Immerhin hebt eine Antonow ab

Im Flughafen Bern läuft nach dem Aus für Skywork nicht mehr viel. Umso mehr fällt es auf, wenn der grösste einmotorige Doppeldecker der Welt startet.

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Von Gewusel und Hektik keine Spur: Eine fast gespenstische Ruhe erfüllt das Empfangsgebäude im Belpmoos. Zwar sitzt eine uniformierte Dame hinter einem Schalter und unterhält sich mit einer anderen Mitarbeiterin. Diese, im Stundenlohn bezahlt, ist seit dem 5. Oktober erstmals wieder für einen Tag aufgeboten worden. Die blauen Anzeigetafeln, auf der bis Ende August, bis zum Aus von Skywork, viele Destinationen aufschienen, ist leer. Nicht ganz leer. «XX 2492, Saanen, 10:30» steht bei den Abflügen. Und bei den Ankünften: XX 2493, Saanen, 15:00».

Das sind beides wir. Der Verein Pro Belpmoos, der an guten wie an bösen Tagen zum Flughafen steht, lässt – das ist wörtlich zu verstehen – eine Antonow-2 einfliegen, um den Mitgliedern einen Ausflug zu bieten. Der «Bund» darf mit. Der grösste einmotorige Doppeldecker mit einer Spannweite von 18 Metern ist in Grenchen stationiert. Dort ist das Wetter gut, doch die Piloten starten erst, wenn sich auch in Belp der Nebel gelichtet hat, denn die Maschine sowjetischer Bauart fliegt auf Sicht.

Sogar die Spatzen sind weg

Es dauert noch etwas. Das Dutzend Flugbegeisterter lässt sich darum im Café nieder, das geöffnet ist und sogar mit frischen Sandwichs aufwartet. Auch andere Grüppchen vertreiben sich die Zeit im Kiosk- und Verpflegungsbetrieb vor der hohen Glaswand, hinter der sich einem aber nicht das gewohnte Spektakel bietet. Bei dieser Ruhe erregt selbst ein kleines Fluggerät, das draussen steht, Aufsehen. Die beiden Piloten, die es nach Bern gebracht haben, wandeln etwas betreten durch die Empfangshalle, die fast wie ein Film-Set wirkt. Sogar die Hinweiskarten auf den Tischen, dass man die «Vögel bitte nicht füttern» soll, sind gegenstandslos geworden: Offenbar wurde auch die naschende Spatzenflotte gegroundet.

Ältere Herren am Nebentisch verhalten sich nach dem Grundsatz, wonach man über Dinge, die zum Weinen sind, gescheiter lacht. «Wir wollten nach Lanzarote, nun fahren wir halt mit dem Postauto nach Lanzenhäusern», witzelt einer. Der andere ergänzt: «Fliegen ist ja soooo gefährlich.» Und einer aus der Antonow-Gruppe, der Wanderschuhe trägt, kündigt an, beim Flug am Niesen auszusteigen, um «i d Schwümm» zu gehen.

Schwere russische Qualität

Die Antonow sei im Anflug, heisst es nun. Die Gruppe begibt sich zum Check-in. Dort gibt es auch jetzt keine Halbheiten, selbst wenn die Gruppe nur so etwas wie ein Car-Fährtli in der Luft unternimmt. Die Flasche mit dem Getränkerest bleibt hier, das Piepsen wegen eines künstlichen Kniegelenks wird abgeklärt, Schuhe werden ausgezogen.

Dann landet die Maschine, am Steuer Christoph Dubler und sein Vater Hansruedi, der einst für die Swissair unterwegs war. Die Türe öffnet sich, eine Leiter wird angelehnt. Die Sitze sind längs der Wände angeordnet, man denkt an Truppentransporte oder die Moskauer Metro. Die Antonow-2 wurde 1947 in der Sowjetunion entwickelt und ab 1960 in Polen nachgebaut. Unser Exemplar von 1990 ist in Ungarn immatrikuliert. Die Maschine gehört dem Antonov-Verein Schweiz.

Langfädige Sicherheitshinweise entfallen. Das Handy darf anbleiben, denn Elektronik gibts an Bord nicht. Hier berührt der Pilot kein Display, sondern setzt Kabelzüge von solider sowjetischer Machart in Bewegung, und beim Reparieren hilft oft ein gezielter Hammerschlag. Eine Druckkabine gibts nicht, am unteren Türrand ist ein kleiner Luftspalt auszumachen. Die 1000 PS reissen das Flugzeug nach etwa 250 Metern förmlich von der Startpiste hoch. Es knattert und rüttelt, als sässe man auf einem überdimensionierten Rasenmäher.

Dann ist die Tafel wieder leer

Der «Traktor der Lüfte», wie die Antonow genannt wird, setzt nach einer guten halben Stunde auf dem Flugfeld von Saanen auf: Gstaad Airport. Im Juni wurde hier ein repräsentatives hölzernes Betriebsgebäude mit einer Lounge im hochwertigen Lodge-Style eröffnet. Die Gemeindeversammlung von Saanen hatte einen Millionenbeitrag fast einstimmig genehmigt, Einsprachen gab es nicht. Auch ein gewisser Bernie Ecclestone soll seine Schatulle geöffnet haben.

Nun werden die Reichen und Schönen standesgemäss empfangen und stellen ihre Maschinen in hochmodernen Hangars ein. Wer schwache Nerven hat, kann – gegen Bezahlung natürlich – verlangen, dass das Feuerwehrauto bei seiner Ankunft nicht nur im Betriebsgebäude steht, sondern sich mit Mannschaft, Löschschaum und laufendem Motor neben der Piste bereithält – für den Fall der Fälle.

Die Belpmoos-Gruppe fliegt wieder heim. Kurze Zeit später setzt die Maschine butterweich auf der Piste auf. «Saanen» verschwindet von der Informationstafel. Nun ist sie wieder blankblau. (Der Bund)

Erstellt: 22.10.2018, 06:12 Uhr

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