«In meinem Kopf, da war der Schalter plötzlich umgestellt»

Thomas Lengacher liess sich die Heroinsucht im Schlaf wegtherapieren. Die Methode wird in Interlaken getestet.

Für Thomas Lengacher war die Behandlung die letzte Hoffnung.

Für Thomas Lengacher war die Behandlung die letzte Hoffnung. Bild: Valérie Chételat

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Ausgelaugt, kaputt. Die Arme und Beine wie aus Blei. So sei er aus der vierstündigen Narkose aufgewacht, sagt Thomas Lengacher. «Aber in meinem Kopf, da war der Schalter plötzlich umgestellt. Das Reissen war weg.» Das Verlangen nach der nächsten Dosis Heroin. Der Drang, der ihn wie mit «Scheuklappen durchs Leben gehen» liess. «Ich war 25 Jahre lang drauf.»

Lengacher bezeichnet sich als Kämpfer. Er hat gearbeitet, als Beifahrer eines Ambulanzfahrzeugs, als Schichtarbeiter. Er hat als gelernter Plattenleger ein eigenes Geschäft geführt, er hat ein Haus gekauft, geheiratet, sich scheiden lassen, er ist Vater einer Tochter und eines Sohns. Und er war immer drauf. «Ich habe ein Doppelleben geführt. Irgendwann wurde ich müde. Ich habe mein ganzes Geld vergiftet. Ich war mager, krank und süchtig. Diese Behandlung war meine letzte Hoffnung.»

Das war vor einem Jahr. Mittlerweile sind zwölf weitere Schweizer Patienten mit der Accelerated Neuroregulation, der ANR-Methode (siehe Kasten), behandelt worden. Am Spital Interlaken. Dorthin gebracht hat sie Daniel Beutler, Allgemeinmediziner mit einer Praxis in Mühleturnen und auch Hausarzt von Lengacher. Beutler sagt, er habe über einen Zeitungsartikel erstmals von der Methode gelesen. Diese ist vom israelischen Arzt André Waismann entwickelt worden, um Soldaten nach Kriegseinsätzen von ihrer Sucht nach opiathaltigen Schmerzmitteln zu therapieren. 18'000 Abhängige hat Waismann gemäss seiner Homepage bereits erfolgreich behandelt. Die staatliche Heroin- und Methadonabgabe hält er für ein «Vergehen gegen den Patienten», die Therapie im Rehabilitationszentrum als eine, die «im besten Fall ein langes und qualvolles Entzugssyndrom» zur Folge hat.

Keine feuchten Hände mehr

Beutler, anfangs skeptisch, sagt heute: «An der Methode ist mehr als etwas dran. Sie ist einfach überzeugend.» Überzeugt hätten ihn vor allem die Patientenberichte und die Tatsache, dass ehemalige Heroinkonsumenten nach der ANR-Methode keinerlei vegetative Reaktionen mehr gezeigt hätten. «Normalerweise bekommen ehemalige Konsumenten auch nach Jahren unwillentlich feuchte Hände, wenn sie Stoff sehen. Nach der ANR-Methode passiert das nicht mehr.» So begleitete Beutler im Mai vergangenen Jahres zwei seiner Patienten, darunter Thomas Lengacher, nach Israel, wo sie behandelt wurden.

Für Lengacher, der sich vor dem Abflug auf der Flughafentoilette die letzte Linie Heroin in die Nase zog, ist Waismann ein Künstler. Am zweiten Tag nach der Operation habe er sich an den Strand geschleppt. «Wir sassen da, im Sand, und schauten aufs Meer. Plötzlich war alles so nah. Plötzlich hatte das Essen einen Geschmack. Plötzlich war Spazierengehen ein Erlebnis.» Noch nimmt Lengacher Tabletten, die seine Opiatrezeptoren im Gehirn regulieren. Bald wird er sie absetzen. Er arbeitet wieder, ist stellvertretender Abteilungsleiter in einem Baumarkt.

Zwei von 14 Patienten rückfällig

Ein halbes Jahr nach Lengachers Behandlung wurde die ANR-Methode erstmals am Spital Interlaken an sieben Patienten durchgeführt, unter der Leitung von Patricia Manndorff, Chefärztin für Anästhesie und Intensivmedizin, und unter Supervision von Waismann. Im März dieses Jahres liessen sich fünf weitere Patienten im Schlaf von ihrer Sucht befreien. «Wir waren anfangs sehr skeptisch, weil ähnliche Methoden als unseriös gelten», sagt auch Manndorff.

Auch sie liess sich durch «eingehende Gespräche» mit Waismann und mit Patienten überzeugen. «Erstaunlich war, dass nach der Behandlung alle einstimmig berichteten, keinerlei Lust auf erneuten Methadon- oder Heroinkonsum zu haben», sagt Manndorff. Zwar seien zwei der insgesamt 14 Patienten mittlerweile wieder rückfällig geworden. Einer habe das Medikament Naltrexon frühzeitig und von sich aus abgesetzt, ein anderer sei beruflich überfordert gewesen und habe sich zu wenig Ruhezeit nach der Behandlung gegönnt.

Methode «ethisch bedenklich»

Robert Hämmig, leitender Arzt Schwerpunkt Sucht an den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin, hält die ANR-Methode für ein «experimentelles Verfahren, das ethisch bedenklich ist». Es sei fragwürdig, wenn den Patienten Geld abgeknüpft würde mit dem Heilsversprechen, sie würden von ihrer Sucht geheilt. Die Operation kostet nämlich über 10 000 Franken. Insbesondere bemängelt Hämmig, dass keine saubere Studie dahinterstecke. Tatsächlich liegen keine Studien zur ANR-Methode vor.

Hier möchten Manndorff und ihr Team ansetzen. Ziel sei es, eine Registeruntersuchung mit 100 bis 200 Patienten durchzuführen. So sollen bald statistische Aussagen zur Methode gemacht werden können. Zum Vorwurf der fehlenden Daten sagt Beutler, Waismann habe am Barzilai-Hospital als Chefarzt keine Studie gebraucht, um seine Arbeit zu legitimieren. Die Registerbeobachtung ist für ihn nämlich nur noch eine Formsache. Die 14 Patienten hätten bereits den Beweis erbracht, dass die Regulations-Methode funktioniere.

Thomas Lengacher sagt, er habe Glück gehabt. «Man muss jemanden haben, der einen unterstützt.» Ihm haben seine Freundin und seine Eltern geholfen. Und er hat Hobbys gefunden: Wenn immer möglich gehe er in die Berge wandern, koche oder baue Legotechnik. (Der Bund)

Erstellt: 28.04.2013, 08:34 Uhr

Drogenentzug im Schlaf

Die Methode Accelerated Neuroregulation (ANR) - beschleunigte Regulierung des Nervensystems - verspricht einen nahezu schmerzlosen Heroin-, Methadon- oder Schmerzmittelentzug unter Narkose. Dabei verschlafen die Patienten die heftigen Entzugserscheinungen. Ähnliche Methoden gibt es seit den 1980er-Jahren. Die ANR-Methode hat der israelische Arzt André Waismann entwickelt. Er wendet sie seit 16 Jahren am staatlichen Barzilai-Hospital im israelischen Ashkelon an und sucht nun weltweit Kliniken, die seine Idee aufnehmen. Am Spital Interlaken wird die Methode erstmals in der Schweiz unter der Leitung von Patricia Manndorff durchgeführt.

Dabei werden die Patienten unter anderem mit Beruhigungsmitteln und Antiepileptika vorbehandelt, die den Kreislauf während des Entzugs stabil halten. Dann wird ihnen ein Narkosemedikament verabreicht, das sie während bis zu sechs Stunden in eine Art künstliches Koma versetzt. Über die Magensonde erhalten sie den Opiatblocker Naltrexon. Das Medikament wird individuell nach Patient dosiert. Es blockiert die Opiatrezeptoren der Nervenzellen im Gehirn. Damit aber weiterhin die körpereigenen Endorphine andocken können, dürfen nicht alle Rezeptoren blockiert werden. Denn die körpereigenen Opiate sind wesentlich an der Gemütsregulierung beteiligt. Nach der mehrstündigen Behandlung nimmt der Patient das Medikament Naltrexon weiterhin während bis zu eineinhalb Jahren in absteigender Dosierung ein, bis er es ganz absetzt. (jan)

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