Leute, die nicht alles an die grosse Glocke hängen

In Eggiwil lebe es sich etwas anders, findet der Gemeindeschreiber. Tatsächlich hält die Gemeinde drei nationale Rekorde.

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Über die hölzerne Horbenbrücke und die Dörflibrücke gelangt man zum Dorfkern der Gemeinde Eggiwil - Erstere ist die einzige Brücke im Emmental, die dem Hochwasser von 1837 standhielt. In der Dorfmitte steht das Wirtshaus Bären. In der Dorfbäckerei treffen sich ein paar Frauen, tauschen Neuigkeiten aus.

Auf der Gemeindeverwaltung arbeitet Gemeindeschreiber Stefan Ruch. Man lebe hier etwas anders, sagt er und lächelt. «Vielleicht gemächlicher, etwas gelassener, einfach anders», sagt er. «Die Emmentaler sind Leute, die nicht alles an die grosse Glocke hängen.» So gehen Ruch und Gemeindepräsident Niklaus Rüegsegger (SVP) auch gelassen mit der Tatsache um, dass Eggiwil gleich drei nationale Rekorde aufweist.

Mehr Kühe als Einwohner

Mit 56 256 Franken Jahresdurchschnittseinkommen pro Kopf ist Eggiwil die einkommensschwächste Gemeinde der Schweiz mit über 2000 Einwohnern. Gemäss den neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik (2011) ist Eggiwil auch jene Gemeinde, die den kleinsten Ausländeranteil aufweist. Von 2419 Einwohnern sind 39 Ausländer. Gerade einmal 1,6 Prozent machen sie aus.

Dafür zählt die Gemeinde mehr Kühe (2523) als Einwohner, wie das Wochenmagazin «L’Hebdo» kürzlich schrieb. Zum Vergleich: Den grössten Ausländeranteil mit 61,7 Prozent zählt die Gemeinde Leysin VD; die einkommensstärkste Gemeinde ist Wollerau SZ mit einem Durchschnittseinkommen von 326801 Franken; überhaupt keine Kühe gibt es etwa in Lausanne, Siders Zürich, Basel und Bellinzona.

Das tiefe Einkommen sei durch die ländliche Struktur bedingt, sagt Rüegsegger. «Wir sagen gäng, wir sind nicht arm. Wir sind mit dem, was wir haben, zufrieden.» Die meisten Einwohner leben von der Landwirtschaft, 225 Betriebe liegen in der flächenmässig zweitgrössten Emmentaler Gemeinde. Nebenjobs finden die Bauern in den 75 Kleinbetrieben oder in der Gastronomie. In Eggiwil werden Alphörner hergestellt. Rund 50 Prozent des Trinkwassers für die Stadt Bern stammen aus der Fassungsanlage Aeschau.

Die ersten Ausländer seien in den 1960er-Jahren gekommen, als die Bautätigkeit in der Region gross war. Dennoch sei Eggiwil für Ausländer wohl nicht so attraktiv, sagt Rüegsegger, der in Bern arbeitet. «Und dies, obwohl die Verbindungen nach Bern oder Thun nicht schlecht sind.»

Alle sieben Eggiwiler Gemeinderäte gehören der SVP an. «Dies hängt aber vor allem damit zusammen, dass die SVP die einzige Partei ist, die als Ortspartei organisiert ist», sagt Ruch. (Der Bund)

Erstellt: 26.08.2013, 15:48 Uhr

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