Freiraum füllt die Braui

Ein alternatives Kollektiv will die Brauereiwirtschaft in Wabern zu neuem Leben erwecken. Kultur und Gastronomie werden dabei mit sozialem Engagement verbunden.

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Ein langes Jahr lang war die traditionsreiche Brauereiwirtschaft in Wabern verwaist. Hier, in dem Haus mit Baujahr 1896, diskutierten die Waberer am Stammtisch über Gott und die Welt. Hier wurde über Jahrzehnte hinweg das frischeste Gurtenbier aus der anliegenden Brauerei gezapft. Im grossen Theatersaal startete Komiker Massimo Rocchi einst zu einer nationalen Karriere durch. Doch die besten Tage schien die Braui hinter sich zu haben. Die Wirte warfen gleich reihenweise das Handtuch. Die leere Hülle verstaubte und verlotterte scheinbar unaufhaltsam.

Doch nun wird das alte Haus von Wabern ordentlich durchgelüftet. Mit unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden und einer grossen Portion Idealismus haben die rund 60 Künstler, Sozialarbeiter, Handwerker und Akademiker des Kollektivs Freiraum das ganze Gebäude auf Vordermann gebracht. Heitere Fahne soll das neue Lokal heissen und Kultur, Gastronomie und soziales Engagement unter einem Dach vereinen.

Integration auf Augenhöhe

Die Macher hinter dem Projekt sind in Bern keine Unbekannten. Seit zehn Jahren organisiert das Kollektiv für die Behindertenorganisation Insieme Ferienlager – und vor fünf Jahren stellten die selbst ernannten Idealisten das integrative Musik- und Theaterfestival Säbeli Bum auf die Beine.

Ziel sei es stets gewesen, Integration nicht als Wohltätigkeit, sondern als Selbstverständlichkeit zu leben, sagt Hannes Hergarten, Mitglied des Kollektivs. Die Besonderheiten jedes Einzelnen sollen in der Gemeinschaft aufgehen, und dadurch soll eine neue, buntere Form von Normalität entstehen.

Tanzbeinschwingen und Burezmorge

Wer sich auf das neueste Experiment in Wabern einlassen wird, steht noch in den Sternen. «Wir können nicht alle ansprechen – aber wir können zumindest niemanden ausschliessen», sagt Kollektiv-Mitglied Felicia Kreiselmaier. «Je mehr Vielfalt, desto besser.» Dieses Motto widerspiegelt sich auch in den Ideen, mit denen die Räume gefüllt werden sollen. Bereits am dreitägigen Eröffnungsanlass vom übernächsten Wochenende soll ein Mix aus Theaterperformances, Podiumsgesprächen, Burezmorge mit Volksmusik und Tanzveranstaltung das Volk in die Heitere Fahne locken.

Ab Mitte November ist dann jeweils der Dienstag für kulturelle, der Mittwoch für die generationenverbindende und der Donnerstag für kulinarische Anlässe vorgesehen.

Gearbeitet wird weiterhin ausschliesslich ehrenamtlich. Die eigentliche Währung in der Fahne seien Ideen und Engagement, sagt Hergarten. Kopflos konsumieren könne man anderswo bereits genug.

Pilotprojekt mit Hürden

Dem neuen Betreiberteam stellt sich aber eine ganze Reihe handfester Herausforderungen – finanzieller Natur beispielsweise. Noch ist die Heitere Fahne ein auf ein halbes Jahr beschränktes Pilotprojekt, das die Macher vollumfänglich aus der eigenen Tasche berappen. «Nach einem halben Jahr werden wir weiterschauen müssen», sagt Samuel Schneider, Mitglied des Kollektivs. Die Hoffnung sei, dass man bis dahin auch den einen oder anderen Mäzen für das Projekt begeistern könne. «Aber zunächst müssen wir selber laufen lernen.»

Über Wohl und Wehe des Projekts werden aber schliesslich auch die Waberer entscheiden. Insbesondere dürfte dies für die direkten Anwohner gelten. Schliesslich ist an einem Wochenende pro Monat auch ein grösseres Event im ringhörigen Theatersaal geplant. Nicht zuletzt deshalb lud das Kollektiv bereits gestern zu einem ersten Stelldichein in die Fahne ein. Die Reaktionen fielen dabei durchwegs positiv aus. Einen «Farbtupfer» erhofft sich Herbert Hügli, Präsident des Wabern-Leists, und zeigte sich erfreut, dass das Leben wieder in die «Braui» zurückgekehrt sei. Moël Volken, Betriebsleiter der Kulturinstitution Villa Bernau, spricht von einem «Lebensschub» und liess sich mit seiner Band bereits für ein Konzert am Eröffnungsfestival buchen. Alfred Marti von der Behindertenstiftung Bächtele will prüfen, wo sich Felder für eine mögliche Zusammenarbeit auftun könnten.

Sympathie für Projekt

Und auch von der Gemeinde Köniz sind Sympathiebekundungen zu vernehmen. «Eine Unterstützung der kulturellen Angebote ist durchaus denkbar – sofern dies denn erwünscht ist», sagt Marianne Keller, Leiterin der Abteilung Kultur. Für verbindliche Aussagen sei es aber zu früh.

Schliesslich zeigt sich auch Franziska Käch, Braui-Wirtin von 1965 bis 1988, erfreut über das Engagement der jungen Wilden. Sie erhoffe sich, dass sich auch ihre «Stämmeler und Vereinsmenschen» in der Fahne wohlfühlen können. Ob die Alteingesessenen die Fahne noch als Braui erkennen, wird sich zeigen müssen. Die Nachbarschaft bekundete jedenfalls kaum Interesse am Willkommens-Apéro. (Der Bund)

Erstellt: 25.10.2013, 15:02 Uhr

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Heitere Fahne

Weitere Informationen unter www.dieheiterefahne.ch

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