«Es war schon immer in mir drin»

Ein Mann in einem Frauenkörper, eine Frau in einem Männerkörper: Ihre Geschlechtsidentität liegt im Gegengeschlecht. Der Berner Henry Hohmann setzt sich für die Anliegen von Transmenschen ein.

Henry Hohmann wusste schon als Kind, dass mit ihm etwas anders ist.

Henry Hohmann wusste schon als Kind, dass mit ihm etwas anders ist.

(Bild: Valérie Chételat)

«Wie begrüssen sich Männer? Darf ich die Beine noch übereinanderschlagen?» Mit solchen Fragen beschäftigte sich Henry Hohmann nur in der Anfangszeit seiner Transition vor vier Jahren. Er fühlte sich unsicher, ging wie «undercover» durch die Männerwelt. «Ich habe nicht gelernt, Mann zu sein», sagt der 50-jährige Kunsthistoriker.

Als Mädchen sozialisiert

So sei es auch ganz normal, dass jeder Transmensch (siehe Kasten) am Anfang in Klischees denke und seine neue Rolle teilweise extrem auslebe. Mittlerweile ist Hohmann Co-Präsident der Transmenschen-Organisation Transgender Network Switzerland, wo er sich auch mit gesellschaftlichen und rechtlichen Fragen befasst: «Warum verlieren viele Transmenschen ihre Arbeitsstelle? Warum werden sie oft depressiv? Wie könnte die Änderung des Personenstands einfacher werden?»

Henry Hohmann lebt seit 2010 als Mann, der Männer liebt. Der Schritt hat bei ihm Jahrzehnte gedauert, obwohl er schon als Kind wusste, dass mit ihm etwas anders ist. Mit vier Jahren habe er gesagt, dass er ein Junge sei. Spätestens ab Beginn der Schulzeit habe er sich damit abgefunden, dass er anders tickte als die Mädchen seiner Klasse. Trotzdem wurde er als Mädchen sozialisiert und trat als Frau ins Erwachsenen- und Berufsleben ein. Später heiratete er.

Krankenkasse bezahlt Operation

Sein Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung kam für ihn und für sein Umfeld eher überraschend. So gab es bei ihm keinen langen Leidensweg oder ein auslösendes Erlebnis. «Es war schon immer in mir drin.» Plötzlich war klar, dass er als Mann leben will. Es folgten Gutachten, Hormontherapie, Namensänderung, Operation und Wechsel des amtlichen Geschlechtseintrags. Aber so einfach, wie sich das eben anhört, war der Prozess keineswegs. Zwar sind die Rahmenbedingungen für Transmenschen in der Schweiz fortschrittlich; so gehört die Schweiz zu den wenigen Ländern, in denen die geschlechtsanpassenden Operationen zu den Pflichtleistungen der Krankenkassen gehört.

Doch damit die Kasse bezahle, müssten Transmenschen mittels psychiatrischen Gutachtens beweisen, dass der Leidensdruck nur mit einer medizinischen Behandlung zu beheben sei, sagt Hohmann. Ein weiteres Problem für Transmenschen ist laut Hohmann, dass die Qualität der geschlechtsangleichenden Operationen – aufgrund der geringen Fallzahlen in der Schweiz – nicht optimal ist. Bessere Ergebnisse würden zum Beispiel in Deutschland und Thailand erzielt, aber die Krankenkassen weigerten sich, bis auf wenige Ausnahmen, die Operationen im Ausland zu übernehmen. Zudem wird Trans nach wie vor bei den psychischen Krankheiten eingeordnet, als «Geschlechtsidentitätsstörung». Laut Hohmann hat das zur Folge, dass eine Änderung des Personenstands nur mittels psychiatrischen Gutachtens möglich ist.

Auch kann diese Änderung in den meisten Kantonen nur durch Unterbindung der Fortpflanzungsfähigkeit vorgenommen werden (siehe Box). Hohmann vermutet dahinter die Befürchtung, dass Transmänner Kinder gebären oder Transfrauen Kinder zeugen könnten – was beides im Rechtssystem nicht vorgesehen sei. Die Gewissheit, eine andere Geschlechtsidentität zu haben, als der Körper vorgibt, sei keine psychische Störung, sondern erst der darauf folgende Leidensdruck könne psychische Erkrankungen hervorrufen, sagt Hohmann. So kommen laut Studien Suchtmittelmissbrauch und Depressionen bis hin zu Suizid bei Transmenschen überdurchschnittlich oft vor.

Mehr Selbstbestimmung

Henry Hohmanns Weg ist eine Ausnahme. Er ist immer noch mit demselben Mann verheiratet, arbeitet am gleichen Ort wie vorher und auch sein Umfeld ist das gleiche geblieben. Ansonsten machen sehr viele Transmenschen die Erfahrung, dass sie nach dem Coming-out in ihrem Umfeld auf Unverständnis stossen. Hohmann erklärt sich dieses Verhalten damit, dass in der Gesellschaft zwei Geschlechter existieren, deren Grenzen sich in den letzten Jahren zudem wieder verhärtet haben. «Das eigene Geschlecht wird von den meisten Menschen nie infrage gestellt», sagt er.

Wer nicht eindeutig als Frau oder als Mann zu erkennen sei, löse Irritation aus. Besonders in der Phase des Übergangs und oft auch danach würden Transmenschen auffallen, weil sie nicht leicht einzuordnen seien. Auch am Arbeitsplatz kann das zu Schwierigkeiten führen. So zeigt die erste Schweizer Studie zur Arbeitssituation von Transmenschen, dass durchschnittlich jede Person während der Phase des Übergangs einmal den Job verliert und dass 20 Prozent arbeitslos sind, ausgesteuert oder IV-Bezüger werden.

Als Co-Präsident von Transgender Network Switzerland will Hohmann mithelfen, die rechtliche Situation zu verbessern und damit die Selbstbestimmung von Transmenschen weiter voranzutreiben. Heute findet zu diesem Thema an der Universität Bern eine Tagung statt, die er mitorganisiert hat. Und sein Traum für die Zukunft? Hier knüpft er an eine bereits in den 1990er-Jahren geäusserte Aussage von Sexualforscher Volker Sigusch an: «dass der Gesetzgeber allen (volljährigen) Menschen freistellt, über die eigenen Vornamen und die eigene Geschlechtszugehörigkeit selber zu entscheiden – ohne Genehmigungs- und Gerichtsverfahren und ohne medizinische Behandlung».

Der Bund

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