Nein zum Tram – und wozu noch?

Köniz ist schon da, wo Ostermundigen gern wäre. Dennoch lässt sich das Nein zum Tram beiderorts als Nein zu einer Entwicklung lesen. Eine Betrachtung mit den Ex-Gemeindepräsidenten Henri Huber und Christian Zahler.

Henri Huber (links) an der sanierten Schwarzenburgstrasse in Köniz, und Christian Zahler an der sanierungsbedürftigen Bernstrasse in Ostermundigen.

Henri Huber (links) an der sanierten Schwarzenburgstrasse in Köniz, und Christian Zahler an der sanierungsbedürftigen Bernstrasse in Ostermundigen.

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Ist das nicht paradox? Da schiessen die neuen Häuser wie Pilze aus dem Boden, werden ganze Quartiere neu gebaut. Hochhäuser sollen bald als Symbol für das urbane Leben in den Himmel ragen. Und wer Arbeitsplätze nach Köniz oder Ostermundigen bringen will, darf mit einem warmen Empfang rechnen – nicht nur bei den Behörden, sondern auch beim Volk. Doch ausgerechnet jetzt leistet dieses Volk Widerstand. Ausgerechnet jetzt, wo es darum gegangen wäre, die ÖV-Hauptschlagader auszubauen, die die beiden Agglo-Gemeinden miteinander und mit Bern verbindet.

Natürlich sind die Gründe für die Ablehnung von Tram Region Bern verschieden und zum Teil von Eigen- und Spezial­interessen geprägt. Trotzdem stellt sich die Frage: Ist das Nein ein Zeichen dafür, dass es den Leuten in Köniz und Ostermundigen zu schnell geht?

Zahler sieht das Tram als Symbol

Einer, der das so sieht, ist Christian Zahler. «Ich spüre in Ostermundigen eine Skepsis gegenüber der Entwicklung», sagt er. Der SP-Mann war bis Ende 2012 Gemeindepräsident und hat in dieser Funktion jahrelang am Tramprojekt mitgearbeitet. Man spürt das zum Beispiel daran, dass er keine Kritik äussert am Projekt. Auch ist er sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, darüber zu spekulieren, was nun kommen könnte. «Ich bin davon ausgegangen, dass es ein knappes Resultat gibt», sagt er. «Aber es dünkte mich, dass es reichen sollte.»

Ostermundigen hätte besonders stark profitiert von den Nebeneffekten der neuen Tramlinie: neuer Bahnhof, neue Bernstrasse, neues Dorfzentrum – und das alles für nur 6,9 Millionen Franken mehr als die 21 Millionen Franken, die die Sanierung der Wasserleitungen unter der Bernstrasse sowieso kosten wird. Offenbar gewichteten Aussenstehende dies höher als die Ostermundiger selbst. Anders ist es nicht zu erklären, dass viele Beobachter vor der Abstimmung ein Nein aus Ostermundigen ausgeschlossen hatten.

«Das Geld spielte keine Rolle», sagt Zahler. «Projekte, die einem nicht passen, sind immer zu teuer.» Er glaubt, dass seine Gemeinde gegen das Tram als Symbol gestimmt hat. «Das Tram ist ein städtisches Verkehrsmittel», sagt er. «Es ist ein Symbol für die Entwicklung.» Mit «Entwicklung» meint Zahler Ostermundigens Bestreben, neue Häuser zu bauen und damit mehr und bessere Steuerzahler anzuziehen. Den Anfang machte vor rund zehn Jahren die Überbauung «Schmetterling», die Zahler im Blick hat, wenn er aus dem Fenster seines Wohnzimmers schaut. Viele Projekte später sind heute die Bauarbeiten im Oberfeld und in der Küntigrube im Gang, wo dereinst über 1000 neue Ostermundiger ein Zuhause finden sollen. «Die Leute, die schon lange hier leben, haben sich an den zögerlichen Fortschritt gewöhnt», sagt Zahler. «Sie glauben, dass wir im Moment eine besonders schnelle Entwicklung haben. Aber so ist es nicht. Es ist lediglich das, was wir brauchen, wenn wir uns kontinuierlich erneuern wollen.»

Wenn es tatsächlich so sein sollte, dass die Ostermundiger am Sonntag nicht nur gegen das Tramprojekt, sondern gegen das Fortschreiten an sich gestimmt haben, stellt sich die Frage, was das für die Zukunft bedeutet. Steht Ostermundigen nach zehn Jahren bereits wieder an einem Wendepunkt? So weit will Zahler nicht gehen. Noch seien schliesslich grosse Überbauungen wie das Oberfeld nicht abgeschlossen. «Aber was dann kommt, ist tatsächlich unsicher», sagt er. «Wir sind in einer heiklen Phase.» Einen weiteren Hinweis auf die Stimmung in Ostermundigen wird es wohl schon im nächsten Jahr geben: dann nämlich, wenn klar wird, ob die Bürger es gut finden, dass auf dem Bären-Areal ein 100 Meter hohes Hochhaus entstehen soll.

Huber outet sich als Gegner

An einem ganz anderen Punkt ist die Gemeinde Köniz. Die Entwicklung, die der Ostermundiger Gemeinderat sich wünscht, ist dort zum Teil bereits abgeschlossen. Trotzdem – oder deshalb? – wollen auch in Köniz die Bürger kein Tram auf der Linie 10.

Einer dieser Bürger ist Henri Huber. Der SP-Mann war bis Ende 2004 Gemeindepräsident. Im Gegensatz zu Zahler hat Huber nicht am Tramprojekt mitgearbeitet. Hubers Amtszeit endete 2004, noch bevor es lanciert wurde. Man spürt das zum Beispiel daran, dass er deutliche Kritik äussert am Projekt. Auch hält er sich nicht zurück, wenn es darum geht, darüber zu spekulieren, was nun kommen könnte. «Für mich war klar, dass es ein Nein geben wird», sagt er. «Ich habe es sogar noch deutlicher erwartet.»

Huber hat sich vor der Abstimmung kein einziges Mal zu Tram Region Bern geäussert. Er habe sich nicht gegen seine Parteikollegen stellen wollen, sagt er. Jetzt aber bekennt er sich zum Lager der Gegner: «Es gab gute Gründe, dieses Projekt abzulehnen.»

Huber glaubt nicht, dass das klare Nein in Köniz ein grundsätzliches Votum gegen weitere Entwicklung ist. Er sagt: «Die Leute wollen Entwicklung, aber nur am richtigen Ort. Das gilt auch für mich.» Huber kritisiert, dass mit dem Tram nicht nur auf dem stark belasteten Teil der Linie 10, im Liebefeld und in Köniz, sondern bis hinauf nach Schliern zusätzliche Kapazität und damit Druck auf noch unbebautes Land entstanden wäre. «Der Könizer Bevölkerung ist der Schutz des Kulturlandes sehr wichtig», sagt er. «Das Nein zum Tram war ein Entscheid gegen die Entwicklung ausserhalb des urbanen Teils von Köniz.»

Geht es nach Huber, ist es jetzt Zeit für einen grossen Wurf. Er nennt es eine «Vision»: den Bahnhof Köniz zum Knotenpunkt ausbauen, zwischen Köniz und Bern Züge im 10-Minuten-Takt verkehren lassen. Ab Köniz «Feinverteilung» mit Bussen nach ­Schliern und Schwarzenburg. Die ­S-Bahn nach Schwarzenburg aus Kostengründen aufgeben. Weiterhin ein Bus von Bern ins Liebefeld. Huber ist der Meinung, die Zäsur zwischen dem urbanen und dem ländlichen Köniz müsse sich auch im ÖV-Angebot widerspiegeln. «Wir dürfen die Aussenbezirke nicht zu attraktiv machen, sonst fördern wir die Zersiedlung.»

Der Unterschied

Huber und Zahler gehen also beide davon aus, dass das Nein zum Tram gegen eine bestimmte Entwicklung gerichtet ist. Der Unterschied: In Ostermundigen ist jene Form der Entwicklung gemeint, die in Köniz von vielen gewünscht und kaum bestritten ist. Köniz hat etwa seine Ortsdurchfahrt vor zehn Jahren saniert und Pionierarbeit geleistet, indem es sie von Fussgängerstreifen befreit und mit Tempo 30 belegt hat. Die Strasse nun schon wieder aufzureissen und womöglich die moderne Verkehrslösung aufzugeben, hätte vielen wehgetan.

Henri Huber sagt: «Das Tram ist in Köniz auch ein Opfer des falschen Zeitpunkts geworden.» Christian Zahler sagt: «Der Zeitpunkt für das Tram wäre in Ostermundigen besonders günstig gewesen.» Nein gesagt haben am Ende beide Gemeinden. (Der Bund)

Erstellt: 05.10.2014, 10:15 Uhr

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