«Ich sehe keine Alternative»

Das neue Tram nach Ostermundigen könnte am Widerstand der bernischen Randregionen scheitern. Baudirektorin Barbara Egger sagt, dass sich jetzt das Land solidarisch mit der Stadt zeigen müsse.

Kommt die 10er-Linie auf die Schiene, würde zur Entlastung der Altstadt der 12er-Bus umgeleitet.

Kommt die 10er-Linie auf die Schiene, würde zur Entlastung der Altstadt der 12er-Bus umgeleitet.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Frau Egger, das neue Tram nach Ostermundigen steht und fällt mit der Zustimmung der Berner Landbevölkerung. Weshalb sollte diese Millionen für ein städtisches Tram-Projekt sprechen, von dem sie selbst nichts hat?
Ich appelliere an die Solidarität der Berner Landbevölkerung. Wenn die Stadt Bern zu Verkehrsprojekten auf dem Land – etwa kürzlich bei der Umfahrung Aarwangen – Ja sagt, soll auch die Landbevölkerung zum Tram in der Stadt Ja sagen.

Da gibt es allerdings einen grossen Unterschied: Die Umfahrung Aarwangen wird eine ganze Region entlasten, während das Tram lediglich eine punktuelle Verbesserung in der Stadt bringt.
Man muss das Projekt in einem Gesamtsystem sehen. Die Berner Agglomerationen – auch Ostermundigen – sind boomende Wirtschaftsstandorte. Wir werden in Zukunft das dortige Passagieraufkommen nicht mehr bewältigen können. Am Schluss wird darunter die Wirtschaft leiden und damit die Steuerzahler des ganzen Kantons.

Das Tram Ostermundigen wird mehr als eine Viertelmilliarde Franken kosten. Die Umfahrungsstrasse in Aarwangen wurde mit «bloss» 136 Millionen veranschlagt. Darin enthalten ist gar eine neue Brücke. Da ist es nicht weit her, dass Ihre Gegner von einem «Luxustram» sprechen und die Solidarität bröckelt.
Der Beitrag des Kantons am Tram Ostermundigen beläuft sich auf 100 Millionen Franken. Ein grosser Teil finanziert der Bund, der die Probleme auch erkannt hat. Ferner können wir nicht ein ÖV-Projekt in der Stadt mit einem Strassenprojekt auf dem Land vergleichen. Weil in einem dicht besiedelten Raum das Bauen viel aufwendiger und teurer ist.

Wenn man sich die Karte des Kantons mit den geplanten Verkehrsbauten anschaut, ist es eindeutig: Die meisten werden in der Stadt und Agglomeration Bern realisiert und nicht auf dem Land. Weshalb appellieren Sie dennoch an die Solidarität der Landbevölkerung?
Auf dem Wylerfeld wird zurzeit für 270 Millionen Franken an der Entflechtung des Schienennetzes gearbeitet. Den Nutzen davon haben aber nicht die Bewohner des Wylerfeldes – die haben höchstens den Baulärm. Nützen wird der Bau dem Emmental und dem Oberland, weil dank dem Projekt die Züge schneller in diese Regionen fahren können.

Für den Bau der neuen Tramlinie müsste eine ganze Baumallee gerodet werden. Blutet Ihnen da als linke Politikerin nicht das Herz?
Selbstverständlich tut es mir weh, wenn Bäume gefällt werden müssen. In einem dicht besiedelten Gebiet muss man aber manchmal Kompromisse eingehen. Und wichtig: Nicht die ganze Allee käme weg. Ein Drittel der Bäume würde stehen gelassen. Und ein weiteres Drittel wird sowieso ersetzt werden müssen, weil es krank ist.

Weshalb müssen die anderen Bäume aber überhaupt weg?
Nicht wegen den Fahrleitungen, wie oft fälschlicherweise gedacht wird, sondern weil mit dem Verlegen der Gleise auch die Werkleitungen saniert würden. Dies hätte eine zu starke Beschädigung des Wurzelwerkes der Bäume zur Folge.

Aber weg ist weg. Die Allee wäre verloren?
Nein, die Bäume werden wieder neu gepflanzt.

Die neue Tramlinie würde durch die Altstadt führen und die engen Platzverhältnisse weiter verschlimmern – ein Ärgernis für Touristen, Anwohner, Gewerbler. Wie gedenken Sie, dieses Problem zu lösen?
Der 12er-Bus, welcher jetzt durch die Hauptgasse fährt, würde via Bundeshaus umgeleitet und die Situation entlasten.

Gäbe es nicht ganz grundsätzlich Alternativen zum neuen 10er-Tram?
Im Moment sehe ich keine.

Eine Möglichkeit wäre, doppelt gelenkte Busse zu beschaffen. Die sind günstiger, können auf flexiblen Routen geführt werden, und man müsste auch keine Baumallee roden.
Wir wissen schon heute, dass diese Busse innerhalb kürzester Zeit an ihre Kapazitätsgrenzen stiessen. Es handelt sich um eine sehr kurzfristige Lösung, die am Schluss teurer käme.

Denkbar wäre, dass die S-Bahn nach Ostermundigen ausgebaut würde. Weshalb versuchen Sie nicht erst hier das Potenzial auszuschöpfen?
Wir sind schon lange daran, die S-Bahn nach Ostermundigen auszubauen. Wir streben im Berner Agglomerationskern einen 7,5-Minuten-Takt an. Selbstverständlich haben wir dies bei den Prognosen fürs Tram mit eingerechnet.

Für die Autofahrer bedeutete die neue Linie viel Ärger. Sie müssten im Stop-and-go hinter den roten Trams nachfahren. Busse hingegen könnten einfach überholt werden.
Das ist falsch. Mit dem Tram könnten Autofahrer sogar bei einer Station mehr überholen als beim bisherigen 10er-Bus. Kommt hinzu, dass das Tram nur noch im 6-Minuten-Takt verkehren würde. Die Busse hingegen müssten viel näher aufeinander folgen.

Selbst viele Fahrradfahrer möchten die Trams aus der Stadt verbannen. Die Gleise sind gefährlich. Jedes Jahr gibt es viele Unfälle deswegen. Gleichzeitig proklamiert Bern den Titel «Velostadt» für sich. Ist da der Bau einer neuen Tramlinie nicht ein Widerspruch?
In der Stadt wird dieses Thema natürlich heiss diskutiert. Trotzdem hat Bern letzten Herbst dem neuen Tram sehr deutlich zugestimmt. Ich behaupte: Unter den Befürwortern waren viele Velofahrer.

Am 4. März wird das Stimmvolk über Ihren Tram-Vorschlag befinden. Was passiert, wenn das Projekt zum zweiten Mal scheitert?
Falls dieser Fall tatsächlich eintreffen sollte – was ich wirklich nicht hoffe –, dann müsste die Region Bern bei der gesamten Verkehrsplanung über die Bücher.

Der Bund

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