Gesucht: Götti oder Gotte für Dobrusch

Walter Frey (75) möchte die Leitung des Vereins Partnerschaft Ittigen-Dobrusch in einem Jahr abgeben. Der frühere Gemeindepräsident sagt über die 25-jährige Zusammenarbeit mit einer Gemeinde in der «letzten Diktatur Europas»: Man wolle helfen, nicht politisieren.

«Wir haben nie politisiert, im Zentrum steht die humanitäre Hilfe», sagt Walter Frey über das Engagement im Land von Diktator Alexander Lukaschenko.

«Wir haben nie politisiert, im Zentrum steht die humanitäre Hilfe», sagt Walter Frey über das Engagement im Land von Diktator Alexander Lukaschenko.

(Bild: Adrian Moser)

Eine Gemeindepartnerschaft kann vom Austausch von Weihnachtsgrüssen bis hin zu regelmässigen Besuchen und Entwicklungsprojekten reichen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion boomten Neugründungen von bernisch-osteuropäischen Partnerschaften. Bei vielen ist die Liaison inzwischen eingeschlafen. Nicht so in Ittigen. Vorerst. Die Partnerschaft mit der weissrussischen Gemeinde Dobrusch feiert in diesem Jahr den 25. Geburtstag. Die Finanzierung des Vereins ist aber nur bis 2016 gesichert (siehe Box).

Walter Frey hat die Partnerschaft 
fein säuberlich dokumentiert. Auf dem Tisch in einem Café am Ittiger Bahnhof breitet er Sitzungsprotokolle, Zeitungsartikel und von Hand beschriftete Foto-Collagen aus. Die Bilder stammen von Freys Besuchen in Dobrusch. Jedes Jahr fährt er hin, oft in Begleitung seiner Frau Verena (78), die Russisch spricht. Auf einem Foto sieht man Behinderte, die ein Theater aufführen. Auf einem anderen das Ittiger Wappen im Museum von Dobrusch. Daneben hängt ein Rahmen mit Fotos von Dobruscher Schulkindern, die in einer Berglandschaft posieren.

Erste Reise im Jahr 1991

Die Stadt Dobrusch hat rund 20'000 Einwohner und befindet sich nahe der ukrainischen und der russischen Grenze im Südosten Weissrusslands. Die Region war von der AKW-Katastrophe von Tschernobyl 1986 betroffen. Die Ittiger Gemeinderätin Rosmarie Locher hatte Kontakte zu Weissrussland. «Wir fragten an, ob bei einer Gemeinde in der weiteren Umgebung von Tschernobyl Interesse an einer Partnerschaft bestand», sagt Frey, der damals Gemeindepräsident war. Dobrusch hatte Interesse. Im Januar 1991 fuhr Frey mit dem Zug nach Weissrussland, später dann mit dem Auto. «Das ist ein Abenteuer», sagt er. Erst bis Warschau und von dort quer durch Polen nach Brest. Von Brest nach Dobrusch sind es nochmals über 600 Kilometer. «Treibstoff mussten wir am Anfang selber mitnehmen, da es keine Tankstelle weit und breit gab. In der Nacht war es zudem stockdunkel auf den Strassen.»

Ein Velo für den Zöllner

Am Anfang der Partnerschaft lud Ittigen jedes Jahr eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen aus Dobrusch zum Ferienlager an die Lenk ein – daher die Aufnahmen im Museum. Frische Bergluft gegen radioaktive Verstrahlung.

Auf der anderen Seite waren in dieser Zeit Hilfsgüterlieferungen wichtig. Ittigen belieferte Dobrusch mit Kaffee und Vitaminpillen, Velos und Waschmitteln. Am Anfang habe man die Sachen noch problemlos verteilen können, wie Frey sagt. Auch der Grenzübertritt sei unkompliziert gewesen. Da habe halt der Zöllner ein Velo aus der Ladung für sich behalten und den Laster ohne weiteres durchgewinkt. Bald öffneten mehr Läden, die Verwaltung wuchs, und 1994 kam mit Alexander Lukaschenko ein autoritäres Regime an die Macht. Die Gemeindepartnerschaft störte dies wenig. Ihr Schwerpunkt verlagerte sich nun auf direkte Unterstützungsleistungen an Schulen, Altersheime und andere gesellschaftliche Institutionen. «Natürlich ist Lukaschenko ein Diktator», sagt Frey. «Aber wir haben nie politisiert. Im Zentrum stand und steht die humanitäre Hilfe.» Nicht immer ist die Beziehung harmonisch, manchmal gibt es Streit um die Verteilung der Mittel. Die amtierende Gemeindepräsidentin von Dobrusch würde gerne auch Strassen, Bushaltestellen oder das ihrem Departement unterstellte Kulturhaus mit dem Geld aus Bern renovieren. «Aber am Schluss entscheidet unser Verein. Hilfe bekommen die, welche sie am meisten brauchen», so Frey: die Armen, die Alten, die Kranken, die Alleinerziehenden.

Nachfolge noch nicht geregelt

Frey kontrolliert in Dobrusch die Abrechnungen, besucht renovierte Einrichtungen und bespricht mit den Verantwortlichen und der Gemeinderegierung die nächsten Projekte.

Ungewiss ist, wie lange die Partnerschaft noch so intensiv gepflegt wird. Auf 2016 möchte Frey das Vereinspräsidium abgeben. Als mögliche Nachfolge ist die Ittiger FDP-Präsidentin und Vereins-Vizepräsidentin Helene Blatter im Gespräch. Sie könne es sich vorstellen, wie sie sagt. Definitiv sei aber noch nichts. Zudem könne sie nicht jedes Jahr nach Dobrusch reisen.

Der Bund

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