Kuhglockengebimmel raubt Anwohnern den Schlaf

In Kaufdorf liegen Anwohner mit einem Landwirt im Clinch. Sie können nicht schlafen, weil die Kühe des Bauern auf der nahen Wiese mit ihren Glocken bimmeln.

Kühe mit Glocken stören in Kaufdorf immer wieder die Nachtruhe.

Kühe mit Glocken stören in Kaufdorf immer wieder die Nachtruhe. Bild: Adrian Moser

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Es kann einem den letzten Nerv ausreissen: Wenn die Kühe grasen, hört man die Glocken. Wenn sie auf der Weide hin und her laufen, sowieso. Und selbst wenn sie am Boden liegen, bimmelt es. Denn auch beim Wiederkäuen bewegen die Tiere ihren Hals. Und dann gibt es Glocken und Glocken. Eine Schelle wird vom menschlichen Ohr nicht gleich wahrgenommen wie eine Treichel. Vor allem die hohen Töne können einen schier zur Verzweiflung treiben, sodass sich die oder der Geplagte bis in die frühen Morgenstunden im Bett hin und her wälzt. In Kaufdorf kann man ein Lied davon singen. «Trotz Ohrenstöpseln haben die Anwohner schlaflose Nächte», sagt Gemeindepräsident Martin Meyer (SP). Für den Schlaf sei es nicht erbaulich, wenn sich die Kühe acht bis zehn Meter vom Schlafzimmerfenster entfernt aufhalten, sagt ein Anwohner auf Anfrage.

Das Problem mit dem Kuhglockengebimmel ist in der Gürbetaler Gemeinde schon seit gut einem Jahrzehnt latent. Bisher konnten sich Anwohner und Bauer nicht einigen. Daher ist der Fall kürzlich im Gemeinderat Thema gewesen. Ein Machtwort hat dieser aber nicht gesprochen. «Da es sich um eine privatrechtliche Angelegenheit handelt, sind wir nicht dafür zuständig», sagt Gemeindepräsident Meyer. Nichtsdestotrotz will der Gemeinderat zwischen den Parteien vermitteln. Sie sollen an einen Tisch gebracht werden. Beide Seiten müssten versuchen, sich einzuschränken, sagt Meyer. Er geht aber davon aus, dass die Lösungssuche nicht einfach wird. «Bei solchen Angelegenheiten wird es rasch schwierig, emotionslos zu bleiben.»

Gemäss Bundesgericht «lästig»

Die rechtliche Situation ist allerdings klar: In der Nähe von Wohnquartieren ist es verboten, dem Vieh von 20 Uhr bis 7 Uhr «Treicheln, Schellen oder Glocken anderer Art» umzuhängen. Dies hat das Bundesgericht bereits in einem Urteil aus dem Jahr 1975 zu einem konkreten Fall aus dem Appenzellerland festgehalten. Die Richter stuften die ungestörte Nachtruhe als ein «erheblich schutzwürdiges Gut» für die Gesundheit der Menschen ein. Das nächtliche Bimmeln von Kuhglocken sei «lästig» und stelle gerade in einem Dorf «eine wesentliche Störung der Nachtruhe» dar.

IG kämpft gegen Glockengeläut

Dass Anwohner unter dem Gebimmel der Kuhglocken leiden, ist also kein neues Phänomen. In der Schweiz hat sich die sogenannte IG Stiller dem Problem angenommen. Sie wehrt sich hauptsächlich gegen das nächtliche Läuten von Kirchenglocken. «Im Siedlungsgebiet muss nachts auf Herdengeläut verzichtet werden», fordert die Interessengemeinschaft denn auch, wie auf ihrer Internetseite geschrieben steht. Zudem findet man dort einen Leitfaden, wie Geplagte vorgehen sollen: Zuerst wird ihnen geraten, mit dem Bauer das Gespräch zu suchen und ihn auf das Bundesgerichtsurteil aufmerksam zu machen. Wenn das nicht fruchte, solle man bei der Gemeinde vorstellig werden, denn diese sei für die Umsetzung der Lärmschutzverordnung zuständig. Als Ultima Ratio empfiehlt die IG Stiller, eine Anzeige einzureichen.

In Kaufdorf haben die Anwohner ihr Ziel trotz Gesprächen mit dem Bauern und der Einschaltung des Gemeinderats bisher nicht erreicht. Ob sie allenfalls den juristischen Weg einschlagen werden, ist offen. Sie wollten gestern gegenüber dem «Bund» keine Stellungnahme abgeben. Auch der betroffene Bauer mochte sich zum Fall nicht äussern.

Auch bei Bauern umstritten

Warum aber schickt ein Landwirt seine Kühe überhaupt nachts auf die Weide und hängt ihnen Glocken um den Hals? «Im Sommer ist es den Kühen tagsüber zu heiss. Zudem werden sie von Insekten geplagt», sagt Andreas Wyss, Geschäftsführer des Berner Bauernverbands Lobag. Die Glocken seien eine Art «Überwachungsinstrument». Wenn die Tiere ausbrechen, wisse man, wo sie seien.

Es gibt aber auch Landwirte, die per se auf Glocken verzichten. Gemäss Wyss ist es für die einen umständlich, den Kühen stets die Glocken umzuhängen und abzunehmen. Für die anderen gehören die Glocken hingegen einfach dazu, wenn die Kühe auf die Weide gelassen werden. «Das ist etwa die gleiche Diskussion, wie wir sie bei den Kuhhörnern führen.»

Falls es Konflikte mit Anwohnern gebe, gelte es grundsätzlich, den Dialog zu suchen, sagt Wyss weiter. «Wenn man sich die Zeit dafür nimmt, wächst das Verständnis, und man kann wieder ­ruhig schlafen.» (Der Bund)

Erstellt: 10.07.2014, 06:43 Uhr

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