Bisher wurde keine neue Bewilligung beantragt. «Ich muss zusehen, wie unser Lebenswerk zerfällt», so der 72-Jährige. Aufgeben will er aber nicht. Ein neuer Vorstand des Trägervereins stehe bereit. «Es geht sicher weiter! Offen ist nur noch wie», sagt Seiler.

Die Stiftung Seiler muss für rund 20 Schul- und Wohngebäude, Werkstätten und landwirtschaftliche Einrichtungen neue Mieter finden. Dass die Heimschule wieder aufersteht, ist zumindest kurzfristig unwahrscheinlich. Über den aktuellen Stand der Suche gibt Ueli Seiler keine Auskunft.

Anker-Schule bleibt

Zumindest etwas Leben wird nach den Sommerferien aber auf jeden Fall ins Schlössli Ins zurückkehren. Die vor zwei Jahren gegründete Anker-Schule, eine Rudolf-Steiner-Schule mit Kindergarten sowie Unter- und Mittelstufe, ist in den Gebäuden eingemietet und arbeitete bisher eng mit dem Schlössli zusammen.

Die Jahresfeste wurden gemeinsam gefeiert, und die Anker-Schule konnte von der Infrastruktur des Schlössli profitieren. Trotz der Verbindung sagt Schulleiter Martin Ebling: «Die Schliessung des Schlössli hat für uns zunächst keine Folgen.» Die Anker-Schule könne einen Teil des Geländes weiter nutzen, der Schulbetrieb werde wie gewohnt fortgesetzt. (Der Bund)

Erstellt: 26.06.2014, 13:19 Uhr

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