Porträt

«Muslime sind die ersten Opfer der Islamisten»

Mohamed Hamdaoui wurde in eine algerische Tuareg-Familie geboren und kam mit drei Jahren in die Schweiz für eine Behandlung gegen Kinderlähmung. Heute setzt sich der Bieler Stadt- und Grossrat für die schweigende Mehrheit gut integrierter Muslime ein.

Der heutige Bieler SP-Stadtrat und Grossrat Mohamed Hamdaoui hängte vor drei Jahren seinen Job als Journalist an den Nagel,um Politik zu machen. Bild: Adrian Moser

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Mohamed Hamdaoui ist Journalist und Politiker. Manchmal trennt er es scharf, manchmal ist er beides gleichzeitig. Als im August der amerikanische Reporter James Foley von Terroristen des Islamischen Staats in Syrien enthauptet wurde und in Europa die islamophoben Emotionen hochgingen, musste er einfach zur Feder greifen – als Politiker, als Journalist, als Muslim und als Mensch.

Seine Kolumne mit dem Titel «Non, je n’ai pas tué James Foley» erschien Anfang September in der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» und hat Mohamed Hamdaoui zahlreiche Reaktionen eingebracht. Die Bundeshausfraktion der SP wollte seine Meinung hören, das Westschweizer Fernsehen hat ihn zur Sendung «Infrarouge» – dem Pendant zur «Arena» – eingeladen, und auf der Strasse gratulierten ihm wildfremde Leute zu seinem Mut. Auch negative Reaktionen hat es gegeben, doch darüber will Hamdaoui nicht sprechen, «um diesen Leuten keine Plattform zu geben».

Sein Text ist ein Manifest gegen das Schweigen der mehrheitlich gut integrierten Muslime in der Schweiz. Die ­Gemässigten müssten sich klarer von den im Namen des Islams begangenen Gräueltaten distanzieren, fordert Hamdaoui. Es ist aber vor allem ein zorniger Text, gegen das Schüren von Fremdenhass und Angst in der Schweiz, gegen Vorurteile und gegen Erwartungen, wonach sich Muslime ständig für etwas entschuldigen und rechtfertigen müssen, womit sie gar nichts zu tun haben. Die Kolumne schliesst mit dem Satz: «Ich habe James Foley nicht getötet. Ich hätte James Foley sein können.»

Freundin wurde enthauptet

«Oft sind die Muslime selber die ersten Opfer der Islamisten», sagt Mohamed Hamdaoui, in den islamischen Regionen, aber auch in den westlichen Migrationsländern. In Algerien musste er dies Ende der Achtzigerjahre auf brutale Weise selber erleben. Er hatte eine Beziehung zu einer jungen Frau, die später von Islamisten entführt wurde. «Man hat nur noch ihren Kopf gefunden», sagt Hamdaoui. Gerne erzählt er diese schreckliche Geschichte nicht. Doch sie hat ihn stark geprägt und erklärt sein vehementes Engagement gegen Intoleranz und ­religiösen Fanatismus.

Aktuelle Tendenzen bereiten Hamdaoui grosse Sorgen. Er sieht sich in die Zeit der Schwarzenbach-Initiativen zurück­versetzt, als in der Schweiz massiv Stimmung gegen Ausländer, ins­besondere Italiener, gemacht wurde. «Die Muslime von heute sind die Italiener von damals», sagt Hamdaoui. Wenn er sehe, wie angesichts der Fremdenfeindlichkeit junge muslimische Frauen sich in stolzem Trotz plötzlich verhüllten und isolierten, mache ihm das Angst.

Hamdaoui, der sich selber als «libertären Muslim» bezeichnet, prangert aber auch die Haltung gewisser Glaubensbrüder und -schwestern an. «Die Gesetze, die das Volk gemacht hat, stehen immer über jenen, die Gott gemacht hat», sagt er. Die Gleichwertigkeit von Mann und Frau zum Beispiel sei ein «absolut unantastbares Gut». Muslime, die das anders sehen, können ihn in Rage bringen. Als ein algerischer Pfleger in einem Spital der Region die Töchter seines krebskranken Onkels aus dem Zimmer schicken wollte, weil ihre Anwesenheit die sterbende Seele des Vaters beschmutzen würde, verwies Hamdaoui diesen selber unsanft vom Krankenbett.

Zwei Jahre in Schweizer Spital

Mohamed Hamdaoui lebt seit bald 50 Jahren in Biel. Als Dreijähriger war er von Terre des Hommes für eine Behandlung gegen Polio in die Schweiz geholt worden. In seinem Heimatland Algerien existierte damals keine adäquate ärztliche Versorgung. Zwei Jahre verbrachte er im Spital, noch heute hat er als Folge der Kinderlähmung Mühe mit dem Gehen und zieht ein Bein nach. Später wurden seine Eltern überzeugt, dass es für den kleinen Mohamed besser sei, in der Schweiz die Schulen zu besuchen. Er wurde von einer Pflegefamilie auf­genommen, besuchte ab und zu noch seine Familie, wollte aber nie mehr ganz zurück. Seit dem Jahr 2000 ist er schweizerisch-algerischer Doppelbürger.

Wo und wann er geboren wurde, wisse er nicht, sagt Hamdaoui. Seine ­Eltern gehören zum Volk der Tuareg und lebten damals nomadisch. In seinem Pass wurde später der Einfachheit halber der 1. Januar 1964 als Geburtsdatum angegeben. Mohamed Hamdaoui hat elf Geschwister, einen seiner Brüder kenne er nur über Facebook, erzählt er schmunzelnd. Sein Vater ist Koch, Muezzin und strenggläubiger Muslim. Doch Humor und Selbstironie schliesst das nicht aus. Bei einem Besuch seines Vaters in Biel sei ihm aufgefallen, dass dieser nicht gegen Mekka betete, erzählt Hamdaoui. Darauf angesprochen, habe sein Vater gesagt, er habe am Vortag ein Lokal mit hübschen Tänzerinnen besucht, daher bete er in deren Richtung.

Hamdaouis Nackt-Selfie

Auch Mohamed Hamdaoui fällt immer wieder durch seinen Schalk und Humor auf. «An dem Tag, an dem ich meinen Humor verliere, jage ich mir eine Kugel durch den Kopf», sagt er. Während der Affäre um Nationalrat Geri Müller hat er via Twitter ein komplett schwarzes Foto verbreitet und dazu geschrieben: «Ein Selfie von mir, nackt!» Auch Provokationen liegen ihm: Sehr zum Ärger seiner welschen Kollegen im Grossen Rat stimmte er im Juni gegen die Einführung von Hochdeutsch im Rathaus. «Ich wollte meine deutschsprachigen Kollegen nicht zwingen, sich in einer Sprache äussern zu müssen, in der sie sich nicht wohlfühlen», sagt Hamdaoui heute.

Arbeitslosigkeit war «Horror»

Mohamed Hamdaouis politische Karriere hat in letzter Zeit Fahrt aufgenommen. 2012 wurde er nach einer internen Krise zum Präsidenten der welschen SP von Biel gewählt. 2013 zog er in den Bieler Stadtrat ein, und ein Jahr später schaffte er auf Anhieb den Sprung in den Grossen Rat. Nun stehen die Nationalratswahlen an, und Hamdaoui hätte Interesse an einem Platz auf der Romands-Liste, die derzeit von der SP diskutiert wird. In der nationalen Politik kennt sich der studierte Soziologe und Anthropologe bereits bestens aus. Zwölf Jahre lang hat er für verschiedene Westschweizer Lokal­radios aus dem Bundeshaus berichtet.

Der Journalismus sei für ihn wie eine Berufung, sagt Hamdaoui. Dennoch hängte er den Job vor drei Jahren an den Nagel, um Politik machen zu können. Gleichzeitig heuerte er bei der Gewerkschaft Syndicom als Zentralsekretär und Verantwortlicher für Kommunikation an. Doch das ging nicht gut. «Journalismus und Kommunikation sind zwei verschiedene Dinge», musste Hamdaoui erfahren. Nach einem Jahr kündigte er und war daraufhin ein Jahr arbeitslos. Das sei für ihn «der Horror» gewesen. Doch auch aus dieser Erfahrung zieht er heute etwas Gutes: «Jetzt verstehe ich viel besser, was es heisst, mit wenig Geld und ohne Arbeit durchzukommen.»

Heute arbeitet Hamdaoui wieder als Journalist, bei der Wochenzeitung «Biel Bienne». Für einen Lokalpolitiker ist dies eine heikle Kombination, dessen ist er sich bewusst. Er gibt sich aber überzeugt, dass er beide Funktionen trennen könne. Bei seiner Arbeit sei er «total neutral» und schreibe nicht über die Stadtpolitik. Wenn jedoch die Muslime wieder als Sündenböcke herhalten müssen, dann wird er sicher jede Zurückhaltung ablegen und erneut engagiert zur Feder greifen. (Der Bund)

Erstellt: 26.09.2014, 12:41 Uhr

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