Schiefes Licht auf das AKW Mühleberg – und seinen Direktor

Internationale Inspektoren stellen Mängel in Mühleberg fest – 20 Monate nach ihrem ersten Besuch. Im Visier ist speziell die Abteilung, die der AKW-Direktor früher leitete.

Der Rückstau bei den geplanten Anlageänderungen nicht kleiner geworden: Das AKW Mühleberg.

Der Rückstau bei den geplanten Anlageänderungen nicht kleiner geworden: Das AKW Mühleberg.

(Bild: Valérie Chételat)

Simon Thönen@SimonThoenen

Die beschriebene Szene würde man im Kommandoraum eines Atomkraftwerks nicht erwarten: Neben Computern standen Getränke. Angestellte, die nicht zum Team der Operateure gehörten, gingen ohne Erlaubnis ein und aus. Es gab keine Bemühungen, die Anzahl der Personen oder den Lärmpegel in der AKW-Kommandozentrale zu beschränken. «In zwei Fällen überwachte keiner der Operateure die Bildschirme und die für die Anlage kritischen Parameter, als sie dem Briefing zum Schichtwechsel beiwohnten oder diverse Gespräche führten.»

Die Szene beobachteten Inspektoren der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), als sie im Juni 2014 das AKW Mühleberg im Rahmen der sogenannten Osart-Mission ein zweites Mal besuchten. Was für sie «unangebrachte Verhaltensweisen im Hauptkontrollraum» sind, ist für die Betreiberin BKW kein Grund zur Sorge. Da die beobachteten Abweichungen «keine sicherheitstech­nische Bedeutung haben, werden keine weiteren Massnahmen abgeleitet», hielt die BKW auf ihrer Internetseite fest.

Die BKW publizierte den IAEA-Bericht gestern – also just nach der Debatte über den Atomausstieg im Nationalrat. Erstellt wurde er aber bereits Ende Oktober. Laut den Regeln müsse der Bericht erst nach 90 Tagen publiziert werden, erklärt BKW-Sprecherin Murielle Clerc auf Anfrage. Diese «Sperrfrist» habe die BKW eingehalten.

Selbstkontrolle im nuklearen Dorf

Die IAEA-Inspektionen sind eine freiwillige Selbstkontrolle innerhalb der globalen nuklearen Gemeinde. Entsprechend diplomatisch sind sie abgefasst. Im Konkreten hatten die Inspektoren bei ihrem ursprünglichen Besuch im Herbst 2012 aber massive Kritik an der Art und Weise geübt, wie Mühleberg betrieben wird. Im Juni 2014 inspizierten die Inspektoren das AKW erneut, um zu prüfen, wie ihre Empfehlungen umgesetzt wurden. Der gestern publizierte Bericht zeigt das Ergebnis der Nachkontrolle.

Demnach hat die BKW in den 20 Monaten seit der ersten Inspektion 52 Prozent der Empfehlungen und Vorschläge umgesetzt. Bei den restlichen 48 Prozent machte sie «zufriedenstellende Fortschritte», wie der Befund in der offiziellen IAEA-Sprache lautet. Was heisst dies konkret? Ursprünglich kritisierten die IAEA-Inspektoren zum Beispiel: Die Kraftwerkleitung sei im AKW zu wenig präsent. Auf einzelnen Schichten fehlten ausgebildete Feuerwehrleute. In Notfällen sei das Personal nicht genügend vor Verstrahlung geschützt. Oder: Die Arbeitssicherheit im AKW genüge «guten Industriestandards nicht».

In all diesen Punkten konstatierten die Inspektoren Verbesserungen – eine ab­schliessende Beurteilung sei aber noch nicht möglich. «Im Bereich Arbeits­sicherheit sind noch Aufgaben zu erledigen, um die Sicherheit der Arbeiter in der Anlage zu gewährleisten», halten sie etwa fest. In den 20 Monaten seit der ersten IAEA-Inspektion schaffte es die BKW nicht, eine lückenlose Einsatzorganisation für den Feuerwehr-Pikett zu organisieren – diese trat erst kurz nach der Nachkontrolle in Kraft.

Frühere Versäumnisse des Chefs?

Nach wie vor bestehen Mängel bei der Meldung und Analyse von Fehlern. Zudem ist der Rückstau bei den geplanten Anlageänderungen nicht kleiner geworden. «Immerhin hat das Werk herausgefunden, wer den Prozess aufhält», schreiben die Inspektoren. Es ist pikanterweise die Abteilung Elektrotechnik, welche der heutige Kraftwerksdirektor Martin Saxer früher geleitet hat.

«Damit stellt sich die Frage, ob er als Direktor geeignet ist», kritisiert Mühleberg-Gegner Jürg Joss. «Vor allem auch, weil er es in anderthalb Jahren nicht geschafft hat, die IAEA-Empfehlungen vollständig umzusetzen.» Die BKW weist dies zurück. «Wir sind überzeugt, dass Martin Saxer der richtige Mann für die Kernkraftwerksleitung ist», betont Sprecherin Clerc.

Gravierend sei in erster Linie, dass die Altersüberwachung von Gebäuden, Anlagen und Komponenten nur langsam vorankomme, findet Joss: «Alterung ist bei einem Altreaktor der grösste Unsicherheitsfaktor. Es ist unbegreiflich, dass die Atomaufsicht Ensi hier zuschaut.» Laut dem neuesten IAEA-Bericht werden die letzten Berichte zum «Alterungsmanagement» von Systemen und Komponenten 2016 vorliegen – also bloss drei Jahre vor der Abschaltung von Mühleberg 2019. Gemäss den IAEA-Inspektoren hat die Aufsicht Ensi diesen Zeitplan genehmigt.

Der Bund

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