Explosionsgefahr ungenügend geprüft

Die Atomaufsicht wirft der BKW vor, sie habe die Gefahr von Wasserstoffexplosionen in Mühleberg ungenügend geprüft – und gewährt 
ihr eine neue Frist für Nachbesserungen. Dies sei zu nachsichtig, finden Kritiker. Die BKW sagt, sie wolle die Auflagen erfüllen.

Kann Wasserstoff im Reaktorgebäude zu Explosionen führen? Die BKW muss dies erneut abklären.

Kann Wasserstoff im Reaktorgebäude zu Explosionen führen? Die BKW muss dies erneut abklären. Bild: Manu Friederich

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Die Fernsehbilder von den explodierenden Reaktoren in Fukushima haben sich im März 2011 einem weltweiten Publikum eingeprägt. Für die Schweiz gab das Eidgenössische Nuklearsicherheits­inspektorat (Ensi) knapp ein Jahr später bezüglich der Explosionsgefahr Entwarnung. Dieser Befund sei verfrüht, bemängelte damals nicht nur der Mühleberg-Kritiker Markus Kühni, sondern auch die offizielle Eidgenössische Kommission für nukleare Sicherheit (KNS).

Offenbar zu Recht. Denn am letzten Mittwoch teilte das Ensi mit, dass es in allen AKW «Nachrüstungen zum Wasserstoffmanagement bei Unfällen fordert». Als die Brennstäbe in Fuku­shima schmolzen, entstand in ­einer chemischen Reaktion Wasserstoff. «In Verbindung mit Sauerstoff bildet sich Knallgas, das bereits in kleinen Konzentrationen gezündet werden kann», schreibt das Ensi. Es handelt sich also um eine Gefahr, die entsteht, wenn ein sehr seltener und sehr schwerer AKW-Unfall bereits im Gang ist. Das Ensi betont auf Anfrage, «dass alle Kernkraftwerke in der Schweiz über einen guten Schutz» gegen Wasserstoffexplosionen verfügten, «jedoch die Sicherheitsmarge weiter erhöht werden kann».

Ensi wirft BKW Fehler vor

Für Mühleberg hält die Mitteilung des Ensi zunächst die gute Nachricht fest: Anders als bei den anderen AKW ist im Containment (Sicherheitsbehälter) kein Sauerstoff vorhanden. Damit sei im ­Containment die «Bildung von Knallgas ausgeschlossen». Für den Schutz des ­Reaktorgebäudes hingegen seien weitere Untersuchungen nötig, und es sei ein Messsystem nachzurüsten. Das tönt nach wenig. Ein anderes Bild zeigt sich, wenn man die detaillierte ­Stellungnahme der Atomaufsicht zum Bericht der BKW liest, die ebenfalls auf der Internetseite des Ensi aufgeschaltet ist. Dort geht es zunächst um das Reaktorgebäude, das die zweite wichtige Schutzhülle im AKW nach dem Containment ist. Laut Ensi kann unter anderem über Leckagen des Containments Wasserstoff in das Reaktorgebäude gelangen und dort mit Sauerstoff Knallgas bilden. In seiner Stellungnahme wirft das Ensi der BKW eine ganze Reihe von Fehlern vor. So habe die BKW in ihrem Bericht die Summe des Wasserstoffs, der aus möglichen Lecks entweichen könnte, nicht richtig zusammengezählt. Zudem gehe sie fälschlicherweise davon aus, dass Wasserstoff sich gleichmässig im Raum verteilen würde – und keine gefährlichen Konzentrationen bildet.

Pikant ist: Sogar den «Versagensdruck des Reaktorgebäudes» hat die BKW laut Ensi «nicht korrekt» angegeben – sondern um mehr als das Anderthalbfache zu hoch. Und dies, obwohl die Atom­aufsicht schon vor einem Jahr in anderem Zusammenhang eine Korrektur angemahnt hatte. Vor allem aber: «Unfallbedingte Zustände im Containment/­Reaktorgebäude blieben unberücksichtigt», und zwar auch das laut Ensi wahrscheinlichste Gefahrenszenario, dass Wasserstoff über die Dichtung des Containment-Deckels entweichen könnte.

Explosion statt Entlastung?

Offen bleibt auch, ob Knallgasexplosionen gerade das zerstören könnten, was bei einem schweren Unfall Entlastung bringen müsste: das sogenannte Druckentlastungssystem, mit dem der radioaktive Dampf aus dem Containment über Filter und Kamin in die Umgebung abgelassen würde – damit das Containment nicht zerbirst. «Die Möglichkeit ­einer Flammbeschleunigung im Druckentlastungssystem ist zu untersuchen», fordert das Ensi. Ob das wichtige System überhaupt erdbebenfest ist, wird dagegen erst ein laufendes Ensi-Projekt zeigen, das noch nicht abgeschlossen ist.

Bei Erdbeben fällt Belüftung aus

Sollte ein schwerer Unfall durch ein Erdbeben ausgelöst werden, wäre die Lage ohnehin gravierend. Denn: «Die Reaktor­gebäudebelüftung ist nicht erdbebenfest ausgelegt.» Die BKW müsse deshalb prüfen, wie sie Wasserstoff mit Notfallmassnahmen aus dem Reaktorgebäude entfernen könnte. Zudem muss sie ein Messsystem für Wasserstoff im Gebäude vorschlagen, das «auch nach einem Erdbeben funktionsfähig ist». Weiter muss die BKW dem Ensi Vorschläge für neue Wasseranschlüsse im AKW machen – damit Feuerwehrleute von aussen Wasser in ein wichtiges Sicherheitssystem pumpen könnten.

Das Ensi hat der BKW nun eine neue Frist bis Ende Juni gesetzt, um eine korrekte Analyse vorzulegen und Vorschläge für Nachrüstungen einzureichen. «Die BKW kann einen ungenügenden Bericht nach dem anderen einreichen», kritisiert Mühleberg-Gegner Kühni: «Das Ensi 
tadelt, setzt aber trotzdem immer neue Fristen. Nachrüstungen kann man offenbar aussitzen.» Die BKW teilt auf Anfrage mit, dass Sicherheit für sie «oberste Priorität» habe. «Entsprechend werden wir die Forderungen des Ensi bearbeiten und fristgerecht beantworten.» (Der Bund)

Erstellt: 24.01.2015, 08:24 Uhr

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