Meister lässt die Argumente sprechen

Gabriela Meister will als Vorsteherin des Sicherheitsdepartements den Sprung ins Gemeindepräsidium von Ittigen schaffen. 
Gäbe es keine Konkurrenz um das Amt, wäre dies ein «Armutszeugnis» für die Gemeinde, sagt die 45-jährige Anwältin.

«Dass man mich nur wählt, weil ich eine Frau bin, wäre mein grösstes Gräuel»: Gabriela Meister (SP).

«Dass man mich nur wählt, weil ich eine Frau bin, wäre mein grösstes Gräuel»: Gabriela Meister (SP).

(Bild: Adrian Moser)

Matthias Raaflaub

Die Schilder sind erst seit kurzem aufgestellt. Die Tempo-30-Zone im Kappelis­acker ist für Gabriela Meister das erste Geschäft, das sie von der Planung bis zur Ausführung geführt hat, ihr Einstand als Vorsteherin des Sicherheitsdepartements gewissermassen. Seit Anfang 2013 sitzt die 45-Jährige nun im Ittiger Gemeinderat. Meister hat dabei einiges gelernt: «Was es alles braucht, um eine solche 30er-Zone umzusetzen, hätte ich mir nie vorgestellt», sagt sie.

Mit dem Festlegen des Strassenabschnitts und einigen baulichen Massnahmen war es längst nicht getan. Es gab Gutachten und Analysen, Meister musste mit dem Kanton über Fussgängerstreifen verhandeln, die es in so einer Zone eigentlich nicht geben sollte. «Die Kappelisackerstrasse ist die komplizierteste Tempo-30-Zone, die wir in Ittigen je hatten», sagt sie.

Jetzt kandidiert sie für die SP für die Nachfolge von Beat Giauque, der im März abtritt. Ihre grosse Herausforderung im Rennen ums Gemeindepräsidium ist die Ablösung der BVI-Vorherrschaft. Auch wenn Meister betont, dass es bei der Wahl am 2. November um Personen und nicht um das Parteibuch gehe, startet jede Kandidatur gegen die Bürgervereinigung Ittigen aus einer Aussenseiterposition. Dass Meister kandidiert, begründet sie mit deutlichen Worten: «Die Bevölkerung muss eine Wahl haben.» In 18 Jahren wurde Gemeindepräsident Giauque nur einmal herausgefordert. «Es wäre ein Armutszeugnis, würde man das jetzt frei werdende Amt in stiller Wahl besetzen», sagt Meister.

Verhandlungen mit der Polizei

Mit dem Ziel Gemeindepräsidium ist sie nicht in den Gemeinderat gekommen. Das Departement Sicherheit hat sie nach ihrer Wahl vor zwei Jahren mehr oder weniger übernehmen müssen. Es sei klar, dass die BVI Anspruch auf Planung und Finanzen erhoben habe. Tauschen möchte sie heute nicht mehr. Mittlerweile hat sie mit der Kantonspolizei einen Ressourcenvertrag ausgehandelt und nach langem Widerstand des Kantons erreicht, dass die Gemeinde Ittigen wohl bald Radarkontrollen zusammen mit Ostermundigen durchführen darf.

Respekt für die Vermittlerin

Der Weg in die Politik war kein Resultat von Karriereplanung. Erstmals schnupperte Meister Politluft, als sie nach ihrem Jus-Studium zwei Jahre lang persönliche Mitarbeiterin des früheren Thuner Stadtpräsidenten Hansueli von Allmen war. Seit 12 Jahren arbeitet sie als Anwältin, spezialisiert auf Kinder- und Familien­recht, Opferhilfe sowie Arbeitsrecht. Sie ist verheiratet und Mutter eines Sohns. In Ittigen nahm sie Ende der 1990er-Jahre in der Kindergartenkommission Einsitz, dann politisierte sie mehrere Jahre in der Oberstufen- und der Planungskommission.

Wer mit Meister zusammengearbeitet hat, rühmt sie für ihre Dossierkenntnis und ihre an der Sache orientierte Politik. «Sie ist immer sehr gut vorbereitet. Das kommt wohl aus ihrer Arbeit als Anwältin», sagt Urs Loosli, Co-Präsident der SP Ittigen. Bei einem früheren BVI-Mitglied der Planungskommission tönt es ähnlich. Meister sei eine an der Sache orientierte Politikerin. Respekt verschafft hat sie sich auch mit ihrer Art, auf Gegenpositionen zu reagieren. Sie sucht nicht den Konflikt, sondern die offene Diskussion. Das Austauschen der besten Argumente mache ihr Spass, sagt sie. «Ich suche lieber nach Lösungen, als parteiisch zu sein.»

Das ist Meister, die Mediatorin: Ihre politischen Positionen orientieren sich nicht an Ideologien. Sie sieht die Dinge oft grundsätzlich. Kämpfte sie mit einer Gemeinde­initiative erfolgreich für einen zweijährigen Kindergarten, so ging es um gleiche Regeln und Chancen für alle Eltern in der Gemeinde. Propagierte sie ein Gemeindeparlament, so trieben sie staatspolitische Bedenken an. Meister konstatiert in Ittigen ein «grosses Macht­ungleichgewicht» zwischen dem Gemeinderat und der Gemeindeversammlung. «Es gibt keine öffentliche politische Diskussion in Ittigen. Es fehlt eine Plattform, wo man Themen aufbringen und diskutieren kann», sagt sie. Die Einführung eines Parlaments wurde 2011 an der Urne wuchtig abgelehnt.

Ihr direkter Konkurrent bei den Wahlen, BVI-Kandidat Marco Rupp, kennt Meister gut. Die beiden Familien sind eng befreundet. Auf Meister angesprochen, sagt Rupp lachend: «Ich würde mich freuen, künftig mit ihr zusammenzuarbeiten.»

Die 80-Prozent-Kandidatin

Und wenn es anders kommt – was würde Meister als Gemeindepräsidentin besser machen als ihr Vorgänger? Die Antwort ist typisch Meister: Dass sie es besser machen würde, wolle sie nicht behaupten. «Anders.» Neu für Ittigen war denn auch ihre Ankündigung, dass sie das Gemeindepräsidium nicht im Vollzeitpensum übernehmen werde. Bereits bei der Nomination in der Partei hat sie dies klargemacht. Damit hat sie in Ittigen einiges ausgelöst. Es wäre das erste Mal, dass das Gemeindepräsidium nicht mit 100 Prozent ausgefüllt würde. Die Frage des Pensums könnte bei der Wahl mitentscheidend sein. Um dieses Risiko weiss Meister. Aber sie sagt: «Ich stehe dazu, ob es mir nun nützt oder schadet.» Vielleicht sei sie naiv, so zu denken.

Kein Nebenamt – voll sichtbar

Meister begründet das Teilzeitpensum auch damit, dass sie als Gemeindepräsidentin nicht nur am Bürotisch sitzen, sondern auch Teil des Dorflebens sein will. «Ich bin sichtbar in Ittigen. Ich verbringe meine Freizeit hier oder gehe mit dem Velo zum Einkaufen.» Das sei für sie auch «ein Stück Freiheit». Ausserdem habe sie im Gegensatz zu Beat Giauque kein Nebenamt. Kritiker sagen hinter vorgehaltener Hand, Giauque sei mit seinen Nebenämtern im Grossen Rat und der Regionalkonferenz Bern-Mittelland, als beschäftigter Stiftungs- oder Verwaltungsrat, nicht mehr oft auf der Strasse anzutreffen gewesen. Meister will ihm das nicht ankreiden. «Beat Giauque hat auf kantonaler und eidgenössischer Ebene Beziehungen aufgebaut und die Gemeinde damit stark vernetzt.» Für ­Ittigen sei dies durchaus vorteilhaft. Die Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden ist auch Meister wichtig. Sie ist Mitglied des Vereins Bern neu gründen.

Gelingt ihr die Wahl, wäre sie die erste Gemeindepräsidentin Ittigens seit der Trennung von Bolligen und Ostermundigen vor 32 Jahren. Das Geschlecht spielte für sie bei der Kandidatur für die SP keine Rolle. «Diese Frage sollte sich Jahr 2014 nicht mehr stellen», findet Meister. «Dass man mich nur wählt, weil ich eine Frau bin, wäre mein grösster Gräuel.»

Der «Bund» porträtiert im Oktober alle drei Kandidierenden für das Gemeindepräsidium von Ittigen. Die Wahl findet am 2. November statt.

Der Bund

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