Kandidatur mit voller Hingabe

Jonathan Gimmel (SP) will Worb aus der «Misere» führen und das «politische Hickhack» beenden. Er sieht seine Gemeindepräsidentenkandidatur als «Gebot der Stunde».

Jonathan Gimmel möchte die Weichen für ein «geeintes Worb» stellen. Bild: Valérie Chételat

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Als er vor 20 Jahren den Sprung in die Gemeindepolitik suchte, scheiterte er – um dann, zwei Jahre später, erst recht von sich reden zu machen. Nach sieben Jahren als Finanzvorsteher strebt der 41-jährige Jonathan Gimmel jetzt nach der Krönung seines bisherigen politischen Schaffens und kandidiert für das Amt des Gemeindepräsidenten. Weil er wisse, was Worb brauche, sagt er. Weil er in sich den feu sacré verspüre. Und weil Politik die Kunst sei, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun: weder zu früh noch zu spät, sondern dann, wenn es nötig sei.

Jüngster Parlamentspräsident

Dass diese Kunst dann und wann Geduld abverlangt, musste Gimmel erkennen, noch bevor er überhaupt die ersten Schritte auf dem Politparkett machen konnte: 1992 kandidierte er auf der Liste der Freien Wähler für das Gemeindeparlament, verpasste aber die Wahl. Erst als Ersatzmann durfte er zwei Jahre später seine politische Tätigkeit aufnehmen. Einmal im Grossen Gemeinderat, zog Gimmel aber sogleich die Aufmerksamkeit auf sich – als Ausnahmeerscheinung: Mit seinen 24 Jahren war er jüngstes Parlamentsmitglied überhaupt.

Dank eines politischen Eklats eröffnete sich Gimmel 1998 eine weitere Chance, die Politleiter emporzusteigen: Ausgerechnet an der Jubiläumsfeier zum 25-jährigen Bestehen des Grossen Gemeinderats wurde der designierte zweite Vizepräsident wegen «mangelnden Stils» und «fehlenden Respekts» von den Parteien aus dem Ratsbüro abgewählt. Im Beisein der geladenen Gäste wurde anstelle seiner Gimmel gewählt. Dank dieser unverhofften Rochade wurde er im Jahr 2000 mit 28 Jahren nicht nur jüngster Worber Parlamentspräsident aller Zeiten, sondern auch jüngster Parlamentspräsident in der Geschichte des Kantons Bern.

Er fordert «Freude an der Sache»

Verantwortungsvolles Handeln sei nicht eine Frage des Alters, sondern der Ernsthaftigkeit des Engagements, gab Gimmel damals zu bedenken. Eine Ansicht, die er heute, als Departementsvorsteher Finanzen, noch immer vertritt. Er fordert von sich und seinen Mitstreitern «volle Hingabe» und «Freude an der Sache». Unterstützer und Weggefährten beschreiben ihn als einen, der anpackt. Nicht in Hauruck-Manier, sondern wohlüberlegt. Laut SP-Parteipräsidentin Sandra Büchel hat Gimmel «Herz und Verstand», FDP-Fraktionschef Ueli Emch attestierte ihm wiederholt «sorgfältiges und umsichtiges Handeln».

Einer, der gerne erklärt

Allerdings haftet dem 41-Jährigen im Dorf auch der Ruf an, er sei belehrend, zuweilen arrogant. Er erkläre halt gerne, sagt Gimmel. Aber er versuche dabei stets, nicht überheblich zu wirken. Seine Kinder hätten ihn in den letzten Jahren selbstkritischer werden lassen. Er selbst sieht sich als «visionärer Macher». Nebst seinem politischen Mandat engagiert er sich als Vizepräsident im Stiftungsrat des Kunstmuseums Bern, im Verwaltungsrat des Sportzentrums Wislepark, ist Präsident des Verbands Kinder- und Jugendarbeit Kanton Bern und steht dem Trägerverein offene Jugendarbeit Worb vor. Beruflich ist Gimmel seit 1990 in verschiedenen Funktionen bei der Präsidialdirektion der Stadt Bern tätig. Zuerst als Sachbearbeiter in der Kulturförderung, später als Stabsmitarbeiter und seit 2001 als Adjunkt und stellvertretender Leiter Personal, Finanzen und Berufsbildung.

Dass er jetzt sein Büro vom Erlacherhof in die Worber Gemeindeverwaltung verlegen will, ist für Gimmel seinem Credo getreu eine Frage des richtigen Zeitpunkts: quasi ein Gebot der Stunde. Worb befinde sich in einer «Misere».

Die Ortsplanungsrevision wurde an der Urne verworfen, nachdem zuvor ein juristischer Streit darüber entbrannt war, ob die Abstimmungsbotschaft rechtens sei. Das Überbauungsprojekt Dreiklang geriet in den letzten zwei Jahren ins Stocken – das Bietverfahren dauert mittlerweile bereits 20 Monate. Die 70 Millionen Franken teure Verkehrssanierung drohte gar ganz auf der Strecke zu bleiben, weil sich Gemeinderat und Grundeigentümer in den Landverhandlungen nicht einigen konnten. Stattdessen entfachte sich auch hier ein juristischer Streit. Gimmel lastet die verfahrene Situation seinem direkten Kontrahenten an: dem amtierenden Gemeindepräsidenten Niklaus Gfeller (EVP). Er sei zu wenig entscheidungsfreudig, verfüge weder über den nötigen Rückhalt in der Gemeinde noch über genügend Visionen oder Verhandlungs- und Führungsgeschick.

«Topdestination» Worb stärken

Das «politische Hickhack» müsse beendet, das Vertrauen innerhalb der Behörde und in diese zurückgewonnen werden. «Wenn Probleme eintreffen, muss man sich an einen Tisch setzen, um die Ziele zu erreichen.» Die Ortsplanung sei ein Paradebeispiel dafür, wie man nicht vorgehen dürfe. Worb habe sich eine «Vendetta mit dem Regierungsstatthalter» geliefert und die Spielregeln zwei Minuten vor 12 Uhr noch geändert. «Das kann nicht gutkommen.» Worb sei eine «Topdestination» betreffend Wohnen, Freizeit und Verkehr. «Diese gilt es zu stärken und besonders die Chancen in den Bereichen Arbeit und Umwelt zu nutzen. Deshalb auch meine Kandidatur.»

«Ausserordentliche Situation»

Nicht nur seine eigene Partei, die SP, sondern auch FDP, SVP und das Worber Gewerbe setzen in Gimmel grosse Hoffnungen. Freisinn und Bürgerliche unterstützen Gimmels Kandidatur nicht nur, vier der fünf Gemeinderatskollegen bekannten sich sogar öffentlich dazu, dass sie Gimmel statt Gfeller den Vorrang geben – weil sie überzeugt sind, dass Gimmel der Gemeindepräsident ist, «den wir für ein starkes Worb brauchen». Angst, dass er den hohen Erwartungen, die an ihn gestellt werden, nicht genügen könnte, hat dieser nicht. Aber: «Mir ist die ausserordentliche Situation sehr wohl bewusst.» Mit einem starken Team im Gemeinderat und glaubwürdiger, transparenter Führungsarbeit werde es aber gelingen, den hohen Erwartungen gerecht zu werden, sagt Gimmel.

Jonathan Gimmel möchte die Weichen für ein «geeintes Worb» stellen. Foto: Valérie Chételat (Der Bund)

Erstellt: 12.11.2012, 10:23 Uhr

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