«Ich frage mich immer: Ist das bezahlbar?»

Annemarie Berlinger (SP), die erste Gemeindepräsidentin von Köniz, steht zwar weit links, kritisiert aber ausgerechnet das Verhalten ihrer eigenen Partei.

Nur Protestieren bringe nichts, findet Annemarie Berlinger.

Nur Protestieren bringe nichts, findet Annemarie Berlinger.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Simon Preisig@simsimst

Frau Berlinger, der neue Gemeinderat von Köniz hatte seine erste Sitzung. Im Wahlkampf wurde Ihre Führungserfahrung bezweifelt. Hören die anderen nun auf Sie? Wir haben viel diskutiert, es war eine sehr konstruktive Sitzung. Es ist gut, dass zwischen meiner Wahl und dem Amtsantritt eine längere Pause war. So konnten wir alle Abstand gewinnen. Obwohl es ja im Wahlkampf sehr gesittet zu- und hergegangen ist, waren wir halt Gegner. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir ein gutes Team werden.

Sie wollten nicht gewählt werden, nur weil Sie eine Frau sind. Wenn wir trotzdem davon ausgehen, dass viele Frauen Sie unterstützt haben, was können sie von Ihnen erwarten? Ich will als Gemeindepräsidentin Frauen aufzeigen, dass eine solche Position durchaus eine Möglichkeit ist. Viele Frauen, die in der Politik sind, haben keine Kinder. Ich habe drei im Schulalter. Es ist mir wichtig, dass Frauen in Führungspositionen eine Selbstverständlichkeit werden. Sicher werde ich auf der Gemeindeverwaltung die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern.

Wie werden Sie als Gemeindepräsidentin den ländlichen und den urbanen Teil von Köniz zusammenhalten? Ich will hier keinen Graben herbeireden. Die Wechsel vom ländlichen in den städtischen Teil und umgekehrt passieren im Alltag sehr häufig. Es macht einen Unterschied, ob jemand in Oberscherli oder in Wabern wohnt. Aber betrifft mich das als Gemeindepräsidentin wirklich direkter als zwei unterschiedliche Leben im urbanen Liebefeld? Eine reiche Familie, die in einem grossen Haus lebt, und ein Sozialhilfebezüger in einer kleinen Wohnung haben auch völlig unterschiedliche Bedürfnisse. Ich möchte, dass sich Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen in Köniz wohlfühlen.

Die wichtigste Abstimmung der nächsten Zeit betrifft dieses Spannungsfeld: Im ländlichen Teil kämpfen Bauern gegen die Ortsplanung. Die Bauern sind eine Gruppe, die sich gewehrt hat. Und diese Bauern wohnen in der oberen Gemeinde, also dem ländlichen Teil von Köniz. Dort leben aber auch ganz viele andere Menschen. Und ich glaube auch, dass der neu gewählte SVP-Gemeinderat Christian Burren eine vermittelnde Rolle einnehmen wird. Es ist gut, dass jetzt auch ein Vertreter der Landwirtschaft im Gemeinderat sitzt.

Haben Sie Burren und somit der SVP deshalb die einflussreiche Planungsdirektion zugeschanzt? Die Direktionsverteilung ist im Hinblick auf die Ortsplanungsrevision sicher gut. Daraus zu schliessen, dass dies der einzige Entscheidungsgrund war, ist falsch.

Die Grünen betrachten ja nun mit der Planungsdirektion in SVP-Hand bereits die Könizer Velooffensive als gescheitert. Ich will diese Entscheide nicht weiter kommentieren. Wir haben lange diskutiert, und so, wie wir die Direktionen verteilt haben, macht es Sinn.

Ihr Smartvote-Profil zeigt, dass Sie auch innerhalb der SP relativ weit links stehen. Fallen Ihnen solche Kompromisse wirklich leicht? Ich bin keine Ideologin. Dies würde in meiner neuen Rolle als Gemeindepräsidentin auch gar nicht funktionieren. Meine Werte sind links, ja. Die Ausrichtung bestimmt aber nur, von wo aus ich ein Thema zuerst anschaue. Ich kann dann auch andere Perspektiven einnehmen. Ich frage mich immer: Ist das bezahlbar? Was ist umsetzbar? Ich habe Mühe damit, was auf kantonaler Ebene passiert und wie sich die Linke verhält.

Was passt Ihnen nicht? Es wird vor allem angeprangert und protestiert. Doch so kommen wir nirgends hin. Ich finde, wir müssten besser abschätzen, bei welchen Themen noch etwas erreicht werden kann, und dann verhandeln. Es fehlen Menschen, die Brücken bauen. Und die kommen auch mit Protestieren nicht zurück.

In Köniz ist die SP stärkste Kraft. Das ist natürlich eine angenehmere Ausgangslage. Hier in Köniz muss ich dafür ganz andere Dinge erklären. Zum Beispiel, dass ich als Linke nichts gegen KMU habe. Darauf werde ich immer wieder angesprochen. Aber es sind ja die KMU, die in der Gemeinde Arbeitsplätze schaffen und nachhaltig vor Ort arbeiten und produzieren. Wenn ich in der Wirtschaft Zustände anprangere, dann ist dies beim Vorgehen der Grosskonzerne.

Erhöht Köniz die Steuern? Dazu kann ich noch nichts sagen. Wir müssen das nächste Budget zuerst im Gemeinderat besprechen. Ich als Präsidentin kann da nichts allein bestimmen. Ohnehin werde ich in den nächsten Monaten viel zuhören und mir einen Überblick verschaffen. Als Parlamentsmitglied sieht man nur einen Teil der Gemeindepolitik. Doch da ist viel mehr, das habe ich in den letzten Wochen gelernt.

Inwiefern? Gerade in der Regionalkonferenz läuft viel. Dies müsste besser bekannt werden. Für mich hört die Gemeinde Köniz nicht an der Gemeindegrenze auf, wir müssen darüber hinausschauen und uns noch besser vernetzen.

Das klingt schon fast nach Fusion. Das Wort «Fusion» wird häufig missverstanden und löst sofort starke Emotionen aus. Dies habe ich an den Wahlkampfpodien gemerkt. Eine Fusion strebe ich nicht an und eine solche ist in den nächsten Jahren auch gar nicht realistisch. Wir dürfen aber den Blick nicht verschliessen vor dem, was noch kommt. Bereits heute offen darüber nachzudenken, ist für mich Pflicht.

Der Bund

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