Polizei will Notruflenkung verbessern

Ein neues Telefoniesystem soll ab Ende 2013 gewährleisten, dass Notrufe die Einsatzzentralen der Kantonspolizei Bern in jedem Fall erreichen – und die Polizei ihrerseits den Anrufer auch findet.

Die Einsatzzentralen der Kantonspolizei sind zwar rund um die Uhr besetzt, eine Garantie, dass Anrufe angenommen werden, gibt es aber nicht.

Die Einsatzzentralen der Kantonspolizei sind zwar rund um die Uhr besetzt, eine Garantie, dass Anrufe angenommen werden, gibt es aber nicht. Bild: Valérie Chételat

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Pro Jahr wählen 250 000 Personen im Kanton Bern die Notrufnummer 117. Ein Disponent der Kantonspolizei nimmt im Regelfall die Notrufe entgegen und koordiniert die nötigen Hilfemassnahmen. Nicht so am 8. Juli dieses Jahres. In jener Freitagnacht war die Regionale Einsatzzentrale Biel für mehrere Stunden unerreichbar. Eine Kaskade technischer Probleme hatte dazu geführt, dass während dreier Stunden 23 Notrufe ins Leere gingen.

Ein technischer K. o. - und das, obwohl die Leitungen der Kantonspolizei dreifach abgesichert sind. Ein solcher Totalausfall ereigne sich zwar «sehr selten», sagt Jürg Coray, Chef Technik der Kantonspolizei Bern. Ausgeschlossen sei er aber nicht. «Heute ist nur bedingt gewährleistet, dass Anrufe auf die Notrufnummer tatsächlich auch entgegengenommen werden.»

Eine neue Telefonielösung verspräche nicht nur, technisches Versagen wie im Fall Biel künftig zu verhindern, sondern auch einem anderen Problem – der unpräzisen Standortidentifikation von Mobilanrufern – zu begegnen. In Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei Zürich will die Kantonspolizei Bern nun die Verbesserung der Notruflenkung erwirken. Sie hat ein Pilotprojekt lanciert mit dem Ziel, bis Ende des nächsten Jahres ein flexibleres Anrufmanagement einzuführen.

Mehr Flexibilität angestrebt

Anstelle der heute statischen Lösung soll nach Vorstellung der Notruforganisationen eine sogenannt dynamische treten: Das heutige Telekommunikationsnetz ist so aufgebaut, dass der Anruf analog eines Autos im dichten Strassenverkehr versucht, auf vordefinierten Wegen im Rechnernetz zum Zielort zu gelangen. Gelingt dies nicht, weil die Strassen blockiert sind, kann der Anruf nicht durchgestellt werden.

Die Leitung ist dann entweder besetzt oder – wie im Bieler Fall – tot. «Die heutige Leitweglenkung der Notruftelefonie entspricht nicht mehr den technischen Bedürfnissen der Kantonspolizei», sagt Coray. «Sie ignoriert die Anforderungen, die an eine heutige Einsatzplanung gestellt werden.»

Anrufe priorisieren

Die Probleme, die sich aus einer solchen statischen Leitweglenkung ergeben, sind offensichtlich: Auf Überlastung oder Ausfall von Einsatzzentralen kann das System nicht reagieren. Anders bei der angestrebten dynamischen Leitweglenkung: Die Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung erschöpfen sich nicht in vorbestimmten Wegen. Wie der Name sagt, kann das Netz die Leitweglenkung dynamisch regeln. Anrufe werden, so sie beispielsweise bei der zuständigen Einsatzzentrale nicht angenommen werden, auf eine andere weitergeleitet.

«Ein solches System würde die Sicherheit und die Erreichbarkeit erhöhen», sagt Coray. Zudem könnten «planbare» Notrufe besser koordiniert werden. Bei einem Hochwasserereignis könnten beispielsweise alle Notrufe, die aus einer bestimmten Geländekammer eingehen, auf separate Arbeitsplätze umgeleitet werden. Das würde nicht nur der Entlastung der jeweiligen Einsatzzentrale dienen, sondern auch die Möglichkeit eröffnen, Anrufe zu priorisieren. Eine Option, die der Polizei heute nicht zur Verfügung steht.

Problematische Situationen

Mit der dynamischen Leitweglenkung könnte zudem dem Problem fehlgeleiteter Notrufe begegnet werden. Wählt ein Anrufer die Notrufnummer von seinem Mobiltelefon aus, kann der Standort des Anrufers heute unter Umständen nicht genau ausgemacht werden. Das kommt daher, da die Telecomanbieter Swisscom, Orange und Sunrise nur verpflichtet sind, sogenannte Zellinformationen und keine GPS-Daten zur Verfügung zu stellen: Der Standort des Anrufers kann dadurch nicht als eindeutiger Punkt, sondern nur als grossflächige Ellipse bestimmt werden.

Besonders im ländlichen Raum können sich dadurch für die Einsatzkräfte problematische Situationen ergeben, da die Ellipsen gut und gerne ein Gebiet von mehreren Kilometern umfassen. Ausserdem sorgen Interferenzen zwischen verschiedenen Mobilfunkantennen immer wieder für mehrere, örtlich unterschiedliche Standortangaben, wodurch unter Umständen Anrufe an nicht zuständige Einsatzzentralen fehlgeleitet werden.

Weitere Kantone interessiert

Dass ausgerechnet die Kantonspolizei Bern eine Verbesserung der Notruflenkung anstrebt, kommt nicht von ungefähr. An die Koordination von Polizei- und Rettungseinsätzen stellten sich im Kanton Bern aufgrund der Zweisprachigkeit und Grossflächigkeit besonders komplexe Anforderungen, sagt Coray. Allerdings stossen die Bemühungen der Berner auch in anderen Kantonen auf Interesse.

Nebst der Kantonspolizei Zürich unterstützt mehr als ein halbes Dutzend weiterer Polizeikorps der Innerschweiz und der Nordwestschweiz das Anliegen, ebenso die Feuerwehr Koordination Schweiz (FKS) und der Interverband für Rettungswesen (IVR). Die beiden Dachverbände möchten die Chancen, die die dynamische Leitweglenkung böte, auch für die Notrufnummern 118 und 144 nutzbar machen.

Technisch machbar

Abklärungen mit der Swisscom haben ergeben, dass eine dynamische Notruflenkung technisch durchaus möglich ist. Kritischer wird es aber bei der Finanzierung und der Frage, ob eine Nutzung der GPS-Daten rechtens ist. Heute gelten die Informationen als persönliche Daten. Abklärungen mit dem Bundesamt für Kommunikation Bakom haben gezeigt, dass für die Umsetzung mit einem sieben bis achtstelligen Betrag zu rechnen ist und die nötigen Vorschriften für eine GPS-Ortung derzeit fehlen.

Eine nationalrätliche Motion fordert zwar vom Bundesrat die Anpassung der Verordnung über Fernmeldedienste und der entsprechenden technischen und administrativen Vorschriften, um die dynamische Leitweglenkung und die GPS-Ortung durch Blaulichtorganisationen nutzbar zu machen, noch ist aber nicht entschieden, wie und ob eine solche erfolgen wird. Das Bakom will die Vorschriften im nächsten Jahr überarbeiten. (Der Bund)

Erstellt: 10.12.2012, 07:00 Uhr

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